Rechte Gedenkveranstaltung in Budapest: Tag der Ehre jetzt noch ehrloser
In Ungarn gilt „die Antifa“ als Terrororganisation. Dennoch reisen Demonstrant*innen zu einem Neonazi-Treffen nach Budapest – und erleben Repression.
Ein rotes Transparent flattert hinter einem Klapptisch, auf dem zwei kleine Lautsprecher stehen. Darauf prangt eine Faust, die ein Hakenkreuz zerschlägt, begleitet von den ungarischen Worten „Soha Többé Fasizmust“, nie wieder Faschismus. Dass dieses Transparent hier, neben der Margarethenbrücke, öffentlich gezeigt werden kann, liegt nur daran, dass es im Rahmen einer Pressekonferenz und nicht bei einer Kundgebung hängt. Seit September 2025 stuft die ungarische Regierung alle „Antifa-Gruppierungen“, wie es in einer offiziellen Erklärung heißt, als „terroristische Vereinigungen“ ein.
Organisiert wurde die Pressekonferenz von drei antifaschistischen Verbänden aus Deutschland, Österreich und Ungarn in enger Zusammenarbeit mit dem Dachverband Fédération Internationale des Resistants, kurz FIR. Die Einstufung der „Antifa-Gruppierungen“ als terroristisch befeuert nicht nur den Mythos der globalen Rechten, „die Antifa“ sei eine zentral gesteuerte Organisation, sondern macht auch legalen antifaschistischen Protest in Ungarn unmöglich.
Trotzdem versammeln sich am Samstag, dem sogenannten Tag der Ehre – einem internationalen Treffen von Rechtsextremen –, etwa 20 bis 30 Aktivist*innen auf der Pest-Seite der Stadt. Sie lauschen still den Worten, die aus den Lautsprechern dringen. „Nur zu gerne hätte ich heute an der Gedenkkundgebung unseres ungarischen Schwesterverbandes MEASZ teilgenommen, bei der auch die Auschwitz-Überlebende Katalin Sommer sprechen sollte“, liest eine Frau die Grußworte des Bundesvorsitzenden der VVN-BdA, Florian Gutsche, vor. „Nur zu gerne würde ich auch, wie in der Vergangenheit, gegen das größte internationale Treffen der globalen Neonaziszene protestieren. All das kann ich nicht tun. Denn die Orbán-Regierung hat sämtliche antifaschistische Aktivitäten für dieses Wochenende verboten.“
Die Pressekonferenz dauert insgesamt 45 Minuten. Doch schon nach der Hälfte verdoppelt sich die Zahl der Polizisten, während die der Aktivist*innen auf eine Handvoll schrumpft. Schließlich kesseln etwa 50 Beamte die Verbliebenen ein und lassen sie erst nach Feststellung ihrer Personalien vom Platz gehen.
Tag von Nazis für Nazis
Fast genauso lange, wie es den Tag der Ehre gibt, organisiert der Verband der ungarischen Widerstandskämpfer und Antifaschisten, kurz MEASZ, eine Gegenveranstaltung. Der Zweck ist es aufzuklären, was wirklich an jenem Tag geschehen ist und welche Verbrechen die ungarische Regierung, unter den Augen der Bevölkerung, an Homosexuellen, Kommunisten und vor allem Juden während des Zweiten Weltkriegs begangen hat.
Der Tag der Ehre ist in Wahrheit also ein Gedenktag von Neonazis für Neonazis. Der „Becsület Napja“, wie es im Ungarischen heißt, wurde im Februar 1997 von der rechten Gruppierung „Ungarische Nationale Front“ ins Leben gerufen. Er erinnert an die gefallenen Soldaten der ungarischen faschistischen Pfeilkreuzler, die während der Befreiung Budapests durch die Sowjetunion nach 102 Tagen Gefecht aus der Budaer Burg flohen. Hätten die Faschisten früher kapituliert, wären vermutlich 38.000 Zivilisten verschont geblieben, und Budapest hätte nicht in Trümmern gelegen. Die Zerstörung war so umfassend, dass sowjetische Soldaten die Stadt als „zweites Stalingrad“ bezeichneten.
Auch dieses Jahr finden in der Stadt verschiedene rechte Aktionen statt. Einige, wie die „Ausbruchstouren“ der Aktionsgruppe Börzsöny, sind legal und ziehen Tausende Rechtsextreme und Geschichtsrevisionisten an. Andere, wie die von „Legio Hungaria“ und „Blood and Honour“, organisierten Kundgebungen und Rechtsrock-Konzerte, sind illegal. Diese Veranstaltungen, verteilt über die ganze Stadt, dienen der Vernetzung internationaler Rechtsextremer. Bereits im Vorfeld legen Mitglieder von „Legio Hungaria“ Kränze an Gräbern gefallener Faschisten nieder.
Auf der anderen Seite der Donau, nahe des Treffpunkts der „Gedenk- und Wandertour“, formierte sich trotz Verbot antifaschistischer Gegenprotest. Dieser wurde einen Tag zuvor mit ausgedruckten Flyern angekündigt, um ein frühzeitiges Eingreifen der Polizei zu verhindern. Doch der Plan scheitert: Nach nicht einmal 15 Minuten löst die Polizei die Versammlung auf und nimmt die Personalien der etwa 20 Teilnehmenden auf. Festnahmen gibt es keine.
Orbán inszeniert sich als starker Mann
Im April stehen Wahlen in Ungarn an, und Viktor Orbán kann sich keine weiteren Skandale leisten. Erst im Dezember protestierten 10.000 Menschen in Budapest, nachdem neue Details zu einem Missbrauchsskandal in staatlichen Betreuungsinstitutionen bekannt wurden.
Orbán verliert immer mehr den Rückhalt bei seiner christlich-konservativen Stammwählerschaft und versucht sich deshalb als starken Mann zu inszenieren, der in seinem Land alles unter Kontrolle hat. Das zeigt sich auch deutlich an dem Schauprozess der antifaschistischen Person Maja T., welche vor Kurzem in Ungarn zu 8 Jahren Haft verurteilt wurde.
Auch Wolfram Jarosch, der Vater von Maja T., ist zur Pressekonferenz der antifaschistischen Verbände eingeladen und hält eine Rede. „Unter Orbán wird Antifa-Ideologie per Dekret als terroristisch eingestuft. Begründet wird dies mit Gewalttaten, die von jungen Antifaschist*innen, darunter auch mein Kind Maja, begangen worden sein sollen. Ich sage deutlich, Gewalt ist der falsche Weg, Militanz ist der falsche Weg, aber diese Vorwürfe müssen auf rechtsstaatliche Weise aufgeklärt werden und nicht in einem politischen Schauprozess.“
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