Psychiaterin über neues Kinderheim: „Geschlossenheit schafft Probleme“

Hamburg plant ein teilweise geschlossenes Heim, das Jugendhilfe und -psychiatrie gemeinsam betreiben. Die Psychiaterin Charlotte Köttgen warnt davor.

Eisentor mit Schildern vor einer Grundstücksauffahrt

Sündenfall der Hamburger Jugendpolitik: die Heime der privaten Haasenburg-GmbH in Brandenburg Foto: Patrick Pleul/dpa

taz: Frau Köttgen, Hamburg plant eine neue Einrichtung für Kinder zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie. Was wissen Sie über die Pläne?

Charlotte Köttgen: Ich kenne eine Konzeption aus 2020. Da geht es um acht- bis zwölfjährige Kinder, die in eine Einrichtung sollen, die am Klotzenmoorstieg schon existiert und dafür umgebaut wird. Kinder mit seelischen Problemen, die pädagogischen Bedarf haben, würden dort in einem Stufenmodell betreut.

Was ist unter Stufenmodell zu verstehen?

Solche Modelle wurden zum Beispiel in der Haasenburg und im Friesenhof angewendet, über die ja auch die taz berichtete. Die arbeiten nach einem Modell, das für manche Kinder kaum zu schaffen ist. Die Stufen, die sind für manche gut zu erreichen, aber für andere Kinder gar nicht. Die werden eher noch mehr demoralisiert und fühlen sich entwertet und leiden.

Warum sollten Psychiatrie und Jugendhilfe nicht zusammen ein Heim betreiben?

Meine Kritik richtet sich nicht gegen Zusammenarbeit. Ich kritisiere, dass hier Kinder mit sozialen und psychischen Problemen in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung der Jugendhilfe sollen. Die Jugendpsychiatrie wurde in Hamburg zuletzt extrem ausgebaut. Deshalb sollten solche Kinder auch dort behandelt werden.

Charlotte Köttgen

79, ist Kinder- und Jugend­psychiaterin. Sie leitete von 1984 bis 2003 Hamburgs Jugend­psychologischen und Jugendpsychiatrischen Dienst (JPPD). Sie schrieb die Bücher „Wenn alle Stricke reißen“ (2004) und „Ausgegrenzt und mittendrin“ (2007).

Wie stark ausgebaut?

Hamburg lag 2017 bei einem Bundesvergleich der psychiatrischen Betten gleich hinter den neuen Ländern an der Spitze. Es hat 9,8 Betten pro 100.000 Einwohner, Berlin nur sechs. Also mehr als ein Drittel mehr als in anderen Stadtstaaten. Die Einweisungen in die Jugendpsychiatrie haben sich seit 2000 mehr als verdoppelt. Da frage ich mich, weshalb jetzt Kinder mit psychischen Problemen in eine Einrichtung der Jugendhilfe sollen, die von der Psychiatrie mitbetreut wird? Das müsste Aufgabe der ­Psychiatrie in ihren Einrichtungen sein.

Wie kam es zum Anstieg?

So ein Ausbau wird in allen Bereichen vorangetrieben, auch in der Jugendhilfe. Es geht um mehr Institution und Stellen.

Kritiker warnten jüngst vor Pathologisierung der Kinder.

Das ist ein großes Thema. Wir wissen, dass in den letzten 20 Jahren zweimal neue Diagnosekataloge erstellt wurden, die mit den Krankenkassen abrechenbar sind. Dort sind heute weit mehr Diagnosen aufgelistet, als es früher gab. Darunter sind Störungen, die ich gar nicht als Krankheiten bezeichnen würde. Zum Beispiel lange Trauer nach einem Trauerfall oder aggressiv zu sein. Definiert man immer mehr Befindlichkeiten und Eigenarten von Kindern, die auch Schwierigkeiten machen können, zu Krankheiten, dann gibt es auch mehr Behandlungsbedarf. Ich weiß gar nicht, warum es so viel mehr psychisch kranke Kinder geben soll? Zumal auch die Medizin nicht von Krankheiten, sondern Störungen spricht. Die Frage ist: Müssen solche Störungen in stationären Einrichtungen der Psychiatrie behandelt werden? Oder gäbe es andere Formen, dass man zum Beispiel in der Jugendhilfe versucht, eine bessere Lebenssituation zu schaffen oder stützende Bezugspersonen findet, damit die Kinder die Bedingungen bekommen, die ihnen die bestmöglichen Entwicklungsperspektiven öffnen.

Gibt es dafür Beispiele?

