Protestbewegung in Belarus: „Wir wollen unsere Mauer einreißen“

Die belarussische Oppositionsführerin Tichanowskaja erwartet nicht, dass Machthaber Lukaschenko verhandeln wird. Sie hofft auf Europa als Mediator.

Swetlana Tichanowskaja in Berlin

Europa solle helfen, die unterschiedlichen Kräfte zusammenzubringen, sagt Swetlana Tichanowskaja Foto: Kay Nietfeld/dpa

taz: Frau Tichanowskaja, wie möchten Sie angesprochen werden? Als Frau Tichanowskaja oder als Frau Präsidentin?

Swetlana Tichanowskaja: Ich vermeide es, mich Präsidentin zu nennen, die Menschen bezeichnen mich als eine vom Volk gewählte Präsidentin. Ich sehe mich sowohl als Führerin eines demokratischen Belarus als auch als nationales Symbol. Denn wir haben ja keine genauen Angaben in Prozenten über die tatsächlichen Ergebnisse der Wahlen.

Viele sind von der Hartnäckigkeit und dem Durchhaltewillen der Belarussen überrascht. Die Menschen gehen seit fast zwei Monaten auf die Straße …

Das Volk ist dieses Regimes endgültig überdrüssig, das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Hinzu kommt, dass das Internet jetzt eine zentrale Rolle spielt. Über Youtube erfährt die ganze Welt, was bei uns passiert. Bei den Protesten nach der Präsidentenwahl 2010 war das anders. Da war das Internet noch nicht so weit verbreitet. Die Proteste wurden niedergeschlagen und im Ausland bekamen viele davon überhaupt nichts mit. Das Internet hat jetzt auch das Interesse unserer Nachbarn geweckt. Sie sehen, wie gewaltsam das Regime vorgeht, hingegen unsere Proteste friedlich sind. Wir wollen, dass das auch so bleibt.

Swetlana Tichanow­skaja

38 Jahre alt, ist Pädagogin mit dem Schwerpunkt Deutsch und Englisch. Am 9. August 2020 trat sie bei der belarussischen Präsidentschaftswahl als Kandidatin der Opposition an. Derzeit lebt sie mit ihren Kindern in Vilnius/ Litauen im Exil.

Werden die Proteste weitergehen?

Auf jeden Fall, auch wenn es anfangen sollte zu schneien. Der Protest drückt sich ja nicht nur in Demonstrationen aus. Es gibt auch andere Formen, so wie seinerzeit die Partisanen im Untergrund agiert haben. Das sind zum Beispiel Streiks oder der Umstand, dass sich Menschen in Hinterhöfen von Wohnblocks treffen und langsam zusammenwachsen. Alle sind jetzt vereint in dem Willen, dass Lukaschenko gehen muss. Denn wir wollen nicht länger Sklaven dieses Systems sein. Die Menschen sind jetzt stolz darauf, Belarussen zu sein, Geschichte zu schreiben und die Chance zu haben, ihr Land besser zu machen. Deshalb werden sie für eine friedliche Zukunft weiter kämpfen.

In einem ihrer Bücher schreibt die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch, der Krieg habe ein weibliches Gesicht. Haben auch die Proteste in Belarus ein vorwiegend weibliches Gesicht?

Ja, weil die Frauen begriffen haben, dass sie das Land nicht im Stich lassen dürfen. Am Anfang waren drei Frauen die Spitze dieser Bewegung. Bei den Protesten wurden zunächst vor allem Männer festgenommen und misshandelt. Frauen wurden nicht in diesem Ausmaß angegangen und haben die Rolle der Beschützerinnen, so paradox das auch klingen mag. Dann haben die Sicherheitskräfte auch diese rote Linie überschritten und angefangen, Frauen festzunehmen. Doch die Gesellschaft ist feministischer geworden, es ist eine Art feministische Bewegung entstanden, und das wird bleiben.

Wer sind die Sicherheitskräfte, die so gewaltsam gegen die Protestierenden vorgehen? Angeblich sollen nicht wenige von ihnen Russisch mit einem Moskauer Akzent sprechen. Mit anderen Worten: Sind die Russen schon da?

Das kann keiner mit Sicherheit sagen, sie sind komplett maskiert. Wir können nur mutmaßen, dass auch Russen unter diesen Kräften sind.

Inwieweit unterstützen die Sicherheitskräfte und das Militär Lukaschenko überhaupt noch?

