Prozess gegen Harvey Weinstein: Kurz vor der Wahrheit

Nach den Schlussplädoyers ist der inhaltliche Teil des Prozesses vorbei, nun muss die Jury entscheiden. Welcher Erzählung wird sie glauben?

Harvey Weinstein verlässt mit Rollator das Gericht, an den Seiten stehen Fotografen

Die Gehhilfe von Weinstein war auch ein Thema im Prozess Foto: Bebeto Matthews/Ap

BERLIN taz | Jetzt heißt es: abwarten. Die Staatsanwaltschaft und Verteidigung können nun nichts mehr tun. Sämtliche Beweismittel wurden eingereicht, alle Zeug:innen haben ausgesagt, die Schlussplädoyers wurden gehalten. Frühestens ab Dienstag wird sich die Jury zusammensetzen, um zu entscheiden: Ist Harvey Weinstein schuldig oder nicht?

Der Prozess, der die letzten sechs Wochen am obersten Gericht von New York stattgefunden hat, zog internationales Interesse auf sich. Journalist:innen berichteten, wie sie stundenlang vor dem Gerichtsgebäude warteten, um einen Platz zu ergattern; vor dem Gebäude demonstrierten Aktivist:innen, die mediale Berichterstattung war nicht nur in den USA enorm.

Denn kein Gesicht ist so sehr mit der ­MeToo-Bewegung verbunden wie das von Harvey Weinstein. Seit der Berichterstattung von Jodi Kantor und Megan Twohey am 5. Oktober 2017 in der New York Times steht Weinstein für ein System von Machtmissbrauch. Deswegen geht es in diesem Prozess auch nicht nur um den Urteilsspruch über einen einzelnen Mann, sondern auch um die Frage, wie sehr mutmaßlich Betroffene dem Rechtssystem vertrauen können – und wie es überhaupt mit MeToo weitergeht.

In den letzten zwei Jahren haben mehr als 90 Frauen Vorwürfe gegen Weinstein erhoben. Doch viele der mutmaßlichen Taten sind nach New Yorker Recht verjährt oder haben in anderen Staaten stattgefunden, Dutzende Frauen haben sich außergerichtlich mit Weinstein geeinigt. Deswegen werden seit dem 6. Januar nur zwei Fälle vor Gericht verhandelt. Miriam Haleyi, eine ehemalige Produktionsassistentin der Weinstein Company, wirft dem Filmmogul vor, sie 2006 in seinem New Yorker Apartment zum Oralverkehr gezwungen zu haben.

Verhalten eines Raubtieres

Die Schauspielerin Jessica Mann beschuldigt Weinstein, sie 2013 in einem Hotelzimmer vergewaltigt zu haben. Weinstein weist die Vorwürfe zurück und spricht in beiden Fällen von einvernehmlichen sexuellen Handlungen. Bei einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft als Höchststrafe. Weinstein plädiert auf nicht schuldig und kann im Falle eines Schuldspruchs in Berufung gehen.

Schauspielerin Annabella Sciorra vor Gericht

„Ich habe ihn geschlagen und getreten, ich habe versucht, ihn von mir wegzubekommen“

Schon bevor der inhaltliche Teil des Prozesses startete, kam es zu Streitigkeiten zwischen den Kläger:innen und Weinsteins Verteidiger:innen. Es ging um die ohnehin schon schwierige Juryauswahl – ein Großteil der Kandidat:innen wurde wegen Befangenheit ausgeschlossen. Bei der Auswahl der Geschworenen warf die Staatsanwältin und Chefanklägerin Joan Illuzzi-Orbon der Verteidigung vor, systematisch jüngere weiße Frauen ausschließen zu wollen, obwohl ein Großteil der mutmaßlich Betroffenen Weinsteins junge weiße Frauen sind. Nach 11 Tagen war die Jury dann doch komplett. Schlussendlich besteht sie nun aus sieben Männern und fünf Frauen sowie drei Ersatzgeschworenen.

Neben den zwei Hauptzeugen, Haleyi und Mann, kamen noch vier weitere mutmaßlich Betroffene im Gericht zu Wort. Mit diesen Aussagen will die Staatsanwaltschaft Weinstein ein jahrzehntelanges Verhaltensmuster nachweisen. Nämlich das eines Raubtieres. So lautet auch die Anklage: Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und „predatory sexual assault“, das man im Deutschen als „raubtierhafte sexuelle Übergriffe“ übersetzen kann.

Auch die Schauspielerin Annabella Sciorra, bekannt aus der Serie „Sopranos“, erschien vor Gericht, sie gilt als wichtigste Belastungszeugin. Vor Gericht erzählte sie detailliert, wie Weinstein sie Anfang der 90er in ihrer Wohnung überwältigt und vergewaltigt habe – der Vorfall ist verjährt. „Ich habe ihn geschlagen und getreten, ich habe versucht, ihn von mir wegzubekommen“, sagte sie zu den Geschworenen. Doch sie habe keinen Erfolg gehabt.

Diesen Beschreibungen der betroffenen Frauen musste die Verteidigung etwas Starkes entgegensetzen. Dafür hatte Weinstein sich eine Expertin gesucht: Donna Rotunno. Die 44-Jährige hat sich auf das Thema der sexualisierten Gewalt spezialisiert – und ist unter dem Spitzname „Bulldogge“ für ihre harten Kreuzverhöre bekannt.

