Menschen stehen vor der Mauer der Synagoge, vor der viele Blumen abgelegt wurden

Das Ziel des Attentäters, hier zwei Tage nach dem Anschlag Foto: Jens Schlüter/Getty Images

Prozess gegen den Attentäter von Halle:Weiter leben wollen

Roman R. will sich nicht vertreiben lassen. Christina Feist verlässt Deutschland. Im Halle-Prozess haben die das Wort, denen der Hass des Täters galt.

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2.9.2020, 20:10 UHR

Applaus im Gerichtssaal gilt als unangemessen. Aber er kommt schon einmal vor, nach Freisprüchen etwa. Applaus im Anschluss an die Befragung einer Zeugin ist ungewöhnlich. Doch genau so beginnt der achte Verhandlungstag in dem Prozess um das rechtsextremistische Attentat in Halle, als die Nebenklägerin Mollie Sharfman sich im Zeugenstand von der Macht des Attentäters befreit.

Mollie Sharfman ist in dem Verfahren die erste Stimme der Jüdinnen und Juden, die die Synagoge von Halle besucht hatten, während der Täter versuchte, sich Zugang zu dem Gebäude zu verschaffen. Sharfman spricht ruhig und bewusst am Täter vorbei in den Raum, und meint doch den 28-Jährigen Rechtsextremisten: „Du hast dich mit der falschen Person angelegt, mit der falschen Familie, mit den falschen Nebenklägern. Du hast dich mit den falschen Leuten angelegt. Von diesem Tag an wird er mir keine persönlichen Qualen mehr verursachen. Es endet heute.“ Dies ist der erste von vier Befreiungsschlägen, der an diesem Tag von Applaus besiegelt wird.

Vom Zeug:innenstand geht sie zurück zu einer der drei langen Tischreihen, die dem Täter gegenüberstehen. Sie lässt sich in die Arme einer anderen jungen Frau fallen: Christina Feist. Das Band zwischen ihnen ist fest geschnürt – durch ihre gemeinsame Geschichte und ihren gemeinsamen Kampf.

Mollie Sharfman, Jüdin zum Angeklagten

„Du hast dich mit der falschen Person angelegt, mit der falschen Familie, mit den falschen Klägern“

Beide Frauen sind keine Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Halle. Sie kamen durch eine Initiative des Rabbiner:innenpaars Jeremy Borovitz und Rebecca Blady in die Stadt, um Jom Kippur fernab der vollen Synagogen Berlins zu feiern und eine ältere lokale Gemeinde zu beleben. Was dieser Feiertag für jüdische Menschen bedeutet und wie er für gewöhnlich begangen wird, erzählt Rabbi Borovitz am Dienstag vor Gericht. Feist sagt dazu: „Ich finde schön, dass der Rabbiner befragt wurde. Eine ehrliche Frage ist besser, als Vermutungen anzustellen. Der Täter weiß mehr über Jom Kippur, als das Gericht, das diesen Prozess leitet, und die Polizei, die uns damals evakuiert hat.“

Die Tat vom 9. Oktober 2019

Am 9. Oktober 2019 versuchte der Rechtsextremist sich mit selbstgebauten Waffen Zugang zur halleschen Synagoge zu verschaffen. Er überträgt ein Video der Tat live im Internet. Eines seiner Vorbilder ist das Attentat von Christchurch, bei dem der Täter zwei Moscheen stürmte, dabei 51 Menschen ermordete und ebenso viele körperlich verletzte.

In etwa so viele Menschen befinden sich an diesem Mittag in der halleschen Synagoge. Es ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Die Holztür zum Innenhof hält den Schüssen und Tritten des Täters stand und rettet 52 Menschenleben. Der Täter erschießt die Passantin Jana L. auf der Straße vor der Synagoge und den 22-jährigen Kevin S. in dem nahegelegenen Kiez-Döner. Er liefert sich auf der Straße vor dem Imbiss einen Schusswechsel mit der Polizei, fährt bei seiner Flucht einen Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite an und feuert auf ein Paar gezielte Schüsse ab, als dieses sich weigert, sein Auto zur Flucht an den Täter zu übergeben.

Die Anklage lautet: Zweifacher Mord und versuchter Mord in 68 Fällen. 43 Menschen sind in dem Prozess als Nebenkläger zugelassen. Es sind Angehörige der Getöteten, von der Polizei, aus der Synagoge und dem Kiez-Döner.

