Projekt „Kunst auf Rezept“ in Bremen: Malen gegen den Blues
Ein Modellprojekt zeigte, wie wirksam Kultur bei psychischen Belastungen ist. Nun sucht Bremen Wege, das Erreichte in die Regelversorgung zu retten.
Wer in den vergangenen drei Jahren mit depressiver Verstimmung oder chronischer Einsamkeit in die Praxis einer Bremer Hausärztin ging, kam mitunter mit einem ungewöhnlichen Zettel wieder heraus: einem grünen „Kunst-Rezept“, das nicht zur Apotheke führte, sondern in die Mal- oder Schreibwerkstatt, den Foto- oder Improvisationstheaterkurs der Volkshochschule (VHS).
Dahinter steht das Konzept des „Social Prescribing“: Mediziner:innen verschreiben keine Medikamente, sondern die Teilnahme an sozialen oder kulturellen Aktivitäten. Der Ansatz erkennt an, dass Gesundheit maßgeblich von Lebensumständen beeinflusst wird, die rein medizinisch nicht heilbar sind.
„Kunst auf Rezept“ hieß das Bremer Experiment, das zum Jahreswechsel ausgelaufen ist. Nun wurde die offizielle Bilanz gezogen – und ein erster Plan für die Zeit danach präsentiert.
Die Ausgangslage ist in Bremen wie auch anderswo prekär: Psychische Belastungen nehmen zu, die Ausfalltage wegen Depressionen und Angstzuständen erreichen laut Krankenkassenberichten immer neue Höchststände.
Die soziale Verschreibung ergänzt die klassische Medizin, indem sie nicht-medizinische Bedürfnisse und die Teilnahme an sozialen Aktivitäten wie Kunstkursen, Sport oder Gartenprojekten in den Fokus rückt. Ziel ist es, Probleme wie Einsamkeit, Stress oder leichte Depressionen direkt in ihrem sozialen Entstehungskontext zu behandeln.
Der Ursprung des Konzepts liegt in Großbritannien, wo „Social Prescribing“ fester Bestandteil des staatlichen Gesundheitssystems ist. Dort vermitteln sogenannte „Link Worker“ Patient:innen gezielt an lokale Organisationen weiter. Während das Modell in Ländern wie Dänemark bereits staatlich finanziert wird, steht die strukturelle Anerkennung durch deutsche Krankenkassen noch am Anfang.
Das Präventionspotenzial der Methode ist enorm, weil sie das Gesundheitssystem durch frühzeitige Intervention entlastet. Studien belegen, dass Teilnehmende seltener Notaufnahmen oder Hausarztpraxen aufsuchen, wenn ihre psychische Stabilität durch soziale Teilhabe gestärkt wird. Indem Menschen aus der Isolation geholt und in ihrer Selbstwirksamkeit gestärkt werden, wirkt der Ansatz chronischen Leiden entgegen. Damit gilt „Social Prescribing“ als wichtiger Baustein für eine präventiv orientierte Gesundheitswirtschaft.
Das Projekt „Arts on Prescription“ (AoP), kofinanziert durch die EU, in dessen Rahmen das Bremer Experiment stattfand, setzte genau hier an: Über 70 medizinische Einrichtungen, darunter Praxen von Hausärzt:innen und das Ameos Klinikum, aber auch Beratungsstellen und ambulante Hilfsangebote beteiligten sich als „Verschreiber“. Fast 200 Menschen zeigten in den drei Projektjahren Interesse, 75 konnten die Pilotphase vollständig durchlaufen.
Schnelle, niedrigschwellige Entlastung
Die Resonanz für den ungewöhnlichen Ansatz sei dabei zunächst aus dem psychotherapeutisch-psychiatrischen Bereich größer gewesen, erzählt Hannah Goebel, die das Projekt für die Volkshochschule geleitet hat. Nach und nach seien auch viele Hausarztpraxen dazu gekommen.
Die nun präsentierten Daten der Begleitforschung zeigen, wie erfolgreich das Projekt war: Der Anteil der Teilnehmenden mit geringem mentalem Wohlbefinden sank von 61 auf 42 Prozent. Bei 71 Prozent derjenigen, die mit besonders hohen Belastungen starteten, verbesserte sich der Zustand deutlich. In einer Zeit, in der Therapieplätze oft monatelange Wartezeiten haben, bot das Projekt sofort eine niedrigschwellige Entlastung.
Was das Bremer Modell dabei von den europäischen Projektpartnern unterschied, war der inklusive Ansatz. Im dänischen Odense oder im polnischen Stettin etwa wurden für die Pilotphase geschlossene Gruppen für Menschen mit ähnlichen Diagnosen geschaffen. In Bremen wurden die Rezeptinhaber:innen in ausgewählte reguläre VHS-Kurse integriert, die für Anfänger:innen geeignet waren und deren Kursleitungen dafür offen waren.
