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Projekte gegen EinsamkeitEin Thema, das alle angeht

Im Kampf gegen Einsamkeit hat der Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg etwas vorzuweisen. Bei der dritten Einsamkeitskonferenz geht der Blick auch ins Ausland.

Einsamkeit ist keine Frage des Alters und auch kein individuelles Problem. Einsamkeit kann heftige seelische und körperliche Auswirkungen haben, aber darüber zu sprechen ist oftmals schambehaftet. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg tut viel dafür, das zu ändern. Es war bereits die dritte Einsamkeitskonferenz, die am Dienstag im Rathaus Schöneberg stattfand.

Neben Reinickendorf ist Tempelhof-Schöneberg in Berlin der einzige Bezirk, der eine Einsamkeitsbeauftragte hat, die gleichzeitig Beauftragte für bürgerschaftliches Engagement ist. In Tempelhof-Schöneberg ist das Christine Fidancan. Begonnen habe es im Oktober 2024 mit dem Tagungsthema „Was ist Einsamkeit im Bezirk?“, erzählte Fidancan der taz. Anfang 2025 sei dann ein Netzwerk gegen Einsamkeit gegründet worden, dem inzwischen 130 freie Träger, Verbände, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung und Privatpersonen angehören.

Im Oktober 2025 folgte die zweite Fachtagung „Einsamkeit bei jungen Menschen“. Der Hintergrund: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, durchgeführt im Frühjahr 2024, sind Personen zwischen 16 und 30 am stärksten von Einsamkeit betroffen. Vor Corona war das noch nicht so. Auch das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat im Mai 2025 ermittelt, dass 45 Prozent der 16- bis 30-Jährigen sich regelmäßig einsam fühlen.

Und nun die dritte Konferenz: „Gemeinsam gegen Einsamkeit im Alter“. Gerade im Alter veränderten sich Lebensumstände gravierend, sagte Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann (Grüne) zu Beginn der Tagung. Durch den Eintritt in den Ruhestand würden die sozialen Kontakte oftmals weniger, gesundheitliche Einschränkungen kämen. Aber ältere Menschen seien natürlich keine einheitliche Gruppe, deshalb brauche es viele Ideen und Konzepte, um Einsamkeit anzugehen.

Einsame sind schwer zu erreichen

Wie kann es gelingen, mehr soziale Teilhabe und Zusammenhalt im Alter zu erreichen, war das Thema in den Vorträgen und Workshops. Aber wie kommt man an einsame Menschen heran? Hausarztpraxen seien dafür ideal, findet Wolfram Herrmann. Der Arzt leitet an der Charité ein europäisches Social-Prescribing- Forschungsprojekt. Der Begriff steht für eine ganzheitliche Behandlung des Patienten. Sozusagen per Rezept werden nicht nur medizinische Maßnahmen verschrieben, sondern auch soziale Kontakte und Aktivitäten.

Wie das geht, könne man in England und den Niederlanden sehen: „Flächendeckend“ seien in dortigen Arztpraxen sogenannte Link-Worker tätig, so Herrmann. Diese informierten die Patienten über Betätigungsfelder, leisteten Unterstützung, das Passende für sich zu finden. Bei einigen sei das der Ruderverein, bei anderen ein Seniorentreffpunkt oder ein Ehrenamt.

Für die Organisationsentwicklerin Carola Schaaf-Derichs war das das Stichwort. In ihrem Vortrag berichtete sie über die Bedeutung freiwilligen Engagements als Chance für Teilhabe, Sinn und Gemeinschaft. Wer sich sozial engagiere, helfe nicht nur anderen, sondern auch sich selbst. Denn ein Ehrenamt sei ein wichtiger Faktor, der möglicherweise auch einem selbst einmal drohenden Einsamkeit vorzubeugen. „Man muss nicht, aber man kann“, das sei das Gute an einer ehrenamtlichen Betätigung im Alter. Aber die richtige soziale Betätigung zu finden, sei nicht einfach. Die Erwartung, einen Mehrwert zu schaffen, etwas gestalten zu wollen, sei bei Menschen, die den eigenen Beruf mit großer Leidenschaft ausgeübt haben, bisweilen sehr hoch.

Rund 80 Menschen beteiligten sich an der Tagung, in der Mehrzahl waren es Frauen, die beruflich oder privat mit dem Thema zu tun haben. Hürrem Tezcan-Güntekin, Mitglied der Sachverständigenkommission zum 9. Altenbericht der Bundesregierung, wandte sich in ihrem Vortrag direkt an das Publikum. Sie fragte, warum das Potenzial von alten Menschen mit Migrationsgeschichte nicht mehr genutzt werde. Viele alte Zuwanderinnen und Zuwanderinnen engagieren sich, aber sie würden das nicht vorher in irgendeinem Büro anmelden. „Das passiert in den Communitys. – „Gehen Sie in die Räume, wo sie sich treffen, essen und trinken Sie, was sie Ihnen anbieten.“

Plattform für die Nachbarschaft

Bei der Tagung ging es vor allem darum, Impulse zu vermitteln. Begegnungsmöglichkeiten, in denen Menschen der Einsamkeit entfliehen können, gibt es laut Fidancan im Bezirk viele. Neu sei die Kampagne „Ich bin die Nachbarschaft“ – eine Plattform für Bürger, die sich in ihrem Kiez für die Gemeinschaft engagieren wollen. Ansprechpartner sei das Netzwerk, das auch praktische Unterstützung leiste.

Wie das aussehen kann? Im Juni organisierten Anwohner in Friedenau auf der Straße eine lange Tafel für die Nachbarschaft. Die nächsten Tafeln sind in Mariendorf, Lichtenrade, Marienfelde und Tempelhof geplant. Für Getränke und Imbiss sei gesorgt, so Fidancan. „Das übernehmen wir.“

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