Ich würde hier nicht von Unterstützung im eigentlichen Sinne sprechen. In Wahrheit fußt diese sogenannte Unterstützung auf Angst. Sie sind in einer noch schwierigeren Lage als normale Leute, die sich jetzt trauen, frei ihre Meinung zu äußern. Aber diese Sicherheitskräfte sind auch Menschen. Unter ihnen sind viele, die so nicht agieren wollen, aber die Umstände zwingen sie dazu. Viele sind inzwischen auf unserer Seite, aber sie sagen das nicht laut. Ihre Abwendung vom Regime ist unübersehbar, auch wenn es nur in kleinen Schritten vorangeht, aber dieser Prozess läuft.

Sie treten für Verhandlungen und einen Dialog ein, um zu Neuwahlen zu kommen. Könnten Sie sich vorstellen, dass Alexander Lukaschenko an einem Runden Tisch Platz nimmt?

Er selbst würde das nie tun. Mit jemandem zu verhandeln, wäre unter seiner Würde. Er hat ja immer alles selbst entschieden. Vertreter der Regierung hingegen kann ich mir da schon vorstellen.

Hat Sie schon jemand aus dem Kreml angerufen?

Nein.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, sich mit Russlands Präsident Wladimir Putin zu treffen, was würden Sie ihm sagen oder ihn fragen?

Vielleicht bin ich immer noch etwas naiv, ich wurde irgendwie in diese Welt der Politik geworfen, mit reinen Absichten und reiner Seele und war überhaupt nicht damit vertraut, wie das alles so abläuft. Aber ich glaube immer noch daran, dass man sich zusammensetzen und miteinander reden kann. Ich würde sagen: Herr Putin, ich verstehe ja, dass Herr Lukaschenko als Präsident für Sie ganz bequem ist. Aber wir, wir sind ein selbstständiges souveränes Land. Wir sind mit Ihnen befreundet und diese Freundschaft wird bleiben. Aber wir wollen einen anderen Präsidenten, einen, der nicht für sich, sondern für das Wohl des Landes und die Menschen arbeitet. Aber das wird an unseren Beziehungen zu Russland nichts ändern. Ich würde ihn auch auf die russischen Journalisten ansprechen, die jetzt bei uns tätig sind. Die verbreiten pure Propaganda und kippen Dreck über uns aus. Das ist eine Einmischung in unsere politische Krise und das darf nicht sein. Überhaupt bin ich gegen jede Art von äußerer Einmischung und diese Meinung werde ich auch weiter vertreten.

Sie treffen sich ja derzeit mit vielen führenden westlichen Politikern. Leistet das nicht Lukaschenkos und der russischen Propaganda Vorschub, die belarussische Protestbewegung werde vom Westen gesteuert?

Dazu kann ich nur sagen: Wir werden von niemandem gesteuert und kontrolliert. Wenn Lukaschenko so etwas behauptet, dann zeigt das nur, dass er seine Landsleute nicht versteht und auch nicht mehr realisiert, was um ihn herum vorgeht.

Mehr Geschichten über das Leben in Belarus: In der Kolumne „Tagebuch aus Minsk“ berichten Janka Belarus und Olga Deksnis über stürmische Zeiten – auf Deutsch und auf Russisch.

Vor Kurzem hat Brüssel Sanktionen gegen offizielle Vertreter des belarussischen Regimes verhängt. Halten Sie das für eine sinnvolle Maßnahme?

Ja, allerdings ist die Sanktionsliste sehr kurz geraten und sollte unbedingt ausgeweitet werden. Allerdings verstehe ich auch eine gewisse Zögerlichkeit vonseiten Europas, auch im Hinblick auf Russland.

Was erwarten Sie jetzt von Europa?

Was wir jetzt brauchen, sind Verhandlungen, dass die Kräfte hier an einen Tisch gebracht werden. Das schaffen wir aber nicht allein, da muss uns Europa helfen, so als eine Art Mediator. Als Plattform könnte ich mir die OSZE vorstellen. Jedoch geht es nicht darum, dass Europa uns sagen soll, was wir zu tun haben. Deshalb stellt diese Hilfe für mich auch keine Einmischung dar. Und überhaupt: Für Menschenrechte einzustehen, das ist keine Einmischung.

Sie waren während Ihres Berlin-Besuches auch an der Mauer. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Ich habe mir damalige Fotos von den Menschen angesehen, die auf der Mauer stehen, voller Enthusiasmus. Für mich war das ein sehr bewegender Moment. Ich habe das Gefühl, dass auch wir Belarussen jetzt auf der Mauer stehen. Und auch wir wollen unsere Mauer einreißen.

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