Der Gedanke dahinter: Wer malt oder schauspielert, soll sich als Künstler:in fühlen, nicht als Kranke:r. „Teilnehmende auf Rezept waren für die Kursleitungen und die anderen Teilnehmenden nicht als solche erkennbar“, sagt Goebel.
Rollenwechsel: Künstler:in statt Kranke:r
Dieser Rollenwechsel ist laut dem Abschlussbericht einer der zentralen Faktoren für die hohe Zufriedenheit mit dem Projekt. Viele hätten ihr zurückgemeldet, dass das Programm für sie „wirklich einen Unterschied gemacht“ habe, sagt Goebel.
„Ich habe durchweg positive Erfahrungen gemacht und habe das Gefühl, dass der Kurs mir geholfen hat, auf andere Gedanken zu kommen und in den Austausch zu gehen, was ich als sehr heilsam empfunden habe“, sagte ein Teilnehmer den Forscher:innen, die das Projekt mitevaluiert hat.
Begleitet wurde der Prozess durch eine Reflexionsgruppe, geleitet von zwei Programmbegleiterinnen, einer Kunsttherapeutin und einer Genesungsbegleiterin – einer Person mit eigener Krisenerfahrung. Hier fand die emotionale Aufarbeitung statt, die im Kursraum bewusst keinen Platz hatte. Diese Kombination aus Kurs und Reflexionsgruppe sei der Schlüssel, sagt Goebel.
Ein Teilnehmer von „Kunst auf Rezept“
Für die Kursleitenden der VHS habe es die Möglichkeit gegeben, an einer Fortbildung teilzunehmen. Dort sei es darum gegangen, Wissen über psychische Krankheit und Gesundheit zu vermitteln, die Zusammenhänge von kultureller Bildung und Gesundheitsförderung kennenzulernen oder Erwartungen im Umgang mit psychisch belasteten Teilnehmenden zu reflektieren, erzählt Goebel.
Minimale Übergangslösung
Trotz des großen Erfolgs des Projektes ist unklar, ob und wie es weitergehen kann. Aktuell gibt es kein Angebot, weil noch keine Finanzierung gefunden wurde. Eine Übernahme in die Regelfinanzierung der Krankenkassen ist kurzfristig nicht absehbar.
Zunächst haben die Gesundheitsbehörde, das Kulturressort und die Volkshochschule einen Aktionsplan entworfen. Kernstück ist die Gründung eines „Kompetenzzentrums Kunst auf Rezept – Netzwerk Kultur und Gesundheit“. Dieses soll zunächst für ein Jahr die Verbreitung des Konzeptes sicherstellen und Fördermittel akquirieren, heißt es aus der Gesundheitsbehörde.
Die finanzielle Ausstattung für 2026 ist gering: Die drei Partner steuern jeweils rund 5.000 Euro bei. Mit diesen 15.000 Euro wird an der VHS eine Koordinationsstelle finanziert, die Goebel übernimmt.
Bremer Projekt als Vorbild
Bundesweit ist die Aufmerksamkeit für den Erfolg des Bremer Projekts jedoch groß. Es gebe Kontakte in andere Länder, um Know-how zu transferieren, sagt Goebel. Und Bremen setze sich auf Bundesebene zudem dafür ein, „bei der anstehenden Überarbeitung des Präventionsgesetzes Kunst und Kultur als einen zu fördernden Ansatz mit aufzunehmen“, schreibt die Gesundheitsbehörde der taz. Denn die Evaluation zeigt auch: Prävention durch Kunst ist im Vergleich zu Langzeittherapien oder Klinikaufenthalten sehr kosteneffizient.
Während ein einzelner Tag in einer stationären psychiatrischen Einrichtung das Gesundheitssystem im Schnitt über 400 Euro kostet, deckt diese Summe schon die Kosten für die Teilnahme an einem Kunstprojekt inklusive fachlicher Begleitung ab. Langfristige Einsparungen ergeben sich zudem durch verminderte Medikamenteneinnahmen und weniger Arztbesuche, wie Daten aus Großbritannien nahelegen, die von einer Kosten-Nutzen-Relation von bis zu 1:3 sprechen.
Der größte Erfolg des Projekts ist aber vielleicht, dass sich in Bremen daraus längst nachhaltige Netzwerke gebildet haben. Ehemalige Teilnehmende haben im Netzwerk Selbsthilfe die Gruppe „Kreativität als Ventil“ gegründet. Viele der Teilnehmenden hätten während der Kurse Kontakte geknüpft, die fortbestehen, sagt Goebel. „Sie setzen die kreativen Tätigkeiten fort, haben erlebt, dass kreatives Tun hilft, den Kopf freizubekommen, Freude zu empfinden, sich auszudrücken und mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.“
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