Proteste in Belarus: „Das ist unsere Stadt“
Brutale Gewalt gegen Demonstrierende beim „Marsch der Helden“ in Minsk. Machthaber Lukaschenko will zeigen, dass er die Lage unter Kontrolle hat.
Foto: Tut/ AP
Dies hier ist meine Stadt, ich bin gegen diese Okkupation und natürlich gehe ich zur Demo“, sagt Weronika bestimmt. Sie habe alle Angst abgelegt, sagt die Frau um die dreißig Jahre alt, nun gälte es nur noch, den Usurpator zu vertreiben, das sei das Einzige, was zähle.
Der „Usurpator“ ist der Noch-Staatspräsident Alexander Lukaschenko. Vor seinem Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin am Montag will er Moskau beweisen, dass er Herr der Lage in seinem Land ist. Deshalb hat er schon am frühen Sonntagmorgen auf dem Boulevard der Unabhängigkeit in der Minsker Innenstadt Armeetechnik auffahren lassen.
Mehr Geschichten über das Leben in Belarus: In der Kolumne „Notizen aus Belarus“ berichten Janka Belarus und Olga Deksnis über stürmische Zeiten – auf Deutsch und auf Russisch.
Bereits am Vormittag werden seine Schergen aktiv und nehmen in den Außenbezirken erste Aktivisten oder einfach nur potentielle Demonstranten fest, die in die Minsker Innenstadt zum „Marsch der Helden“ ziehen wollen. „Die Oliven machen wieder Jagd, passt bloß auf, sobald ihr das Haus verlasst!“, wird in den oppositionellen Telegram-Kanälen gewarnt. Die „Oliven“ sind grün gekleidete Einheiten ohne Kennzeichen, die als besonders brutal gelten. Niemand weiß, wer sie sind. Es wird darüber spekuliert, ob es sich dabei nicht um jene von Putin versprochenen Sonderpolizeieinheiten handeln könnte, die angeblich noch nicht in Belarus sind, sondern erst auf einen Einsatz warten.
Kleine Aktivistengruppen werden umzingelt und in bereitstehende Busse ohne Kennzeichen gezerrt. Bis zum Beginn des Marsches sind mindestens 250 Festnahmen zu vermelden. Viele davon sind äußerst brutal. Die Menschenrechtsorganisation „Wiasna“ hat bisher die Namen von 82 festgenommenen Demonstranten veröffentlicht.
Zehntausende in verschiedenen Demonstrationszügen
Dennoch lassen sich die Minsker nicht mehr abhalten. „Das ist unsere Stadt!“, skandieren Zehntausende und machen sich in verschiedenen Demonstrationszügen daran, Lukaschenkos Residenz im Minsker Vorort Drozdy mit einer Menschenkette zu umzingeln. Der Hauptdemonstrationszug ist bis Redaktionsschluss an der U-Bahn-Station Puschkinskaja angekommen, wo in den ersten Protesttagen das erste Todesopfer zu beklagen war.
Demonstrantin Weronika über die Verhaftung Maria Kolesnikowas
An diesem Sonntag warten laut dem belarussischen Nachrichtenportal tut.by Innenministeriumstruppen an der Nowosilenski-Straße mit scharfer Munition auf die Demonstrierenden. Geschossen wird nicht. Dem Regime liegt immer noch vor allem an der Abschreckung. „Erst wenn das Kriegsrecht ausgerufen wird, bekomme auch ich Angst und bleibe zu Hause“, sagt Vova, ein weiterer Demonstrant. Er rechne für diesen Sonntag mit mehr Leuten auf der Straße als zuvor, „denn nun sind auch die Studierenden und die Datscha-Sommerurlauber zurück in Minsk“, so Vova. Laut dem oppositionellen, von Warschau aus arbeitenden und oft etwas gar optimistischen Internetportal charter97.org waren bei Redaktionsschluss bereits 150.000 Demonstrierende auf ihrem Weg nach Drozdy.
Die Verhaftungen weiterer Koordinationsratsmitglieder in der vergangenen Woche, allen voran Maria Kolesnikowas, hat die Demonstranten nicht entmutigt. „Wir brauchen keine Führung, wir organisieren uns selbst“, erklärt Weronika.
Eine Gruppe, die sich die „Cyber-Partisanen“ nennt, hat unterdessen am Samstagabend angekündigt, Listen aller Polizisten und Sicherheitstruppen zu veröffentlichen, die an den brutalen Einsätzen vom 9. bis 12. August beteiligt waren. Die „Cyber-Partisanen“ wollen interne Listen durch Hackerangriffe auf das Innenministerium gestohlen haben. „Das ist der letzte Moment für jeden von euch, sich auf die Seite des Volkes zu stellen“, schreibt die Gruppe. Veröffentlicht würden Fotos, Privatadressen, weitere persönliche Details und auch die Autonummern. Ähnliche Listen kursieren bereits seit über einer Woche in speziellen Telegram-Kanälen.
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