Protest im Gazastreifen: „Beendet den Krieg!“
Im Gazastreifen gehen die Demonstrationen weiter. Zwar haben viele von der Hamas genug, doch es gibt auch andere Stimmen.
„Wir sind extrem wütend auf beide Seiten, Israel und die Hamas“, sagt der 64-jährige Abu Saeed Felfel aus Beit Lahia. „Wir bezahlen den Preis.“ Er habe wie viele andere sein Zuhause, zahlreiche Verwandte und seinen gesamten Besitz verloren. Er sei der Hamas-Herrschaft müde. „Wir wollen eine neue Regierung, eine demokratische, in der wir selbst entscheiden können, wie wir Gaza wieder aufbauen.“
Den 7. Oktober 2023 nennt Felfel „sehr schwer und absolut unerwartet“. Die absolute Zerstörung, die die Armee aber seither über Gaza und seine Schulen, Moscheen, Hospitäler und Wohnhäuser gebracht habe, sind in seinen Augen ungerechtfertigt. „Sie unterscheiden nicht mehr, das ist ein Krieg gegen Kinder und Frauen, ein Völkermord“, sagt Felfel. Mehr als 50.000 Menschen wurden nach Angaben des von der Hamas geleiteten Gesundheitsministeriums seit Kriegsbeginn getötet, zwei Drittel von ihnen Frauen und Kinder.
Die Proteste seien spontan entstanden, aus dem Schock nach der Pause der Waffenruhe plötzlich wieder zu Krieg und Vertreibung zurückzukehren. „Wir wollen den Krieg beenden, und dass die Hamas-Regierung ihre Macht abgibt.“
Brutal unterdrückt
Es sind die größten Hamas-kritischen Demonstrationen seit dem Beginn des Krieges. In der Regel werden solche seltenen Proteste in Gaza brutal unterdrückt, Teilnehmer festgenommen und verprügelt, ihre Familien bedroht. Die Hamas hatte bereits am Dienstagabend versucht, die Proteste herunterzuspielen. Sie würden sich vor allem gegen das Leid infolge des Krieges richten, teilte Sprecher Bassem Naim mit, ohne die Kritik an der Hamas zu erwähnen.
Die Slogans der Demonstrierenden sprechen hingegen eine deutliche Sprache: „Hamas raus“ und „Nieder mit der Hamas“ ist auf zahlreichen Videos internationaler Nachrichtenorganisationen und auch vereinzelt in Beit Lahia zu hören.
Dort halten am Donnerstag Kinder weiße Plastikplanen hoch, auf die Parolen gesprüht wurden. „Ich habe ein Recht auf ein Leben in Frieden“, steht auf einem. „Beendet den Krieg“ steht auf einem anderen geschrieben. Die meisten Teilnehmer sind Männer jeden Alters. Vereinzelt beobachten Frauen den kleinen Zug von der Seite oder aus den Fenstern der wenigen noch stehenden Häuser.
Für Selbstbestimmung
Ein Stück weiter läuft Ahed al-Masri aus Beit Lahia. Für den 49-Jährigen gehen die Probleme weit vor den Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 zurück, bei dem rund 1200 Menschen getötet und rund 250 verschleppt worden waren. „Seit 18 Jahren kommen wir keinen Schritt voran“, sagt er. „Wir wollen, dass unsere Kinder in Frieden leben und eine sichere Zukunft haben.“ Die Hamas regiert den Gazastreifen seit 2007, nachdem sie zuvor die Wahlen zum palästinensischen Legislativrat knapp vor der rivalisierenden Fatah gewonnen hatte.
Doch sein Protest richte sich nicht in erster Linie gegen die Hamas. Er wolle vor allem Selbstbestimmung, betont al-Masri. Es sollten die Menschen in Gaza sein, die über ihre Zukunft entscheiden könnten, „nicht jene, die in Hotels unter sicheren Dächern sitzen und gutes Essen genießen“, sagt er und meint die Hamas-Führungsriege im Exil. „Sie entscheiden, was richtig für uns ist, wer hat ihnen das Recht dazu gegeben?“
Dass die Hamas seit ihrem Überfall auf Israel an Unterstützung verloren hat, zeichnete sich schon zuvor ab. Offener Widerstand aber war mit wenigen Ausnahmen ausgeblieben. Am Donnerstag sind im Umfeld der Demonstration einige bewaffnete Hamas-Mitglieder zu sehen, die jedoch nicht einschreiten. Mehrere Menschen berichten jedoch von Warnungen, „nicht zu übertreiben“, woraufhin mehrere Teilnehmer wieder gegangen seien.
Al-Masri will trotzdem weiter protestieren. Er sei den ganzen Krieg geduldig geblieben und habe sein Schicksal ohne Protest ertragen. Als er nach der Waffenruhe zu seinem Haus zurückkehrte und nur Ruinen vorfand, habe er seine Trauer heruntergeschluckt und mit dem Aufräumen begonnen. „Und jetzt kommt der Krieg zurück, wir haben keine Kraft mehr, weiter durchzuhalten.“
Vorräte werden knapp
Laut Hilfsorganisationen werden nach fast einem Monat kompletter Abriegelung des Küstenstreifens durch Israel zudem zunehmend so gut wie alle Vorräte knapp. „Es kommt nichts herein“, sagt Clemence Lagouardat von Oxfam. Die schwindenden Vorräte stellten die Helfer bei der Versorgung der mehr als zwei Millionen Menschen in dem Küstenstreifen zunehmend vor „unmögliche Entscheidungen“.
Doch es gibt auch andere Stimmen unter den Demonstranten in Beit Lahia. Einer der Organisatoren, der anonym bleiben möchte, kritisiert, wohin sich der Protest entwickelt habe. „Unser Ziel war, den Krieg zu beenden“, sagt er. „Wir sind nicht gegen die Hamas oder den Widerstand.“ Andere hätten die Unzufriedenheit ausgenutzt, um ihre politischen Interessen zu platzieren. Es solle bald einen Aufruf für ein Ende der Proteste geben.
Auch der 32-jährige Mohammed sagt: „Die Hamas muss als Regierung gehen, nicht aber als Widerstandsorganisation.“ Ihre Regierung habe der Bevölkerung im Gazastreifen nichts gebracht, sie aber viel gekostet. „Das palästinensische Volk hat enorm gelitten in den vergangenen 18 Monaten“, sagt er. Es werde aber auch weiter leiden, „bis Palästina vollständig befreit ist.“
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