Strafprozesse drehen sich stets um die Tä­ter:in­nen, deren Schuld und eine Strafe zu ermitteln sind. Die Opfer bleiben meist stille Randfiguren. Diesmal ist es anders. In dem Magdeburger Gerichtssaal erheben die Nebenkläger:innen ihre Stimmen selbstbewusst.

Überwachungskamera

Ungenügender Schutz der Synagoge: eine schwere Tür, eine Überwachungskamera, aber keine Polizei Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Wie Jom Kippur im vergangenen Jahr abgelaufen ist, das berichten an diesem Dienstag und Mittwoch neben Rabbiner Borovitz weitere Betroffene. Alle Anwesenden erleben den Tag des Attentats immer und immer wieder, Schritt für Schritt aus verschiedenen Perspektiven. Die Bilder überlappen sich zum Teil zeitlich und sind doch sehr verschieden. Im Laufe der Prozesstage acht und neun ergibt sich ein Gesamtbild, das allen Kameras verborgen blieb. Es ist ein Bewegtbild.

Die Tat Seit dem 21. Juli 2020 läuft der Prozess gegen den Attentäter von Halle, der am 9. Oktober 2019 versucht hatte, mit selbstgebauten Waffen und Sprengkörpern die dortige Synagoge zu stürmen. Der heute 28-Jährige scheiterte an der Synagogentür, erschoss vor der Tür jedoch die Passantin Jana L. und im nahegelegenen Kiez-Döner den 22-jährigen Kevin S.

Die Ankläger Die Anklage wirft Stephan B. zweifachen Mord und 68-fachen Mordversuch vor. 52 Fälle davon betreffen die in der Synagoge anwesenden Gläubigen. Einige von ihnen haben sich der Anklage als Nebenkläger:innen angeschlossen.

Der Täter Im bisherigen Prozessverlauf hat der Angeklagte bei jeder Gelegenheit versucht, seine rechtsradikale Gesinnung zu verbreiten. Er lächelte – zum Tatvideo, zu Vorwürfen, zu Befragungen der ermittelnden BKA-Beamten und der Zeug:innen.

Die Nebenkläger Am achten und neunten Prozesstag sprechen erstmals die Nebenkläger:innen, die sich zum Tatzeitpunkt in der Synagoge befanden. Sie fordern, eben diesen Kontext zu hinterfragen: In welcher Gesellschaft ist solch eine Tat möglich? Aber auch: In welcher Gesellschaft möchten wir leben?

Das Urteil Planmäßig erstreckt sich der Prozess über 18 Tage bis zum 14. Oktober 2020. Dem Täter droht eine lebenslange Haftstrafe und Sicherungsverwahrung. (taz)

An jedem der bisherigen Prozesstage veranstalten Unterstützer:innen eine Kundgebung vor dem Gericht, auf denen auch die Betroffenen sprechen. Christina Feist sagt dort zum Prozessauftakt, Antisemitismus sei „ein trauriger Teil unseres alltäglichen Lebens“. Das „Nie wieder“ seien „Worte, die für mich jegliche Bedeutung und Glaubwürdigkeit verloren haben“. Die Gesellschaft müsse Antisemitismus endlich ernsthaft bekämpfen. „Ich bitte Sie inständig: Lassen Sie uns damit nicht allein!“

„Wie haben Sie diesen Tag erlebt?“

Diese Forderungen haben sich an den ersten Prozesstagen nur bedingt erfüllt. Zwar sind die Be­sucher:innenplätze von Beginn an komplett gefüllt und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hält an, doch im bisherigen Verlauf des Verfahrens sind die Nebenkläger:innen häufig der Selbstdarstellung des Angeklagten ausgesetzt. Das Tatvideo wird vor Gericht erneut gezeigt, das Lächeln des Täters begleitet diese Bilder sowie fast jede Befragung. Anfangs nutzt dieser jede Chance zur Ausbreitung seiner Ideologie. Selbst die Befragung des Rabbiners Borovitz am Dienstag versucht er mit einer Suggestivfrage für sich zu nutzen.

Am achten Tag scheint sich das Blatt zu wenden. Da wird die eine Frage gestellt: „Wie haben Sie diesen Tag erlebt?“ Die Blicke im Gerichtssaal sind kaum mehr auf den Täter gerichtet. Es geht nicht um die Schuldfrage oder das Strafmaß, es geht um Macht und Ermächtigung.

