Recherchen zu #MeToo: Es geht gerade erst los

Kommt nach dem Fall von Julian Reichelt die #MeToo-Debatte endlich richtig in Deutschland an? Was Recherchen zu Machtmissbrauch so schwierig macht.

Frau mit rosa Mütze hat scih #metoo auf die Wange geschrieben

Demonstrantin bei einem Frauenmarsch Foto: Brian Snyder/reuters

MeToo-Recherchen haftet, je nach Perspektive, etwas Heldinnenhaftes an – oder etwas Schmuddeliges. Es sind meistens Frauen, die sich in den Redaktionen diesem Thema widmen. Sie werden nach Erscheinen ihrer Arbeit oft gefragt: Warum hast du dich dafür entschieden? Wie bist du vorgegangen? War es sehr schwierig? Würdest du es wieder tun? Als wäre eine MeToo-Recherche das Ergebnis eines höchst geheimnisvollen Vorgangs. Dabei ist es einfach Journalismus – und zudem eine Art von Journalismus, wegen der viele mal angetreten sind in diesem Beruf: Missstände aufdecken. Denen einen Stimme geben, die keine haben. Machtstrukturen bloßlegen. Etwas verändern.

In diesem Jahr fielen drei mächtige Männer über solche Recherchen: Julian Reichelt verlor seinen Job als Chefredakteur der Bild, der Comedian Luke Mockridge sagte alle Shows für das Jahr 2022 ab, und Klaus Dörr wurde nach meiner Recherche als Intendant der Berliner Volksbühne freigestellt.

Recherchen zu Machtmissbrauch sind weder schmuddelig oder heldinnenhaft noch geheimnisvoll. Sie sind einfach Journalismus

Als heldinnenhaft werden MeToo-Recherchen deshalb angesehen, weil sie teilweise zu sehr schnellen, sehr konkreten Ergebnissen führen können. Ein Täter verliert seinen Job, seine Macht und landet, wie im Urfall Weinstein, vielleicht sogar im Gefängnis. Schmuddelig finden manche diese Recherchen, weil die Journalistinnen sich reinknien in intime Details. Sie lesen SMS, betrunkene Einladungen in Hotels, E-Mails, in denen Berufliches und Privates verschwimmt, sie fragen nach Details unangenehmer Erfahrungen, sie sprechen mit Angehörigen und Freunden des mutmaßlichen Opfers, um so viele Belege wie möglich für eine Aussage zu sammeln.

Das sei „Bild-Niveau“, ist kein seltener Vorwurf. Aber bei MeToo-Recherchen geht es nicht darum, das voyeuristische Interesse des Publikums zu bedienen, obwohl das leider ein Nebeneffekt sein kann. Es geht darum, sicherzugehen, dass die Veröffentlichung von Vorwürfen gerechtfertigt ist. Dafür gibt es hohe Hürden, die bei der Namensnennung anfangen. Denn auch ein übergriffiger Chef verdient es, in der Öffentlichkeit fair behandelt zu werden. Dazu gehört, die Vorwürfe und die Glaubwürdigkeit der Quellen zu prüfen und den Beschuldigten vor Erscheinen des Texts mit all dem, was ihm zur Last gelegt wird, zu konfrontieren.

Oft sind die Fälle schwer durchschaubar

MeToo ist ein weites Spektrum. Es reicht von Vergewaltigungen wie im Fall Weinstein bis zu Compliance-Brüchen wie im Fall Reichelt, bei dem den Ergebnissen der Recherche nach alle Verhältnisse zu Mitarbeiterinnen einvernehmlich waren. Das zu unterscheiden ist wichtig. Außerdem gehört es zur Aufgabe von Journalismus, die Rolle der Frauen in ihrer Komplexität zu beschreiben. Sie sind nicht nur Opfer, sie können sich meistens aussuchen, mit wem sie schlafen und mit wem nicht. Für manche ist Macht attraktiv, die Aufmerksamkeit eines mächtigen Mannes schmeichelhaft. Zu MeToo gehören Nach-, aber auch Vorteile, ein schwer durchschaubares Spiel aus Förderung und Übergriffigkeit, aus Abhängigkeit, Angst und Scham.

Weil es um ein System geht, um Machtmissbrauch, der nicht immer gleich weit geht, aber von denselben Strukturen profitiert, ist es sinnvoll, dem Ganzen einen gemeinsamen Namen zu geben: MeToo. In Deutschland geht diese Debatte erst los.

Viktoria Morasch ist Redakteurin der taz am wochenende. Nach ihrer Recherche zu Machtmissbrauch an der Berliner Volksbühne musste der Intendant Klaus Dörr zurücktreten.

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