Rassismus im internationalen Fußball: „Tore haben keine Farbe“

Auch der portugiesische Fußball hat jetzt seinen Rassismus-Skandal. Leidtragender ist der FC-Porto-Spieler Moussa Marega.

Fußballer Moussa Marega.

Moussa Marega, betroffener Spieler des FC Porto Foto: Rafael Marchante/reuters

GUIMARãES/BARCELONA taz | Die Ultras von Vitória Guimarães heißen „White Angels“, was schon mal wenig Gutes vermuten lässt. Die Vereinsfarben des Klubs aus der Geburtsstadt des ersten portugiesischen Königs Afonso Henriques sind jedenfalls Schwarz und Weiß. Tatsächlich gilt die Gruppierung unter Eingeweihten als politisch rechts. Weshalb es wohl kein Zufall ist, dass sich just in Guimarães – der „Wiege Portugals“ – am Sonntagabend ein Vorfall ereignete, der das Land schockiert.

Nachdem er schon beim Aufwärmen als „Affe“ oder „Schimpanse“ verunglimpft worden war, erlaubte es sich Moussa Marega, dunkelhäutiger Stürmer des Gästeteams vom FC Porto, in der 60. Minute den Treffer zum 2:1-Endstand zu erzielen. Beim Jubeln zeigte er auf seine Haut und wurde mit Sitzschalen beworfen, untermalt vom Chorus deutlicher Affenlaute. Die Gelbe Karte kassierte allerdings er, die Beleidigungen wurden immer heftiger, und zehn Minuten später hatte Marega, in Frankreich geborener Stürmer mit Wurzeln aus Mali, genug – er verließ den Platz. Seine Mitspieler konnte ihn nicht aufhalten, der Trainer auch nicht, es ging aber auch keiner mit ihm. Beim Verlassen des Platzes streckte Marega der Tribüne beide Daumen nach unten entgegen.

Das tat am Montag das ganze Land. Angefangen ganz oben bei Staatspräsident Marcelo Rebelo da Sousa, der seine „vollständige Solidarität“ mit Marega übermittelte; dieser sei „nicht nur ein großartiger Fußballer, sondern auch ein großartiger Bürger“. Fußballverband und Liga kündigten an, alles dafür zu tun, um die Rassisten künftig aus den Stadien fernzuhalten, und während der FC Porto in einer Mitteilung von einem der „Tiefpunkte der portugiesischen Fußballgeschichte“ sprach, überbrückte die Anteilnahme sogar die abgrundtiefen Differenzen zum Erzrivalen Benfica Lissabon. „Immer gegen Rassismus“, hieß es von dort in einer Videobotschaft.

Die Episode wühlt Portugal in besonderem Maße auf – weil kaum ein Land mehr Grund hatte, sich gegen Rassismus gefeit zu sehen, als die Nation von Eusébio, dem ersten dunkelhäutigen Star des europäischen Fußballs. Das Land von unzähligen weiteren schwarzen Natio­nalspielern aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien wie Éder, dem Siegtorschützen des letzten EM-Finals. Portugal ist auch das Land, das bis zu den letzten Parlamentswahlen im Oktober seit der Nelkenrevolution 1974 keinen rechtsextremen Abgeordneten ertragen musste. Seither gibt es einen einzigen, der aber so viel Lärm macht, dass mehr zu befürchten steht.

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Er heißt André Ventura und wurde zunächst durchs Boulevardfernsehen in einem der aus Brasilien importierten Fußball-und-Crime-Formate bekannt. Dabei trat er als Sympathisant von Benfica auf – bei der Wahl fuhr er in der Hauptstadtregion deutlich mehr Stimmen ein als in Nordportugal, wo es die Leute mit Porto halten.

Nun behauptete er, es habe keinen Rassismus in Guimarães gegeben, aber wie der Rechtspopulist war sich auch Vitórias Präsident nicht zu dumm für Beschwichtigungen. Weil Marega früher selbst ein Jahr für seinen Klub spielte, musste der Stammesgedanke zur Rechtfertigung herhalten. „Von rassistischen Beleidigungen habe ich nichts mitbekommen, nur von der provokanten Attitüde eines Spielers gegenüber dem Publikum“, so Miguel Pinto Lisboa.

Der Verein kooperiert eng mit den Ultras, und die machten in einem kruden Statement ebenfalls das Opfer zum Täter. Marega nahm gestern Mitspieler Otávio in Schutz, der ihn am Verlassen des Platzes hindern wollte: „Er steht auf meiner Seite.“ Von den Schiedsrichtern hätte er allerdings Unterstützung erwartet. „Ich hoffe, ich sehe euch nie wieder auf dem Fußballplatz, ihr seid eine Schande!“, schrieb er schon am Sonntagabend.

In keiner Stufe wurde das Protokoll befolgt, das für den Fall rassistischer Pöbeleien erst eine Warnung über den Stadionsprecher, dann eine längere Unterbrechung und schließlich den Spielabbruch vorschreibt. Allein Portos Trainer Sérgio Conceição hatte den Mut, dem Publikum sein Benehmen vorzuhalten. Nach dem Spiel sagte er nur so viel: „Was hier passiert ist, ist erbärmlich.“

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