„Die Frage: Wie haben Sie den Tag erlebt, wurde mir schon ich weiß nicht wie oft gestellt. Doch es ist etwas anderes, ob man ein Interview gibt oder im Prozess eine Aussage macht. Und ich glaube, ich habe erst heute verstanden, wie wichtig es ist, da echt mein emotionales Innenleben hinzulegen“, sagt Christina Feist nach den Aussagen von Mollie Sharfman, I. Berger und Jeremy Appelbaum Borovitz, mit denen sie am 9. Oktober 2019 in der Synagoge zusammensaß.

„Dieser Prozess löst in allen von uns etwas völlig anderes aus“, sagt Feist am Rande des Prozesses. „Jeder geht auf unterschiedliche Weise mit Trauma und Schmerz um“, sagt auch Rabbiner Borovitz im Zeugenstand, „aber für mich und meine Mitzeugen haben wir heute die Geschichte von Jom Kippur und über diesen Angriff zu einer Geschichte gemacht, die nicht von Trauer, sondern von Widerstandsfähigkeit handelt. Aus der Tragödie werden wir Leben aufbauen“, sagt er.

Aus den Schilderungen mag sich ein Bild des Innenlebens der Synagoge zusammensetzen lassen, es zeigt sich jedoch nicht das eine Innenleben ihrer Gläubigen. Es gibt unterschiedliche Spuren, die bleiben, unterschiedliche Konsequenzen, die sie ziehen, unterschiedliche Worte, die sie gesprochen wissen wollen.

Frau vor Synagoge

Christina Feist vor der Synagoge, nur Tage nach dem Anschlag. Die Jüdin will Deutschland verlassen Foto: Jan Woitas/dpa

Mollie Sharfman sagt: „Mein Großvater ist ein Überlebender des Holocausts. Lange Zeit war er der einzige Überlebende der Familie. Er hat mich im Arm gehalten und wollte mich davor beschützen. Nun gehöre ich auch zu den Überlebenden. Das wollte ich nicht, aber nun ist es so. Jetzt stehe ich hier und ich bin stark.“

I. Berger, Überlebende

„Das wird uns nicht davon abhalten, in eine Synagoge zu gehen“

I. Berger sagt: „Ich glaube, so schockierend das auch für uns alle war, jüdisches Leben hat mehr durchgestanden und auch jetzt werden wir weitermachen wie vorher. Das wird uns sicher nicht davon abhalten, in eine Synagoge zu gehen und jüdisches Leben zu leben. Das werden wir uns nicht von ihm oder jemand anderem nehmen lassen.“

Sie sagt auch: „Was für mich sehr belastend ist und was sich nicht ändern wird: dass zwei Menschen tot sind, weil ich es nicht bin. Mir wäre es persönlich lieber gewesen, wenn er auf mich geschossen hätte, als zwei Menschen, die damit nichts zu tun haben. Ich kann ihm verzeihen, dass er versucht hat, mich umzubringen, aber nicht, dass er zwei andere Menschen getötet hat. Das werde ich nie verstehen.“

Rabbiner Borovitz sagt: „Ich kam vor zwölf Jahren zum ersten Mal nach Berlin. Zum zweiten Mal vor vier Jahren. Ich habe mich in diese Stadt verliebt. Ich glaube fest an eine jüdische Zukunft in diesem Land. Vor diesem schrecklichen Erlebnis wussten wir nicht, wie lange wir hier bleiben würden, nun muss ich sagen, dass jüdisches Leben in Deutschland weitergehen wird, es wird blühen, es wird wachsen, und ich bin froh über das Privileg, daran teilzuhaben. Wir haben keine Angst. Wir verstecken uns nicht. Wir sind laut und wir werden gehört.“

Am Dienstagnachmittag sagt Vorbeter Roman R.: „Ich habe mich entschieden, jüdisch zu leben. Mein erster Gedanke war: Das ist der Preis, dass du irgendwann von irgendwem erschossen wirst. Du kannst noch so gut Deutsch sprechen, noch so gut integriert sein, du bleibst trotzdem der Jude. Dann kamen die ersten Solidaritätsbekundungen. Wie Salbei auf meinen Wunden war der erste Freitag nach dem Anschlag. Ich kam zur Synagoge, zwei Stunden bevor der Schabbat beginnt, und da hieß es, draußen haben sich Menschen versammelt und …“, er unterbricht, hält mit seinem Anwalt Rücksprache.

