Razzia in Göttinger Hochhaus : Unprofessionell und stigmatisierend
Die Kontrolle eines Hochhauses in Göttingen war gut gemeint. Doch Stadt und Polizei haben die Bewohner*innen wie Verbrecher*innen behandelt.
Foto: Swen Pförtner/dpa
E ine „Verbesserung der Lebensumstände“ sollte für die Bewohner*innen erreicht werden. Das war das Ziel, das Stadt und Polizei Göttingen für ihren gemeinsamen Einsatz am Dienstag in der Groner Landstraße ausgaben. Doch so löblich das ist, so sehr hat das Vorgehen dieses Ziel verfehlt.
Mehrere hundert Bewohner*innen durch mehrere Polizei-Hundertschaften morgens um sechs Uhr aus dem Bett zu reißen, führt zu keiner Verbesserung. Die hygienischen Zustände in einem Wohnhaus lassen sich anders überprüfen, da reichen ein Klemmbrett und ein Kugelschreiber.
Und Schädlingsbefall ermittelt man auch ohne martialisches Auftreten. Wenn der Stadt Göttingen wirklich etwas am Wohlergehen ihrer Einwohner*innen liegt, dann hätte sie ihren Besuch angekündigt, wäre ausschließlich mit Sozialarbeiter*innen gekommen und hätte die Menschen gefragt, welche Unterstützung sie sich wünschen.
Eine professionelle öffentliche Verwaltung muss in der Lage sein, die Lebensumstände der Bewohner*innen ihrer Stadt auf andere Weise, als mit solch brachialen Methoden zu verbessern. Zumal die Menschen in der Groner Landstraße nicht zum ersten Mal Opfer polizeilicher Maßnahmen werden.
Der Einsatz ist kein Zufall
Spätestens nachdem ein Gericht entschieden hat, dass es nicht rechtmäßig war, im Sommer 2020 Hunderte Menschen dort festzuhalten, weil ihre Nachbar*innen mit Covid-19 infiziert waren, hätte man den Einsatz von Dienstag überdenken müssen.
Und es ist auch kein Zufall, dass der Vorfall sich genau hier zugetragen hat. In dem Wohnkomplex wohnen viele Rom*nja. Wie die Polizei sie behandelt, zeigt nach außen, dass es sich hier um Menschen handelt, bei denen es okay ist, sie wie Verbrecher*innen zu behandeln. Das macht den Einsatz unprofessionell und stigmatisierend.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert