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Einsamkeit in BerlinWo man einfach sein darf

In der Aktionswoche gegen Einsamkeit zeigen Bibliotheken, was der Stadt zunehmend fehlt: Orte ohne Konsumzwang, an denen Begegnung möglich wird.

Es ist einer dieser Junitage, an denen Berlin aussieht wie eine Stadt, die zu lang auf dem Grill geblieben ist. Trotzdem ist der Veranstaltungssaal der Bezirkszentralbibliothek Pablo Neruda in Friedrichshain fast bis auf den letzten Platz besetzt. Vorn liest die Bochumer Psychologieprofessorin Maike Luhmann aus ihrem neuen Buch „Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft.“

Im Publikum: Freundinnen um die 50, die sich offenbar zum gemeinsamen Bibliotheksabend verabredet haben, mehrere People of Colour, junge Frauen aus der Nachbarschaft, die sich noch vor Beginn über Kirschen und Studentenfutter austauschen, ein Mann um die 60. Es ist eine Lesung über Einsamkeit, die sich wie das Gegenteil davon anfühlt.

Das ist gewollt. Noch bis 28. Juni läuft bundesweit die Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“. In Berlin beteiligen sich zahlreiche Institutionen, doch besonders tun sich die Bibliotheken hervor. Von Marzahn bis Zehlendorf laden sie zu Sprachcafés, Plauderecken, Silent Book Clubs, Workshops, Lesungen und anderen Begegnungsformaten ein. Die Botschaft ist so schlicht wie radikal: Man muss nicht immer erst etwas konsumieren, um miteinander in Kontakt zu kommen. Manchmal reicht ein Tisch, ein Buch und die Erlaubnis, einfach da zu sein.

Dabei beginnt Luhmann den Abend mit einer kleinen Enttäuschung für alle Romantiker der Großstadteinsamkeit. Einsamkeit, erklärt sie, sei weder gleichzusetzen mit Alleinsein noch mit sozialer Isolation, sondern vielmehr mit dem subjektiven, schmerzhaften Gefühl, dass es an sozialer Bindung mangelt. Deshalb können Menschen auch mitten in einer Familie oder in einer Partnerschaft einsam sein.

Eine wichtige Funktion

So unerfreulich dieses Gefühl auch ist – evolutionär erfüllt es eine wichtige Funktion. Es ist ein Alarmsignal, ähnlich wie Hunger. Wer sich in der Steinzeit dauerhaft von der Horde entfernte, hatte schlechtere Überlebenschancen.

Das Überraschendste an diesem Abend ist jedoch etwas anderes. Auf die Frage nach den größten Risikofaktoren für chronische Einsamkeit antwortet Luhmann nicht mit Smartphone oder Social Media, sondern mit Gesundheit und Armut. Wer krank ist, verlässt seltener die Wohnung. Wer wenig Geld hat, nimmt seltener am sozialen Leben teil. Das sei wissenschaftlich erwiesen, so Luhmann.

Komplizierter wird es, die Gründe dafür aufzuzählen, warum sich – anders als früher – mehr Menschen unter 35 einsamer fühlen als Menschen über 80. Einer davon: Junge Menschen finden gerade in Großstädten immer weniger Orte, an denen sie einfach sein können, ohne ständig etwas kaufen zu müssen. Wer weiß, dass Berlin seit Jahren zu den Bundesländern mit der höchsten Kinderarmut gehört, muss nicht lange rätseln, warum Einsamkeit hier ein so drängendes Thema ist.

Berlin gilt als Hauptstadt der Einsamkeit, in Reinickendorf gibt es sogar eine Einsamkeitsbeauftragte. Das liegt daran, dass hier viele gefährdete Gruppen leben – Armutsbetroffene, Zugezogene, Alleinlebende, Menschen jenseits des Mainstreams. Einer der letzten Einsamkeitsbarometer des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Frauen, Senioren und Jugend war nicht umsonst LGBTQ*-Personen gewidmet.

Die Bibliotheken haben, das zeigt diese Woche, längst verstanden, welchen Stellenwert sie deshalb haben in dieser Stadt. Sie gehören zu den letzten Orten, an denen man nichts bestellen muss, um sich setzen zu dürfen. Die Berliner Politik dagegen wirkt, als habe sie diese Lektion noch nicht gelernt. Seit Jahren wird über ein Bibliotheksgesetz diskutiert und die Zentral- und Landesbibliothek wartet weiterhin vergeblich auf einen zentralen Standort.

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