Dann richtet er sein Wort direkt an den Täter: „Ich kam nach draußen auf die Straße. Auf diese Straße, auf der du warst. Die Straße war voll. Tausend Menschen: alt, jung, Hallenser, aus ganz Deutschland sind sie angereist, Nichtjuden, und sie haben gesungen. Sie haben Schalom gesungen, Frieden. Sie haben gesagt: Wir werden diesen Ort nicht verlassen. Wir werden die Synagoge beschützen. Das ist das Deutschland, was ich kenne. Was du gemacht hast? Du hast leider zwei Menschen umgebracht und vielen Menschen ein Trauma hinterlassen, aber ich sehe nur Liebe und Toleranz, die gekommen ist. Ich habe mir gesagt: Ich bleibe hier. Und du? Für den Rest deines Lebens musst du damit leben: Was du getan hast, hat nichts gebracht“.

Ein Schritt zur Trauerbewältgung

Die persönliche Trauer kann nicht losgelöst werden vom jüdischen Glauben, der Herkunft der Betroffenen und deren Stellung in der deutschen Gesellschaft. Auch nicht für jene, die den Prozess an diesen Tagen verfolgen – sie applaudieren, haben Tränen in den Augen. Auch nicht für das Gericht – es gibt Raum und gewährt den Applaus.

Christina Feist sagt: „Dieser Prozess und meine aktive Teilnahme darin sind ein bewusster und hoffentlich letzter Schritt meiner Trauerbewältigung. Ich setze mich da jetzt noch mal hin und kann hoffentlich ganz ehrlich sagen, wie es mir ging, wie es mir geht, und habe dabei hoffentlich die Gelegenheit, nicht nur diesen Anschlag und diesen Täter zu thematisieren, sondern das größere Ganze: Deutschland als Ganzes, die deutsche Politik, die Arbeit der Polizei, vielleicht auch, was ich von diesem Gericht halte. Ich wüsste nicht, auf welcher Plattform ich das sonst sagen könnte, um gehört zu werden. Manchmal geht es mir schlecht, und ich kann nicht direkt erkennen, warum. Ich glaube, dass mir mit der Aussage noch mal ein Stück Realität zurückgegeben wird.“

Wirklich zur Ruhe gekommen ist die kleine Gemeinde in Halle bis heute nicht. Rund 500 Mitglieder zählt sie, viele von ihnen sind älter und entstammen Familien osteuropäischer Herkunft. Nach dem Anschlag kamen reihenweise Poli­ti­ker:innen zu Besuch, die Gläubigen erhielten Hilfsangebote. Und sie machten weiter, ließen keinen Gottesdienst ausfallen. Die Gemeinschaft sollte nicht zerfallen, der Hass nicht siegen.

Dann aber kam die Coronapandemie, die nächste Herausforderung. Nur noch 19 Gläubige dürfen seitdem gemeinsam in die Synagoge mit den bunten Glasfenstern und dem hölzernen Pult zur Toraverlesung. Zum ersten Mal seit 1945 musste das Pessachfest ausfallen und durfte das Gedenken an die Schoah-Opfer, Jom haScho'a, nur virtuell stattfinden.

Der Sicherheitsbeauftragte Vladislav Ryabichev lässt nur noch polizeilich überprüfte Be­su­cher:innen durch die Tür auf das Synagogengelände. Roman R. schaut noch immer reflexartig auf den Bildschirm der Überwachungskamera an der Synagogentür, wenn er vorbetet. Bis vor vier Wochen klafften in der dunkelbraunen Eichenholztür noch die Einschusslöcher des Attentats. Dann wurde die Tür ausgetauscht, für ein neues, noch festeres Modell, 160 Kilogramm schwer. Die alte Tür soll im Oktober, wenn seit dem Anschlag ein Jahr vergangen ist, im Hof aufgestellt werden – als Mahnmal. Was passiert ist, wird die Gemeinde nicht mehr loslassen, auch, weil es größere Fragen aufgeworfen hat.

Heute thronen Kameras gut sichtbar auf Mästen vor der Synagoge, die Polizei hat einen weiß-blauen Container ganz in der Nähe aufgestellt. Bis heute verhandelt die Gemeinde mit dem Land über ein neues Sicherheitskonzept. An Jom Kippur 2019 war keine Polizei vor der Synagoge – die Beamten hielten das Gotteshaus für nicht gefährdet. Nun stockt die Landesregierung die Gelder für Schutzmaßnahmen jüdischer Einrichtungen im Land auf.

