Psychedelikband Vanishing Twin: Vollmond über London

„Ookii Gekkou“ heißt das neue Album der Psychedelikband Vanishing Twin. Es mischt Polyrhythmen, seltsame Sounds und Latinbeats zu einem Mahlstrom.

Die vier Musiker:innen von Vanishing Twin vor einer rosa Wand

Heller Mond: Vanishing Twin haben viel Potenzial Foto: Arthur Sajas

An dem Küchentisch, wohin „In Cucina“ die Hö­re­r*in entführt wird, hätte man den vergangenen endlosen Lockdown-Winter gerne ausgesessen – so sehr man die erzwungene Häuslichkeit, die endlosen Koch-Sessions seinerzeit auch satt gehabt hatte. Der Song der Londoner Psychedelik-Pop-Band Vanishing Twin, zu finden auf ihrem dritten Album „Ookii Gekkou“ (japanisch für „Großes Mondlicht“), ist eine so vergnügliche polyrhythmische Mixtur aus Instrumentengewusel, seltsamen Sounds und Latinbeats, dass die Küche als sozialer Ort endgültig rehabilitiert scheint.

Das tolle Vorgängeralbum „The Age of Immunology“ (2019) stand noch hörbar in der Tradition experimentierfreudiger Popbands wie Stereolab und Broadcast. Deren sehr britische Herangehensweise an zeitgenössische Psychedelik prägte auch den munteren Eklektizismus von Vanishing Twin.

Besonders vor dem Hintergrund des Brexits, der 2019 schon ein Schreckgespenst war, ließ er den Sound von Vanishing Twin geradezu programmatisch international wirken, wie eine Ansage an die Welt da draußen. Diesmal schafft sich die inzwischen zum Quartett geschrumpfte Band ihre eigene Traumwelt zwischen Funk, Jazz, Horrorfilm-Geräuschkulissen, Sixties-Pop und Elektronik.

Alice im Kaninchenbau

Es ist Musik, in die man sich verlieren kann, wie Wunderland-Alice im sprichwörtlichen Kaninchenbau. Die Atmosphäre von „Ookii Gekkou“ hat die zum Titel passende somnambule Anmutung: Tag und Nacht verschwimmen, alles existiert parallel, man darf sich treiben lassen.

Vanishing Twin: „Ookii Gekkou“ (Fire Records/ Cargo)

Live: 15. 11., Kesselhaus, Berlin; 17. 11., Club Manufaktur, Schorndorf; 18. 11., Kammerspiele, München

Dabei gelingt der Sängerin, Komponistin und Multiinstrumentalistin Cathy Lucas, Sususmu Mukai am Bass, der Schlagzeugerin Valentina Magaletti und Phil MFU an Gitarre und Synthesizern der Spagat, einerseits versponnener als auf dem Vorgänger zu klingen, dank ihrer neu entdeckten Funkiness, aber zugleich auch muskulöser und breitbeiniger.

Wurden auf „The Age of Immunology“ die Improvisationen, auf denen die Kompositionen basieren, noch so weit eingedampft, dass am Ende doch wieder runde Popsongs standen, verzweigen sich einige Tracks diesmal tiefer in den besagten Kaninchenbau. Verloren geht dabei bisweilen das große Ganze – was als Metapher für den Lockdown, während dem das Album entstand, durchaus passt, aber einen beim Zuhören bisweilen rauswirft, sofern man sich nicht unter Kopfhörern komplett in die Musik versenkt.

Kaleidoskopartige Songs

Zusammengehalten, das verdeutlichen insbesondere die Momente, in denen Instru­men­tal­pas­sagen allzu weit ins Experimentelle abdriften, werden die kaleidoskopartigen Songs vor allem von Lucas’ luftig-leichtem Gesang. Heimlicher Star der Songs ist jedoch die italienische Schlagzeugerin Valentina Magaletti, die schon in verschiedensten Projekten von Bat for Lashes bis zu Gruff Rhys mitmischte.

Magalettis eigene Band, das minimalistische Industrial-Jazz-Duo Tomaga, fand letztes Jahr durch den Krebstod ihres Mitstreiters Tom Relleen ein jähes Ende. „Ookii Gekkou“ klingt, als kanalisiere sie nun ihre gesamte perkussive Kreativität in Vanishing Twin. Schon im Eröffnungstrack „Big Moonlight (Ookii Gekkou)“ stellt sie ihr Können aus, wenn sie im groovy 5/4-Takt über ein gerade im 4/4-Takt gespieltes Glockenspiel spielt.

Jedes Stück ruft eine ganz eigene Stimmung auf, oft dreht die Atmosphäre jeweils mittendrin um. „Phase One Million“ etwa lässt Afro-Funk auf einen Disco-Vibe treffen und dabei Thaipop anklingen, in „The Lift“ treibt ein warmer Bass die roboterartige Elektronik voran.

Mit dem ihnen eigenen Retrofuturismus verbinden Vanishing Twin wohlige Nostalgie mit abgründiger Unheimlichkeit – und sind dabei auf einer so breiten Zeitachse unterwegs, dass sie mit ihrem super eigenwilligen Stil vollkommen zeitlos klingen.

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