Queerfeministisches Kulturzentrum „Ria“ in Hamburg: Kaum gestartet, schon bedroht

In Hamburg-Wilhelmsburg wurde Anfang 2020 das queerfeministische Kulturzentrum „Ria“ gegründet. Die Pandemie setzt dem Projekt schwer zu.

Junge Frauen sitzen an Einzeltischen hinter Laptops, eine ältere Frau betreut sie.

Ein Raum für das Lernen in Ruhe: das Ria in Hamburg-Wilhelmsburg Foto: Andrea Kueppers

HAMBURG taz | Der große, ebenerdige und helle Raum ist zur Straße hin durch dunkle Vorhänge vor Blicken geschützt. Auf der anderen Seite des Raums gehen Fenster in einen ruhigen Innenhof. Der Boden besteht aus Parkett, an den Wänden stehen Tische, Stühle, ein Schrank mit Schreibutensilien und einige Spiegel.

Hier können viele Menschen Platz finden, ob konzentriert an Tischen sitzend, tanzend, Theater spielend oder in einem Sitzkreis. Voll ist der Raum derzeit jedoch nicht. Noch ist er nur von hoch motivierten Planungen eingenommen, die so verschieden sind wie die Möglichkeiten, die er bietet.

Als Hamburg-Wilhelmsburg noch von Hafenarbeit geprägt war, hatte hier, in dem Haus am Vogelhüttendeich, ein Kino seinen Sitz. Heute ist Wilhelmsburg alternativ und migrantisch geprägt, manche sprechen auch von einem Szenestadtteil. Und der Raum ist jetzt ein feministisches Kulturzentrum.

Frauen aus Wilhelmsburg und Umgebung haben sich Anfang vorigen Jahres zusammengetan und es gegründet, um einen Raum nur für FLINTA* Personen – Frauen, Lesben, Trans, Inter, Non-Binary, Asexuell – sowie Gruppen mit feministischem Hintergrund zu schaffen: das Ria. Als das darüber liegende Wohnprojekt entschied, sich mit darum zu kümmern und den Raum dem Stadtteil zu öffnen, beschloss man, dies unter feministischen Vorzeichen zu tun.

Für ein lebhaftes und eigeninitiativ gegründetes Kulturzentrum ohne Hierarchien muss jedoch ein unkomplizierter Austausch mit den verschiedensten interessierten Menschen stattfinden können. Dies ist durch die Corona-Pandemie bislang allerdings nur sehr eingeschränkt möglich gewesen. Deshalb ist die Gründung des Kulturzentrums in Wilhelmsburg auch noch nicht abgeschlossen. Es kommen seit 2020 aber trotzdem schon FLINTA* im Ria zusammen. Momentan sind es erst wenige Initiativen, darunter eine FLINTA*-Fahrradselbsthilfe, die Radastrophe, sowie ein feministisch-migrantisches Kinoprojekt.

Auch feministische Selbstverteidigungskurse (Wendo), Performance- und Theater-Gruppen sowie Deutschkurse fanden schon statt. Es besteht großes Interesse von verschiedenen Vereinen und Gruppierungen im Stadtteil, regelmäßige oder punktuelle Veranstaltungen im Ria abzuhalten. So ist ein queeres Bilderbuchkino mit der Bücherhalle Wilhelmsburg geplant; auch mit Tanzgruppen und Schulen ist das Kulturzentrum im Gespräch. Der Raum ermöglicht sowohl Seminare als auch größere Veranstaltungen, die mit Bewegung zu tun haben, etwa mit Tanz oder Theater. Durch einen auf dem Parkettboden ausrollbaren Tanzteppich ist der Raum multifunktional.

Die Beratung für Roma-Frauen ist einzigartig im Norden – viele Klientinnen reisen Hunderte Kilometer

Eine weitere Initiative, die schon regelmäßig im Ria stattfindet, ist Romani Kafava, ein Beratungsangebot für Roma-Mädchen und Frauen. Jeden Donnerstag und Samstag findet die Beratung im Raum des Kulturzentrums statt.

Maya Adzovic leitet die Roma-Mädchengruppe. Die gelernte Schneiderin hatte mit dem Projekt ursprünglich Familien beraten, wobei ihr auffiel, dass mehr Mädchen und Frauen kamen als Männer. Daraufhin gründete sie eine Mädchen-Beratung – natürlich mit wenigen Menschen im Innenraum und corona-konform.

Regelmäßig kommt zum Beispiel die 18-jährige Betty Adzovic. Im Ria kann sie Hausaufgaben machen, dabei einen der gespendeten Laptops nutzen oder mit der Sozialpädagogin Isa Bomblat sprechen. Die hilft den Mädchen in der Beratung, einen Ausbildungsplatz zu finden, über Probleme in der Schule und zu Hause zu sprechen, und mit den schwierigen Umständen der Pandemie zurechtzukommen.