Schon im Vorfeld des Prozesses vernetzten sich die Betroffenen, einige veröffentlichten zum Beginn eine Erklärung. Der Prozess müsse „den Mythos des isolierten Einzeltäters aufdecken und eine verantwortungsvolle Politik zur Bekämpfung der zunehmenden Online-Radikalisierung entwickeln“, heißt es darin. Die Gesellschaft müsse „den Ideologien, die zur Barbarei führen, die wir in Halle erlebt haben, furchtlos entgegentreten“.

Das Versagen der Behörden

Der Mittwoch beginnt mit der Vernehmung des Sicherheitsbeauftragten der Synagoge, Vladislav Ryabichev. Die Welle an Energie des Vortages scheint abgeebbt. Der Verteidiger befragt Ryabichev fast übergriffig zum Lageplan und dem Sicherheitskonzept des Synagogengrundstücks. Nach einem Schlagabtausch zwischen dem Verteidiger und den Nebenklageanwält:innen spricht Ryabichev den Verteidiger an: „Jetzt frage ich Sie als Jude: Planen sie etwas?“

Mollie Sharfman findet es verwunderlich, dass es in Deutschland so wenig Wissen über das Judentum gibt, gerade nachdem man sich so an der Aufarbeitung seiner Vergangenheit versucht habe. Sie selbst versuche dies nicht persönlich zu nehmen, sagt sie nach der Befragung Ryabichevs am Mittwoch. „Ich fühle mich nach dem gestrigen Tag noch immer ermächtigt. Vor Gericht sitzt eine Person, aber den Hass gibt es weltweit. Ich schöpfe viel Kraft daraus, dass wir darüber reden, wie die Welt eine bessere werden kann.“

Das Versagen der Einsatzkräfte und Ermittler, es ist offensichtlich noch nicht zu Ende: Erst vergangene Woche offenbarten BKA-Beamte, dass sie die Online-Aktivitäten des Täters nicht rekonstruieren können. Eine Anwältin hakte nach: „Sie wurden mit der Auswertung beauftragt, obwohl Sie keine Ahnung von Steam und Gaming haben?“ Die zögerliche Antwort lautete: „Ja.“

In dieser Woche war in dem Prozess das Video der Überwachungskamera über der Synagogentür zu sehen. Es dokumentiert die unterlassene Hilfeleistung der polizeilichen Einsatzkräfte vor Ort. Und auch die Aussagen der Nebenkläger:innen zeugen von deren Inkompetenz.

So mussten die überlebenden Gläubigen mit der Polizei darum kämpfen, ihr koscheres Essen zum Fastenbrechen mit sich führen zu dürfen. Rabbiner Borovitz führte lange Diskussionen, um seine 15 Monate alte Tochter bei sich behalten zu dürfen, die während des Anschlags mit ihrer Nanny in einem nahe gelegenen Café gewesen war. Er erzählt von einem weiteren Fehltritt: „Auf dem Weg zum Bus habe ich eine katholische Nonne gesehen, sie kam, um Unterstützung anzubieten. Ich denke durchaus, dass das vom Instinkt gut gemeint war, aber vom jüdischen Standpunkt aus war das triggernd. Es gibt eine lange Geschichte der Zwangskonversion, des Drucks, den jüdischen Glauben aufzugeben. In dieser Situation mit einer Nonne konfrontiert zu werden, war für einige wirklich bestürzend.“

„Sie können das besser machen“, sagt er und meint damit nicht nur die Polizist:innen, sondern die deutsche Gesellschaft.

Wenn Christina Feist nicht bei dem Prozess in Magdeburg anwesend ist, dann arbeitet sie in Frankreich an ihrer Promotion. Ursprünglich sollte es nur ein begrenzter Studienaufenthalt werden. Nun ist für sie klar: „Ich komme sicher nicht nach Deutschland zurück. Das war’s. Und das ist nicht nur diesem Anschlag geschuldet, sondern auch der miserablen Arbeit der Polizei. Ich lasse mir mein Judentum nicht von einem Anschlag nehmen und ich lasse mir auch nicht nehmen, Jom Kippur wieder in Halle zu verbringen. Aber ich kann hier nicht mehr leben.“

Mitarbeit: Konrad Litschko

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