Reaktionen auf Missbrauchsstudie : Kein Ablass für die Geistlichkeit
Katholischer Klerus versucht es mit Krisenkommunikation: Das beweist er nach dem Erscheinen der Studie über Missbrauch in den Bistümern Osnabrück und Münster.
Foto: Friso Gentsch/dpa
K ommen Missstände ans Licht, greifen die Beschuldigten oft zum Selbstschutz: Sie igeln sich ein, werfen Nebelkerzen, wehren ab, warten ab. Die katholische Kirche kann das besonders gut, was sie seit der Aufdeckung des Missbrauchsskandals 2010 immer wieder bewiesen hat. Aber wer schweigt und schönredet, leugnet und lügt, nur dosiert statt rückhaltlos informiert, verstärkt den Glaubwürdigkeitsverlust, den er verhindern will. Gute Krisenkommunikation sieht anders aus.
Erwartet wird vielmehr Opfer- und Empathiefokus, korrektives Handeln. Das weiß auch die katholische Kirche und die Veröffentlichung der Studie „Macht durch Charisma. Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften“ gibt ihr die Gegelgenheit, sich krisenmedial zu bessern.
Es geht in der Studie der Uni Münster um den geistlichen und spirituellen Missbrauch in geistlichen Gemeinschaften. Untersucht wurde das Phänomen anhand der „Christusgemeinschaft“ im Bistum Osnabrück und der „Totus Tuus Neuevangelisierung“ im Bistum Münster. Die vier Auftraggeber der Studie, neben den beiden Bistümern sind das die Deutsche Bischofskonferenz und der Orden der Thuiner Franziskanerinnen, kommentieren das sektenartige und manipulative Gebaren der beiden Gemeinschaften, an dem sie mitschuldig sind, durchaus sensibel und einsichtig. Es liest sich wie eine Selbstanklage. Zumindest wirkt es so.
Er sei „erschüttert“, schreibt etwa Dominicus Meier, der Osnabrücker Bischof. Die Studie habe ihn „als Ordensmann und damit als Mitglied einer geistlichen Gemeinschaft sprachlos gemacht“. Der geistliche Missbrauch durch die „Christusgemeinschaft“ sei „verheerend“ gewesen. Das klingt nahbar, persönlich. So muss es sein.
Heiner Wilmer, Bischof von Münster und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
Auch Heiner Wilmer, vormals Bischof von Hildesheim, mittlerweile von Münster und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, nennt die Missbräuche verheerend und erschütternd. „Wir dürfen, ich darf nicht bei Erschütterung stehen bleiben. Wir müssen, ich muss Konsequenzen ziehen“, sagt Wilmer. Es gebe im Bistum „keinen Platz für geistliche Gemeinschaften, die Menschen ihre Freiheit nehmen, die Glauben als Leistungsprinzip verstehen, die sich selbst als Elite ansehen, die umfassenden Zugriff auf die Lebensführung ihrer Mitglieder anstreben“. Klare Kante.
Maria Cordis Reiker, die Generaloberin der Thuiner Franziskanerinnen, die mit der „Christusgemeinschaft“ eng verflochten waren, spricht von „Beschämung“ und darüber, dass eine damalige Schwester ihrer Kongregation „solch ein Ausmaß an Verwirrung, an Verletzungen, an zerstörerischen Eingriffen in Personen und teilweise vernichtenden Glaubensüberzeugungen in das Leben junger Menschen gebracht hat“. Sie bitte „aufrichtig um Verzeihung“. Richtig so.
Und dann sind alle „erschüttert“
Und dann spricht auch Reiker von „Erschütterung“. Hat der Wortvorrat für derlei Tatbestände wirklich so enge Grenzen? Ist es Absicht, dass alle Beteiligten „erschüttert“ sind, um Geschlossenheit zu demonstrieren? Ist das Textbaustein-Sprech und die Nahbarkeit also kalkuliert und abgesprochen?
Das schriftliche Statement von Beate Gilles, der Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz, wirkt dagegen distanziert, formal. Keine Erschütterung, keine Verheerung.
Aber alle vier sprechen davon, dass es bereits kirchliche Aufarbeitung gegeben habe und weitere folgen werde. Viele Absichtserklärungen warten jetzt also auf Umsetzung. Von Anerkennungszahlungen, wie für Betroffene sexualisierter Gewalt, ist allerdings nicht die Rede. Hier stiehlt sich die katholische Kirche aus der Verantwortung.
Jahrzehntelang nicht unterbunden
Bereits vor der Veröffentlichung der Studie Ende September haben die vier Mitverantwortlichen in einem gemeinsamen Statement davon gesprochen, dass es Leid und Schmerz gegeben habe. Das wirkt engagiert, wie das Gegenteil von Abwehr.
Aber eines darf man nicht vergessen: Intern waren die Vorgänge schon seit den 1990er Jahren thematisiert worden. Auch als sie dann später öffentlich wurden – die taz hatte erstmals 2005 über die „Christusgemeinschaft“ berichtet –, waren sie in der strikt hierarchisch organisierten katholischen Kirche nicht unterbunden worden.
Die katholische Kirche ließ die „Christusgemeinschaft“ und „Totus Tuus Neuevangelisierung“ also jahrzehntelang gewähren. Darüber darf die neue Betroffenheitsrhetorik auch nicht hinwegtäuschen.
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