Rechte Gemeindevertreter in Groß Krams: Die Landnahme

Im mecklenburgischen Groß Krams haben sich Rechtsextreme als Gemeindevertreter etabliert. Unter den Dorfbewohner*innen regt sich Protest.

Ein Kreuz mit der Aufschrift: "Kreuz ohne Haken - Für Vielfalt".

Kreuz der Vielfalt: In Groß Krams formiert sich der Widerstand gegen die Rechten im Ort Foto: Mayk Pohle

GROß KRAMS taz | Ein „lebenswertes Dorf“ mit einer „solidarischen Dorfgemeinschaft“ möchten zwei neue Gemeindevertreter in Groß Krams erschaffen. Im Kleinen wollen sie in der 180-Seelen-Gemeinde in West-Mecklenburg Großes bewirken. Vorstellen können sie sich eine „Dorf-Stube“, in der historische Bilder, Dokumente und Anekdoten der Dorfbewohner ausgestellt sind, die dazu beitragen, die Bewohner neu zu verbinden und „Gästen das Dorf näher zu bringen“. „Ein Dorf mit Herz – gegen Ausgrenzung und Hetze!“ wünschen sie sich – so zu lesen im eigens herausgegebenen „Groß Kramser Blättchen – Infoblatt für unsere Gemeinde“.

Die beiden frisch gebackenen Kommunalpolitiker Sebastian Richter und Ragnar Böhm kommen allerdings selbst aus einer hasserfüllten Szene. Sind tief im rechtsextremen Milieu verankert. Richter kommt von der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) und war Vorsitzender des NPD-Jugendverbandes. Böhm kommt aus einer völkischen Familie und betrieb einen Nazishop. In diesem Kontext wird erst klar, was sie mit ihrem Slogan meinen: „Ein Dorf mit Herz – gegen Ausgrenzung und Hetze“ brandmarkt Kritik am Rechtsextremismus als Hetze und Ausgrenzung.

Bei der Kommunalwahl haben die Biografien von Richter und Böhm einen Wahlerfolg nicht verhindert. Seit dem 26. Mai sitzen sie in der Gemeindevertretung Groß Krams, Amt Hagenow-Land. Hier, wo jeder jeden kennt, dürfte Richters und Böhms politische Gesinnung bekannt sein.

Bei der Gemeindewahl erreichte Richter, der wie Böhm als Einzelkandidat antrat, mit 12,98 Prozent das zweitbeste Einzelergebnis nach Bürgermeister Tobias Alwardt (26,09 Prozent). Böhm bekam 7,72 Prozent der Stimmen. Alwardts Wählergemeinschaft „Aktiv Groß Krams“ erzielte 56,79 Prozent und die „Arbeitsgemeinschaft pro Natur und Umwelt Groß Krams“ 22,53 Prozent.

Aus einer Erklärung der „Jungen Nationaldemokraten“, 2016

„Was das Wendland für die antideutsche Internationalisten ist, kann Mecklenburg oderPommern für volkstreue Menschen sein bzw. werden!“

Die Wahl spiegelt nicht bloß einen Rechtstrend wieder, sie zeigt auch das Verschwinden der klassischen Parteien im ländlichen Raum auf – Indiz für eine Entfremdung zwischen „denen da oben“ und „uns hier unten“?

Im „Blättchen“ inszenieren sich Richter und Böhm als anpackend Handelnde vor Ort. Die Erstausgabe mit einer Auflage von 100 Exemplaren stellten sie im Eigendruck her, sie soll an jeden Haushalt verteilt worden sein.

Die zwei Groß Kramser Gemeindevertreter leben schon länger östlich der Elbe, doch erst in diesem Jahr gingen sie in die kommunale Politik. Vor 13 Jahren wollte sich der aus Schleswig-Holstein stammende Böhm noch von dem kleinen Haus im Ort trennen. 2006 annoncierte er die Immobilie in der NPD-Zeitung Deutsche Stimme, ver­sehen mit dem kleinen Zusatz: „Nat. Familien sind vor Ort (Mecklenburg)“. Im Verkaufsgespräch warb Böhm damit, dass der NPD-Landesvorsitzende, Stefan Köster, nur „eine Viertelstunde entfernt“ wohne und man auch Fahrgemeinschaften mit Nationalisten bilden könne.