Ich habe lange in der Jugendpsychiatrie mit schwer psychiatrisch erkrankten Patienten gearbeitet. Die besten Erfahrungen machten wir, als wir im Rahmen eines Forschungsprojektes ambulante Gruppen einführten. So konnten wir mit den Jugendlichen die familiären Probleme außerhalb der Klinik bearbeiten, den Aufenthalt in der Klinik verkürzen und die Medikamente reduzieren. Wie bei fast allen Menschen in Krisen ging es darum, wieder Lebens­perspektiven zu erarbeiten in Schule, Sozialem, Beruf und Familie. Nach längeren Klinikaufenthalten kommen junge Menschen draußen schwer zurecht. Es besteht die Gefahr der Hospitalisierung. Hier sind individuelle Unterstützung und tragfähige Beziehungen im normalen Leben wichtig, besonders, wenn die Familie ausfällt. Einen solchen lebensweltorientierten Ansatz gibt es in der Jugendhilfe, in die ich damals gewechselt bin.

Wie sollte sich die Hilfelandschaft für Kinder in einer Stadt wie Hamburg entwickeln?

Darüber denken viele nach. Die Frage ist, warum es in Hamburg schon in der Jugendhilfe für rund 1.600 Kinder keine Plätze in Heimen gibt, und diese nach außerhalb vermittelt werden. Man sieht kaum, was dort mit ihnen passiert. Wir haben auch in der Jugendhilfe das Konzept der Sozialraumorientierung, das ich sehr unterstütze. Tauchen bei Kindern Probleme auf, auch wenn es psychiatrisch genannte sind, sollte man im Lebensfeld nach Hilfsmöglichkeiten suchen und dort Verbesserung schaffen, wo sie nicht zurecht kommen.

Seit der Schließung der Skandalheime der Haasenburg GmbH in Brandenburg 2013, die Hamburg belegt hatte, gab es immer wieder Pläne für ein geschlossenes Heim in der Stadt. Die Idee einer Einrichtung mit Bremen zerschlug sich.

Laut Koalitionsvertrag von 2020 planen SPD und Grüne eine Einrichtung von Psychiatrie und Jugendhilfe. Von Geschlossenheit stand dort nichts.

Im Herbst 2020 berichtete die Welt, dass im Stadtteil Groß-Borstel bis 2024 ein Heim mit 16 Plätzen entstehen soll. Nun sollten dort auch Kinder mit Beschluss für geschlossene Unterbringung landen. Ein Sicherheitsdienst soll immer präsent sein.

Nach Senatsantwort auf eine Linken-Anfrage sollen nur „einzelne Plätze“ geschlossen sein. Es sei ein Modell in drei Phasen geplant, die die Kinder in bis zu zwei Jahren durchlaufen.

Seit Februar 2021 gibt es eine Projektleitung. In einem Schreiben an die Bezirke heißt es, es solle dort möglich sein, Kinder „in der ersten Phase“ mit Beschluss nach Paragraf 1.631b des Bürgerlichen Gesetzbuchs unterzubringen.

Nun liest man, dass in dem neuen Heim Kinder in der ersten Phase geschlossen untergebracht werden können sollen. Was sagen Sie dazu?

Ich weiß nicht, warum Kinder in eine halb geschlossene Einrichtung eingewiesen werden müssen. Es gibt genug Erfahrung damit, ihnen mit pädagogischen Mitteln zu helfen. Erfahrungsgemäß schaffen geschlossene Einrichtungen genau die Probleme, die sie verhindern wollen – starre Regeln, Widerstand, Gewalt, Entweichungen.

Sie haben von 1984 bis 2003 in Hamburg den Jugendpsychologisch-psychiatrischen Dienst geleitet. Wie lief es denn damals?

Damals entstanden gerade die Jugendwohnungen neu, in denen es auch Konflikte gab. Wir haben unser Konzept danach ausgerichtet, dass die in der Heim­erziehung und Jugendhilfe erfahrenen Psychologen und Ärzte in dem Dienst die Gruppenerzieher beraten haben, um die manchmal schwierige Dynamik zu entwirren. So wurden Konflikte ertragbar.

Und war das erfolgreich?

Eine Untersuchung von Reinhold Schone stellte nach zehn Jahren fest, dass es wenig Jugendpsychiatriebetten in Hamburg gab, etwa sechs auf 100.000 Einwohner. Es kam auch selten zu Psychiatrieeinweisungen aus der Jugendhilfe und kaum zur Abschiebung in Heime außerhalb von Hamburg. Und die Kriminalität war nicht angestiegen. Es landeten zwei Drittel weniger Jugendliche im Strafvollzug. Das alles war politisch gewollt. Wichtige Unterstützung für die Jugendlichen kam durch die schulische Erziehungshilfe, alternative Angebote zum Strafvollzug.

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