Reden und Schweigen nach Hanau: Kein Keks für Nazis

Hanau wird jetzt als Zäsur beschrieben. Waren nicht die NSU-Morde auch eine Zäsur? Die mehrmalige Aufdeckung rechter Netzwerke?

Zwei grosse Metallfiguren, umrahmt von einem Wall aus handgrossen Metallringen, zerreissen ein Hakenkreuz.

Mahnmal für die Opfer von Solingen Foto: Guido Schiefer/imago-images

Tag zwei nach Hanau.

„Habt ihr heute in der Schule über Hanau gesprochen?“

„Nein.“

Schweigen.

Ich krame in mir, um irgendwas Erwachsenes, Vernünftiges zu sagen oder zumindest gefasst zu reagieren. Ich atme laut aus und merke, o. k., jetzt – weiß ich nicht mehr weiter. Wie geht das, Sprechen, wenn alles noch im Kopf herumwabert und nicht wirklich zu Buchstaben, Silben und Sätzen geordnet werden kann? Alles, was Sinn ergeben könnte, wurde doch schon gesagt, mehrfach.

Schweigen also.

Früher konnte das Kind noch über Nazis lachen. Als es viel jünger war und noch auf elterliche Schultern passte, hatte es auf einer 1.-Mai-Demo in Kreuzberg die Parole „Kein Keks für Nazis“ skandiert und sich sichtlich darüber gefreut, dass alle Erwachsenen ihren frisch erfundenen Spruch toll fanden. Bekannte und unbekannte Gesichter lachten das Kind an und freuten sich mit ihr. Ey super, riefen wir, der Spruch muss auf T-Shirts! Und auf Ballons! Das Kind quiekte vor Freude über seinen Erfinder*innengeist und war den ganzen Tag so glücklich, dass es sogar ohne Murren stundenlang in der Demo mitlief.

Noch viel früher, als ich selbst noch ein Kind war, konnten wir die Skinheads, oder wie meine Elterngeneration sie nannte, dazlaklar, als Gruselgeschichte verbuchen. Nazis, hey, die gab’s doch bloß als Foto in der Deutschlandausgabe der Hürriyet, aber doch nicht in Berlin.

Dann passierte Mölln.

Dann passierte Solingen.

Und plötzlich sprachen meine Eltern und andere Eltern sehr ernst miteinander. Das leise Türkisch vertrieb die Nazis nicht aus unserem Wohnzimmer. Sie waren jetzt da, saßen bei jedem ernsten Schweigen mit am Esstisch und breiteten sich aus: in den Gesichtern meiner Eltern. In ihren Plänen für morgen und übermorgen, in den Beteuerungen, die sie an ihre Eltern in den Telefonaten richteten, wenn diese sich wiederum erkundigten, dass doch alles in Ordnung sei und dass sie sich keine Sorgen machen müssten.

Jeder Besuch brachte neue Dazlak-Geschichten ins Haus. Kamen wir ins Zimmer, wurde das Gespräch abgebrochen. Wir Kinder sollten nicht mit ihrer Angst belastet werden. Meine erste Demo war eine Demo auf dem Ku’damm gegen die Anschläge in Solingen. Meine Mutter begleitete mich. Einfach weil sie nicht wollte, dass ich da alleine hinging. Vermutlich schwiegen wir, als wir dort mitliefen.

Das leise Türkisch vertrieb die Nazis nicht aus unserem Wohnzimmer. Sie waren jetzt da, saßen bei jedem ernsten Schweigen mit am Esstisch und breiteten sich aus

Tag fünf nach Hanau.

„Merhaba.“

„Merhaba.“

„Bir paket sigara verir misiniz? Evet, yesil ­paket.“

Der Kioskverkäufer reicht mir die Schachtel Zigaretten.

„Yedi Euro.“

Sollte ich fragen, wie es ihm geht? Nach Hanau? Was würde er antworten? Ich traue mich nicht, da es womöglich ein journalistisches Fragen wäre.

Auf viele Nachrichten von Freunden, Bekannten, Kolleginnen, die mich in den letzten Tagen fragen, wie es mir geht, habe ich kaum geantwortet. Das hat eine neue Dimension, dass wir uns gegenseitig abklopfen. Emotionen zulassen, wenn welche da sind. Meine Emotionen sind zu Hause geblieben heute, ich muss arbeiten. Der Kioskbesitzer wartet darauf, dass ich meine Geldbörse einpacke, und nickt mir freundlich zu.

Ich verlasse den Kiosk. Ich wünschte, es gäbe diese alten Bonbonautomaten, wo man zehn Pfennig oben reinfriemelt, einmal dreht – und schon kommen unten Bonbonhüllen mit passenden Worten für Trost oder für einen Wutanfall heraus. Leider gibt es solche Automaten nicht.

Hanau wird jetzt als Zäsur beschrieben. Waren nicht die NSU-Morde auch eine Zäsur? Oder die mehrmalige Aufdeckung von rechten Netzwerken? Gibt es einen Plural von Zäsur? Und wenn ja, warum?

Tag neun nach Hanau.

„33 asker şehit yahu!“

Zwei Männer stehen vor dem Simit-Cafè und unterhalten sich beim Rauchen über die toten Soldaten, die der türkischen Armee angehörten und nun bei einem Angriff der russischen Luftwaffe in Idlib in Syrien getötet wurden. Ich gucke auf Twitter, was los ist. Die Ereignisse haben sich in der Nacht überschlagen. Tausende von geflüchteten Menschen machen sich seit heute Nacht an die türkisch-bulgarische Grenze auf, weil die türkische Regierung ein 72-Stunden-Fenster aufmachte und verkündete, dass keine Grenzkontrollen auf türkischer Seite stattfinden würden.

Das Simit-Café ist gut besucht, was mich wundert. Der Alltag ist zurückgekehrt. Oder vielleicht ist es auch nur die Simulation des Alltags, die vor dem Schweigen schützt.

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