Die Atmosphäre an diesem Donnerstagnachmittag ist ruhig und konzentriert. Neben Betty sitzt die 13-jährige Claudia Adzovic; auch sie erledigt Hausaufgaben. Claudia hat über Verwandte von der Mädchengruppe erfahren und kommt inzwischen regelmäßig her, oft gemeinsam mit Betty. Nach den Hausaufgaben recherchieren die beiden heute für einen Ausflug, den die Mädchengruppe bald machen möchte.

Auch eine Roma-Frauengruppe gibt es im Ria, geleitet von Mayas Kollegin Zumreta Sejdovic. Sie nähen, und auch sie lassen sich beraten. Und da es ein solches Beratungsangebot im Norden nur in Hamburg gibt, wird es von Roma aus ganz Norddeutschland in Anspruch genommen: Viele reisen Hunderte Kilometer.

Für das feministische Kulturzentrum ist es hilfreich, dass mit Romani Kafava ein sicheres und fest einplanbares Projekt dabei ist, das schon länger besteht und über einen Förderkreis und ein Netzwerk verfügt. Das hilft dem Kulturzentrum beim Aufbau. Denn noch ist unsicher, wie das Projekt auf Dauer finanziert werden kann – was auch daran liegt, dass es kurz vor der Pandemie gegründet wurde.

„Wir sind mit dem Projekt in einen ganz ungünstigen Zeitpunkt gerutscht“, sagt Martina Helmke, die im Wohnprojekt über dem Ria wohnt und sich weiterhin an dessen Aufbau und an der Arbeit dort beteiligt. „Wir bekommen weder Corona-Hilfen, weil es uns noch nicht lange genug gab. Andererseits können wir keine Neuenförderung beantragen, weil es wegen Corona eine Bremse gab, neue Projekte zu fördern. Also sind wir genau dazwischen. Wir bekommen weder den Ausfall noch den Neuen-Bonus. Das macht es unheimlich schwierig“, sagt Helmke.

Fördergelder sind schwer zu bekommen

Derzeit ist die Initiative des Ria im Kontakt mit Po­li­ti­ke­r*in­nen und hat sich für den Stadtteilkulturtopf in Wilhelmsburg und weitere Mittel beworben, bei denen sie sich gute Chancen ausrechnen. Für einen offenen Raum sei es allerdings schwer, Fördergelder zu bekommen, sagt Helmke, die hauptberuflich als Bildungsreferentin arbeitet. Das liege auch an der Neoliberalisierung von Beratungskonzepten: Anstelle offener Arbeit, frei zugänglicher Orte und einer niedrigschwelligen Art des Zusammenkommens mit Community-Gedanken gehe der Trend immer weiter in Richtung der Bearbeitung einzelner Projekte. Sie würden einzeln geprüft, dann eine bestimmte, manchmal auch im Vorhinein festgelegte Anzahl gefördert.

Wegen der schwer zu erlangenden Fördergelder ist das Zentrum derzeit von zahlenden Nut­ze­r*in­nen abhängig. Dabei will man genau das eigentlich vermeiden, um ein frei zugänglicher und solidarischer Raum zu bleiben. Andererseits braucht man Planungssicherheit, damit man weitere Initiativen an Bord holen kann.

Finanzierung bis Ende des Sommers

Zurzeit wird die Finanzierung noch vom darüberliegenden Wohnhaus getragen. Vom Ende des Sommers an muss sich der Raum aber aus eigener Kraft finanzieren. Schon jetzt übernimmt Romani Kafava ein Viertel der Miete. Die langfristige Idee ist es, die restliche Miete durch Fördermitgliedschaften und die Vermietung des Raums zu erwirtschaften. Insbesondere die Vermietung ist allerdings während der Pandemie schwer umsetzbar.

Die In­itia­to­r*in­nen des Ria hoffen sehr, dass sie die Finanzierung sichern, um diesen so besonderen, in mancherlei Hinsicht einzigartigen, Raum zu erhalten. Für die In­itia­to­r*in­nen ist klar: Schon jetzt hängen viele FLINTA* aus Wilhelmsburg und auch ganz Hamburg sehr am Ria und würden vom Angebot profitieren.

Auch Martina Helmke ist von der Relevanz eines Freiraums für feministische und kulturelle Arbeit im Stadtteil überzeugt: „Wir glauben, dass das Thema FLINTA* in Wilhelmsburg, Potenzial hat, Menschen aus verschiedensten Communities zusammenzubringen, und zwar über diesen gemeinsamen Nenner.“ „Am Ende des Sommers strahlen oder weinen wir“, sagt Isa Bomblat von Romani Kafava.

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