Ihre Verteidigungslinie ist: Der Sex zwischen Weinstein und den Zeug:innen hat stattgefunden, war aber einvernehmlich. Das versuchte sie mit E-Mails nachzuweisen, die die Zeug:innen geschrieben haben, oder mit Kalendereinträgen, in denen um eingetragene Treffen mit Weinstein Herzchen gemalt sind. Sie fragte Sciorra, wie sie drei Jahre nach der mutmaßlichen Vergewaltigung noch einmal einen Film mit ihm drehen konnte, oder zeigte einen Videoausschnitt der „Late Show“ von David Letterman aus dem Jahr 1997. Darin erzählt Sciorra, es mache ihr Spaß, der Öffentlichkeit ausgedachte Geschichten zu erzählen.

Jessica Mann dagegen lässt sie eine ­E-Mail vorlesen, aus dem Jahr 2014 – also ein Jahr nach der mutmaßlichen Vergewaltigung. In dieser bezeichnet sie Weinstein als eine Vaterfigur für sich. Das Verhör durch Rotunno brachte Mann zum Weinen und schließlich zum Hyperventilieren. Der Prozesstag wurde abgebrochen.

Die Hassfigur von #MeToo

Rotunno hat in ihrer bisherigen Karriere alle Fälle, in denen es um Sexualverbrechen ging, gewonnen – bis auf einen. Mit ihrem Auftreten und ihren Aussagen ist sie für die MeToo-Bewegung zur Hassfigur geworden. Sie findet, MeToo sei zu weit gegangen, man solle nicht allen Betroffenen glauben.

Und dann ist da noch der New-York-Times-Podcast „The Daily“, in dem Rutonno kürzlich zu Gast war und der Anfang Februar veröffentlicht wurde. Dort wurde sie nach einem halbstündigen Interview mit Megan Twohey gefragt, ob sie jemals selbst Opfer eines sexuellen Übergriffes geworden sei. Rutonno antwortet: Nein, weil sie sich nie in eine potenzielle Opfersituation gebracht habe. „Ich habe vom College-Alter an immer Entscheidungen getroffen, bei denen ich nie zu viel getrunken habe. Ich bin nie mit jemandem nach Hause gegangen, den ich nicht kannte. Ich habe mich nie in eine verletzliche Situation gebracht.“

Rotunno hält Weinstein für unschuldig und hat vor Gericht das Ziel, die Zeug:innen als unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Darauf war die Staatsanwaltschaft vorbereitet und hat Barbara Ziv in den Zeugenstand berufen, eine forensische Psychiaterin, die auch schon im Prozess von Bill Cosby aussagte.

Als Expertin für sexuell hervorgerufene Traumata erklärte sie der Jury, dass es ein normales Verhalten von Betroffenen sei, keine Anzeigen zu erstatten, niemandem davon zu erzählen oder weiterhin Kontakt mit dem Täter zu haben. Das soll erklären, warum sowohl Haleyi als auch Mann freundschaftlichen Kontakt und einvernehmlichen Sex mit Weinstein hatten, nachdem es zu den Übergriffen gekommen sein soll.

Alles nur Show?

Fünf Wochen hat der Prozess gedauert, dann tauchte Weinstein am Freitag vorerst zum letzten Mal mit seinem klapprigen Rollator im Gerichtsgebäude in Downtown Manhattan auf. Eine Gehhilfe, die im Prozess zum Politikum wurde. Diese benötigte er wegen einer angeblichen Rückenverletzung, die er sich im vergangenen Sommer zugezogen haben soll. Der Rollator mit zwei gelben Tennisbällen als Radersatz sah auf jedem Foto und Video so aus, als würde er gleich auseinanderfallen. Später im Prozess hatte Weinstein dann einen neuen, aber kaum weniger wackeligen Rollator. Alles nur Show, eine Mitleidstaktik, schrieben viele Medien. Richter James Burke warnte die Anwälte davor, die Gehhilfe in den Schlussplädoyers zu erwähnen.

Der Rollator spielte dann in den abschließenden Plädoyers von Rotunno und Illuzzi-Orbon keine Rolle. Stattdessen richtete sich Rotunno am vergangenen Donnerstag mit der Forderung an die Jury, sie solle sich bei ihrer Entscheidung nicht auf die negative Berichterstattung gegen Weinstein oder auf die MeToo-Bewegung konzentrieren, sondern auf die Beweise. Dabei verstärkte sie noch mal ihre Strategie der vergangenen Wochen, die Zeuginnen als Lügnerinnen dastehen zu lassen.

Illuzzi-Orbon setzte dem in ihrem Schlussplädoyer entgegen, dass Weinstein von Anfang an ein System erschaffen habe, mit dem er die Betroffene kontrollieren könnte. Sie schloss nach drei Stunden mit den Worten: Die Frauen „kamen, um gehört zu werden. Sie opferten ihre Würde, ihre Privatsphäre und ihren Frieden für die Aussicht, dass sie eine Stimme haben und dass ihre Stimme genug sei für Gerechtigkeit“. Damit war erst mal alles gesagt.

Vorhersehen zu wollen, wie der Prozess endet, also ob Harvey Weinstein eine Haftstrafe antreten muss oder nicht, ist kaum möglich. Denn wie fast immer, wenn es um Fälle der sexualisierten Gewalt geht, fehlen zwei wichtige Dinge im Prozess. Vergewaltigung und Missbrauch finden häufig in geschlossenen Räumen zwischen zwei Personen statt, direkte Zeug*innen gibt es also selten. Zudem fehlen physische Beweise.

Im Fall von Weinstein kommt hinzu, dass die Fälle einige Zeit zurückliegen. Die Jury muss also jetzt entscheiden, ob die Erzählung von Verteidigerin Rotunno oder die von Chefanklägerin Illuzzi-Orbon sie mehr überzeugt hat.

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