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Protestforscherin über Politguppen„Schauen, wer durch Geborgenheit ausgeschlossen wird“

Politische Gruppen können als Experimentierfeld für die gesamte Gesellschaft dienen, sagt die Flensburger Protestforscherin Clara Tempel.

Gemütliche Geborgenheit im Anti-Atom-Dorf 1980 bei Gorleben im Wendland. Knapp einen Monat später räumte die Polizei das Dorf Foto: Dieter Klar/dpa

taz: Frau Tempel, Politik und Geborgenheit haben auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun. Wie bringen Sie die beiden zusammen?

Clara Tempel: Geborgenheit wird eher im Privaten verortet. Aber ich habe mich gefragt, ob Geborgenheit nicht auch im politischen Raum stattfinden kann. Können sich Menschen angesichts der heutigen Situation in Bezug auf die Klimakrise, Kriegsgefahr oder den Rechtsruck überhaupt noch geborgen fühlen? Und was können wir politisch dafür tun, dass mehr Menschen sich geborgen fühlen können? Weil ich selber als politische Aktivistin in vielen sozialen Bewegungen unterwegs bin, habe ich mir auch angeschaut, wie es in politischen Gruppen mit der Geborgenheit aussieht.

taz: Dann ist dies also auch ein autobiografischer Text?

Tempel: Ja. Ich bin schon als Kind Aktivistin gewesen, weil ich im Wendland aufgewachsen bin, durch das eine Zeit lang jedes Jahr die Atomtransporte nach Gorleben gekommen sind. Dadurch wurde ich schon sehr früh politisiert und bin in den Widerstand hineingewachsen. Und so erzähle ich viele Geschichten aus meiner Aktivismus-Biografie.

taz: Im Wendland gab es einen langen und erfolgreichen Widerstand. Können Sie deshalb Ihr Buch aus der Perspektive einer Gewinnerin schreiben?

Bild: Luisa Zinn
Clara Tempel

wurde 1995 im Wendland geboren und ist schon früh in den Widerstand gegen die Atomanlagen in Gorleben hineingewachsen. Sie hat einen Master in Transformationsstudien und arbeitet bei einer Umweltorganisation. Sie macht politische Kunst und lebt in Flensburg.

Tempel: An diesem Beispiel hat sich gezeigt, dass eine Widerstandsbewegung radikal gegen etwas wie die Atomtechnologie sein kann – aber dort auch Alternativen vorgelebt werden können.

taz: Ist es ein linkes Wohlfühlbuch geworden?

Tempel: Nein, denn ich bin auch Protest- und Bewegungsforscherin. Das habe ich studiert und ich schaue auch aus einer wissenschaftlichen Perspektive auf das Thema.

taz: Was hat Sie auf dieser Ebene an dem Thema interessiert?

Tempel: Ich habe zum Beispiel untersucht, ob die Gruppen, in denen wir politisch arbeiten, ein Vorbild für die Gesamtgesellschaft sein könnten. Wir können sie ja auch als Räume ausprobieren, in denen wir schauen, was Menschen brauchen, um sich geborgen zu fühlen. Die Frage ist: Wie sollte unsere Gesellschaft gestaltet sein, damit möglichst viele Menschen sich darin zu Hause fühlen können?

Wenn wir uns zum Beispiel den Rechtsruck anschauen, dann ist es ja so, dass in vielen strukturschwachen Gebieten Jugendliche nach Zugehörigkeit und dem Gefühl von Aufgehobensein suchen

taz: Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Tempel: Bei meiner Recherche und vielen Gesprächen habe ich gemerkt, dass dies ein ganz zentrales Konzept ist. Für viele Menschen ist es wichtig, Geborgenheit in ihrem Leben zu erfahren. Wenn wir uns zum Beispiel den Rechtsruck anschauen, dann ist es ja so, dass in vielen strukturschwachen Gebieten Jugendliche nach Zugehörigkeit und dem Gefühl von Aufgehobensein suchen. Und dort können darum rechte Gruppen auch mit diesem Versprechen von Geborgenheit so erfolgreich sein.

Die Lesung

Clara Tempel liest aus ihrem Buch „Politische Geborgenheit – vor*­an­kom­men in sozialen Bewegungen“ (Verlag Graswurzelrevolution, 2025) beim „Imbisz mit politischem Dessert“: Fr, 27.2, Essen: 18 Uhr, Lesung: 19 Uhr, Kulturzentrum Komplex, Pfaffenstraße 4, Schwerin. Einlass über den Hinterhof, Eintritt gegen Spende

taz: In Hitlerdeutschland fühlte sich die große Mehrheit der Menschen zumindest in den 1930er Jahren geborgen. Kann dies also auch ein gefährlicher Weg sein?

Tempel: Ja, denn es ist ein sehr mächtiger Mechanismus, wenn gesagt wird: Wir sind eins und bauen uns eine Gesellschaft auf, in der wir uns zu Hause fühlen können. Sonst aber niemand. Denn bei der Geborgenheit gibt es ja auch immer ein Innen und ein Außen. Darum müssen wir darauf achten, dass Geborgenheit nicht zur Rechtfertigung dazu wird, Grenzen zu ziehen. Wir sollten also die Geborgenheit nicht unkritisch anstreben, sondern stattdessen schauen, wer durch sie aus- oder eingeschlossen wird.

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