Böhm und Richter gehören zu den Akteuren einer völkischen Landnahme, die schon lange propagiert und realisiert wird. Wenige Jahre zuvor waren etwa zehn Familien aus dem politischen Spektrum von NPD und den verbotenen Gruppen Wiking-Jugend und Heimattreue Deutsche Jugend in die Region gezogen. Sie gründeten ein NPD-Parteibüro in Lübtheen, wirkten in Schulen, Kindergärten und Vereinen. Mit der nachhaltigen, nationalen „Graswurzelarbeit“ im politischen, kulturellen und sozialen Bereich gelang die Akzeptanzgewinnung.

Groß Krams zählt zu den Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern, die bereits 2014 bundesweit als überdurchschnittlich NPD-freundlich auffielen. 17,6 Prozent votierten bei der Kommunalwahl 2014 für diese Partei. Die ehemalige Heidelandschaft um Groß Krams, Griese Gegend genannt, ist kein Urlaubsmagnet. Radtouristen zieht es in die Gegend zwischen Lauenburg an der Elbe und der barocken Kleinstadt Ludwigslust, für Groß Krams bleibt da wenig übrig.

Statt sein Haus zu verkaufen, stellte es Ragnar Böhm zunächst als Unterkunft für Wahlhelfer der Rechtsextremen zur Verfügung, dann zog die Familie ein. Nebenan bauten die Eltern von Ragnar Böhm sich ein eigenes Haus. Der Vater gehörte Ende der 1970er-Jahre der militanten Husumer Neonazi-Gruppe „Werwolf Deutsches Reich“ an. Ragnar Böhm hatte vor seinem Umzug im schleswig-holsteinischen Lägerdorf den Szeneshop „Böhm Streatwear“ betrieben. Schon länger ist er mit einer szenebekannten Frau aus der Hamburger rechten Skinhead-Szene liiert.

Über ihre Kinder finden die neu Zugezogenen im Dorf eine zusätzliche Verankerungsmöglichkeit. Die fallen schon mal auf: Eines stellte sich vor Anwohnern auf und zeigte den Hitlergruß, wird berichtet. Am 28. September nahm Ragnar Böhm an der Erntedankfestfeier der NPD im niedersächsischen Eschede teil.

Ende 2018 erwarb Richter ein eigenes Haus im Ort. Bereits seit 2012 lebt er in der Region. Von 2014 bis Anfang 2018 war Richter der Bundesvorsitzender der „Jungen Nationaldemokraten“, die sich im vergangen Jahr in „Junge Nationalisten“ umbenannten. Unter der Führung von Richter fand die NPD-Jugendorganisation eine Neuausrichtung, sie wurde radikaler und völkischer. Er propagierte, das Siedeln verstärkter umzusetzen. In Anspielung auf „‚linke‘ Siedlungsprojekte im Wendland“ verlautbarten die Jungen Nationaldemokraten 2016: „Was das Wendland für die antideutsche Internationalisten ist, kann Mecklenburg oder Pommern für volkstreue Menschen sein bzw. werden!“ Im Landtagswahlkampf 2014 warb die Jugendorganisation mit dem Slogan „Bürgerschutz selbst organisieren“, Holzknüppel wurden an Wähler verteilt.

Heute geben sich die beiden Männer verbal moderat. In ihrem „Gross Kramser Blättchen“ schlagen sie vor, die Gemeinderäume mehr zu nutzen, den Sportverein neu zu beleben oder die Feuerwehr aufzurüsten. Als „Sofort-Initiativen“ möchten sie ein „Begrüßungsgeld für Neugeborene“ einführen. Das Geld könnte durch eine „freiwillige Abgabe“ der sitzungsbezogenen Aufwandsentschädigung der Bürgermeister und Gemeindevertreter gewonnen werden. Ein entsprechender Antrag sei schon eingebracht.

