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Produktionsschulen in HamburgAuffangnetz für Jugendliche droht zu reißen

Produktionsschulen bereiten Jugendliche mit schulischen Probleme in Hamburg auf eine Ausbildung vor. Jetzt klafft eine Finanzierungslücke.

Hilft dabei, den Weg in einer Ausbildung zu finden: Alraune-Produktionsschule in Hamburg Foto: Alraune gGmbH/Chantal Alexandra Pilsl

Seit 2009 sind sie so etwas wie die Feuerwehr des Hamburger Bildungssystems: Produktionsschulen fangen jene Jugendlichen auf, die nach der 9. oder 10. Klasse ohne Abschluss oder Sicht auf eine weitere Ausbildung dastehen und im staatlichen Regelsystem keinen Halt finden.

Doch das Modell hat finanzielle Probleme. Denn bisher funktioniert die Finanzierung nach dem Prinzip „Geld folgt dem Schüler“: Die Schulen erhalten pro besetztem Platz und Monat eine Pauschale. Allerdings bildeten derzeitige Pauschalen den erhöhten Bedarf aus Sicht der Träger nicht ausreichend ab. Gefordert würden daher höhere Kostensätze und angepasste Rahmenbedingungen.

Was flexibel klingt, ist für die Träger ein wirtschaftliches Wagnis. „Um die Schü­le­r*in­nen fachgerecht zu betreuen, braucht es gut ausgebildetes pädagogisches Personal. Doch dieses können wir nicht mehr ausreichend bezahlen“, warnt Marco Carini, Sprecher des Trägers Alraune gGmbH der Produktionsschulen. Inflation, explodierende Energiekosten und notwendige Tarifanpassungen für das Personal würden durch die starren Pro-Kopf-Sätze nicht mehr gedeckt.

Schulpflichtige Schüler*innen, die den Besuch der allgemeinbildenden Schule nach dem 10. Schuljahr beendet haben, bekommen eine automatische Einladung in die Dualisierte Ausbildungsvorbereitung (AV-Dual). Dieses Angebot widmet sich denen, die sich im Übergang zu einer Ausbildung befinden oder ihren ersten allgemeinen Schulabschluss erwerben wollen. Das Bildungsangebot ist ganztägig organisiert; an zwei Tagen pro Woche besuchen die Jugendlichen den Unterricht in der Schule, an den drei weiteren Tagen arbeiten sie in einem Praktikumsbetrieb.

Produktionsschulen brauchen eine auskömmliche, verlässliche und bedarfsgerechte Finanzierung – keine Deckelung nach Kassenlage.

Birgit Stöver, bildungspolitische Sprecherin der Hamburger CDU-Fraktion

Nicht für alle ist das aber ein erfolgreicher Weg in eine Ausbildung. Für diese schulpflichtigen Schü­le­r*in­nen gibt es dann noch die Möglichkeit, eine Produktionsschule zu besuchen. Dort finden diejenigen Platz, die zum Beispiel für Frontalunterricht und das traditionelle Schulmodell nicht empfänglich sind. Fünf Tage die Woche können sie hier praxisnahe Berufserfahrung sammeln, unterstützt durch spezifisch geschultes Personal für Jugendliche mit besonderem Förderungsbedarf.

Um den Produktionsschulen zu helfen, fordert die Hamburger CDU nun in einem Bürgerschaftsantrag einen Systemwechsel. Da Schü­le­r*in­nen aber, anders als im AV-Dual-System, nicht automatisch an Produktionsschulen verwiesen werden, sondern jede Produktionsschule „um Schüler werben und diese mittels Schulvertrag an sich binden muss, kann es zu erheblichen unterjährigen Schwankungen in den Schülerzahlen je nach Lage in den abgebenden Schulen“ kommen, warnt die CDU. Jahr für Jahr könnten somit „ein bis zwei Produktionsschulen schließen müssen“.

„Produktionsschulen brauchen eine auskömmliche, verlässliche und bedarfsgerechte Finanzierung – keine Deckelung nach Kassenlage“, sagt Birgit Stöver, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. Unterstützt wird der CDU-Antrag, der nun im Schulausschuss behandelt wird, von der Linksfraktion.

Lernen durch Tun

In Hamburg gibt es aktuell acht Produktionsschulen, die über das Stadtgebiet verteilt sind. Diese Einrichtungen werden von unterschiedlichen Trägern wie der Alraune gGmbH, der Stiftung Berufliche Schule (SBB) oder der Jugendbildung Hamburg betrieben.

Der Fokus liegt dort auf dem „Lernen durch Tun“: Die Schü­le­r*in­nen arbeiten in schuleigenen Werkstätten, Kantinen oder Verkaufsräumen an echten Kundenaufträgen. Begleitet von pädagogischem Fachpersonal können sie dort nicht nur praktische Arbeitserfahrung sammeln, sondern auch ihren ersten allgemeinbildenden Schulabschluss nachholen. Ziel ist es, die Jugendlichen so zu stabilisieren, dass sie den direkten Sprung in eine qualifizierte Berufsausbildung schaffen.

80 Prozent der insgesamt 450 Plätze in Hamburger Produktionsschulen sollen nach dem Willen der CDU künftig fest finanziert werden – unabhängig davon, wie viele Jugendliche in einem spezifischen Monat gerade in der Werkstatt stehen. Nur die restlichen 20 Prozent sollen weiterhin variabel bleiben.

Finanzierungsprobleme zum Schuljahresbeginn

Das wäre aus Sicht der Produktionsschulen eine gute Lösung. Denn besonders dramatisch zeige sich das Finanzierungsproblem der Produktionsschulen jeweils zu Schuljahresbeginn, sagt Carini. In den frühen Herbstmonaten blieben viele Plätze in den Produktionsschulen leer. Erst wenn Schul­ab­bre­che­r*in­nen im staatlichen AV-Dual-System scheitern, erfolgt im November oder Dezember die Weiterleitung an die Produktionsschulen.

Für die Träger bedeutet das ein Einnahmetief bei gleichbleibenden Fixkosten für Personal und Infrastruktur. „Es soll niemand zurückbleiben“, betont Carini, doch das finanzielle Risiko für diese Wartezeit tragen die Träger bisher allein. Zudem müssen sie oft selbst aktiv an Schulen werben, da das Angebot außerhalb des Regelsystems zu wenig bekannt sei.

Träger anderer Produktionsschulen äußern sich ähnlich. Sie plädieren dafür, den Schülerkostensatz grundlegend zu überprüfen. Anders als im staatlichen AV-Dual-System arbeiteten Produktionsschulen mit einer besonders vulnerablen Zielgruppe. Dafür brauche es qualifiziertes Personal – etwa Son­der­päd­ago­g*in­nen oder Psy­cho­lo­g*in­nen –, um die Jugendlichen eng begleiten und stabilisieren zu können, erklärt die Sprecherin einer anderen Produktionsschule auf Nachfrage.

Schulbehörde weist Kritik zurück

Die Schulbehörde weist die Kritik jedoch zurück. Die gewährte Pauschale sei auskömmlich und decke sämtliche Betriebskosten, sagt ein Sprecher. Sie orientiere sich bewusst an der Ausbildungsvorbereitung im staatlichen System.

Auch die geschilderten starken Finanzierungsschwankungen sieht die Behörde nicht. Zudem bestehe die Möglichkeit, in den ersten vier Monaten des Schuljahres einen Vorschuss zu beantragen, um die Planungssicherheit zu erhöhen. Auch die SPD-Fraktion verteidigt auf Nachfrage den bestehenden Ansatz.

Produktionsschulen seien allerdings strukturell nicht mit dem AV-Dual-System vergleichbar, widersprechen die Träger. Zwar richte sich das Angebot an eine ähnliche Altersgruppe, die pädagogischen Anforderungen unterschieden sich jedoch deutlich.

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1 Kommentar

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  • Interessant wäre die Höhe der Pauschale und vielleicht auch die Erfolgsquoten dieser Schulen. Dann könnte man das alles besser einordnen....