Doch Solidarität und Gemeinschaftlichkeit hören für Böhm und Richter auf, wenn sie wegen ihrer politischen Haltung hinterfragt werden. Im „Blättchen“ greifen sie „eine im Dorf hin und wieder anzutreffenden Rechtsanwältin“ an, die gegen „Wahlplakate heimattreuer Parteien (AFD und NPD) selbstbekritzelte Plakate“ aufhängte. Schon der Verweis „hin und wieder“ soll sie als nicht dazugehörenden Teil der Dorfgemeinschaft markieren. Angefeindet werden zudem die „diversen Aktionen einiger ‚Mitbürger‘“. Die Anführungszeichen dürfen erneut als Ausgrenzungsbemühung verstanden werden. Rot hervorgehoben sind die Zeilen: „Auf solche Krawallos aus anderen Städten kann unser Dorf verzichten!“

Vor Ort organisiert sich der Protest

Aktivisten der völkischen Szene streben nach einer homogenen Gesinnungsgemeinschaft. Der Schweriner Volkszeitung gegenüber beklagte Richter so auch, dass das andere Lager immer Toleranz fordere, doch sie würden „diffamiert“, nur weil sie „heimattreu“ wären. Eine Anfrage der taz, warum beide Gemeindevertreter nicht für die NPD angetreten seien, blieb unbeantwortet.

Vor Ort organisiert sich der Protest. Die Rechtsanwältin, die in dem „Blättchen“ besonders angefeindet wird, hat erste Informationsabende mit­organisiert. Über zwanzig Einwohner von Groß Krams haben sich zusammengeschlossen. Am Dorfeingang ließen sie sich für die Schweriner Volkszeitung fotografieren, sind bereit, Gesicht und Haltung gegen rechts zu zeigen. „Wir möchten eine starke Gemeinschaft, welche sich nicht unterwandern lässt, keine Bevormundung duldet und die Rechte des Einzelnen respektiert“, fordern die engagierten Groß Kramser. „Für Vielfalt gegen braune Einfältigkeit“ steht auf einem ihrer Protestschilder.

Eine aus der Gruppe sagt, dass es „hier auch NPD- und AfD-Fans gibt, aber vor allem viele Menschen, die nur ihre Ruhe wollen“. In einer Erklärung schreiben die Unterzeichner*innen, dass „Groß Krams kein Ort für Extremismus ist, gleich aus welcher Richtung. Wir möchten weiterhin unsere Meinung frei äußern können.“ Ihr gemeinsames Ziel sei „ein lebenswertes Dorf mit einer starken Gemeinschaft“. An der Foto-Aktion nahmen auch Landrat Stefan Sternberg und die Landtagsabgeordnete Elisabeth Assmann teil. Die SPD-Politiker*innen unterschrieben auch die Erklärung.

Viel Passivität

Von allen Courage gegen rechts einzufordern, wird nicht leicht, dessen sind sich die Engagierten bewusst, auch weil viele im Dorf sich passiv verhalten, einer Diskussion ausweichen. Vor Ort sichtbar Position zu beziehen, um zur Auseinandersetzung zu ermutigen, ist eines der Vorhaben. Einzelne Mitglieder der neuen Gruppe stellten schon bunte „Vielfalt“-Kreuze auf, so wie es das Bündnis „Beherzt“ im Landkreis Uelzen macht. Von denen auf der anderen Seite der Elbe stammt die Idee der „Kreuze ohne Haken“, sie stellen sich damit den rechten Siedlern bei ihnen entgegen.

Sebastian Richter aber errichtete prompt für kurze Zeit „ein Kreuz mit Haken“ vor seinem Haus. Das sei „augenzwinkernd“ gemeint, sagte er hinterher.

Nicht weggucken oder sich wegducken will auch Bürgermeister Tobias Alwardt, wie er sagt. Bei der konstituierenden Gemeindevertretungssitzung wählten die Mandatsträger*innen Richter weder in den Kultur- noch in den Finanzausschuss.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de