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ProQuote verliert Bundesförderung„Ohne das Geld müssen wir viele Aktivitäten einstellen“

Das Familienministerium lehnt den Antrag vom feministischen Verein ab. Die vermuten dahinter ein politisches Motiv.

„Bei vielen herrscht das Gefühl vor, dass jetzt genug Frauen da seien“: Blick in die Bundespressekonferenz Foto: Florian Gaertner/photothek/imago
Carolina Schwarz

Interview von

Carolina Schwarz

taz: ProQuote zählt den Frauenmachtanteil in deutschen Medienredaktionen. Jetzt gibt es nach 9 Jahren keine Förderung mehr vom Frauenministerium dafür. Ist es das Ende vom Verein, Frau Herschel?

Olga Herschel: Wir hoffen, dass es nicht das Ende ist, aber uns fehlen jetzt 600.000 Euro, ohne die wir viele unserer Aktivitäten komplett einstellen müssen. Inklusive unserer Kernmarke, der Leitmedienzählung, bei der wir den Frauenanteil in Redaktionen und in Machtpositionen zählen. Aber auch Studien, wie die zu Elternschaft im Journalismus, können wir nicht mehr umsetzen.

Bild: Shane Thomas McMillan
Im Interview: 

Olga Herschel ist promovierte Ärztin und arbeitet selbständige Autorin. Seit Frühling 2025 sitzt sie im Vorstand von ProQuote Medien.

Was bedeutet das für die Mitarbeitenden von ProQuote?

Wir im Vorstand arbeiten alle im Ehrenamt neben unseren Vollzeitjobs. Aber bestimmte Aktivitäten, also einzelne Projekte, die vom Ministerium gefördert waren, konnten mit einer Ehrenamtspauschale versehen werden. Als selbstständige Journalistin verzichte ich ja auf einen Auftrag, um die Zeit für meine Arbeit bei ProQuote einzusetzen. Außerdem bezahlen wir zusätzliche Honorarkräfte für unsere Social-Media-Kanäle und auch für die Leitmedienzählungen und die Studien. Ohne die ist unsere Arbeit in dem Umfang nicht machbar.

Warum ist es wichtig, Frauen in Führungspostionen in Redaktionen zu zählen?

Wir sind der einzige Verein, der das systematisch macht. Als wir damit angefangen haben, war die Lage in den Redaktionen unterirdisch. 2012 lag der Frauenmachtanteil, also Frauen in Führungspositionen, bei Leitmedien gerade mal bei rund 14 Prozent. Zehn Jahre später dann bei knapp 40 Prozent.

Vielleicht sieht das Ministerium Ihre Arbeit damit als obsolet an, wenn wir uns als Medienlandschaft auf die Gleichberechtigung zu bewegen?

Das wäre falsch, denn seit 2022 sinkt der Anteil von Frauen in Führungspositionen wieder deutlich. Wir erleben einen Backlash. Auch das wäre ohne unsere Zählung überhaupt nicht sichtbar geworden. Und in vielen Medienhäusern herrscht eine Scheingleichberechtigung. Bei vielen herrscht das Gefühl vor, dass jetzt genug Frauen da seien. Dabei gibt es nach wie vor Medien, wie die FAZ, bei der nur ein Viertel der Machtpositionen mit Frauen besetzt sind. Da fragt man sich wirklich, wie das heutzutage noch möglich ist. Es ist die Aufgabe von Medien, die demokratische Gesellschaft in all ihren Facetten abzubilden. Wenn Frauenperspektiven ausgegrenzt werden, findet das nicht statt.

Machen sich fehlende Frauen auch in der Berichterstattung bemerkbar?

Ich finde schon. Erst in den letzten Jahren sind sogenannte Frauenthemen in den Vordergrund gerückt. Seien es Recherchen über sexualisierte Gewalt oder Zustände in den Geburtenkliniken, aber auch Gesundheitsthemen wie Endometriose. Es ist natürlich falsch zu sagen, dass das allein „Frauenthemen“ sind, aber ohne Frauen in Führungspositionen finden sie gar nicht statt. Wir sind da gerade noch mitten in einem Umdenken.

Hat das Ministerium seine Entscheidung begründet?

Ja, sie kritisieren die fehlende Messbarkeit, also die Wirkung unserer Projekte. Und fehlende Innovation. Uns überrascht die Absage total. Denn wir haben den Förderantrag in vielen Monaten ausgearbeitet und auch immer wieder mit verschiedenen Mitarbeitenden des Ministeriums abgestimmt. Die wussten also, was wir einreichen, und haben uns beraten. Unsere Leitmedienzählung wurde lange gefördert und jetzt wollten wir sie noch ausbauen.

Inwiefern?

Wir wollten uns zum ersten Mal auch die Geschlechterverhältnisse bei den öffentlich-rechtlichen Häusern anschauen. Und gezielt einzelne Ebenen in den Blick nehmen, zum Beispiel gemeinnützige Redaktionen oder die Meinungsressorts, aber auch Politik- und Rechercheabteilungen. Weil genau dort brennende Themen verhandelt werden. Das irritiert uns, dass da jetzt keine Dringlichkeit gesehen wird.

Habt Sie Mutmaßungen, wieso das Ministerium die Dringlichkeit nicht mehr sieht?

Wir vermuten politische Gründe und haben das Gefühl, dass der Wind im Ministerium sich gedreht hat. Uns wurde zum Beispiel vorab geraten, unseren Antrag besser nicht zu gendern. Und auch dass anderen feministischen Vereinen die Förderung nicht gegeben wurde, lässt vermuten, dass das Ministerium nicht mehr so Lust auf feministische Vereine hat.

Wie geht es jetzt weiter für ProQuote ohne das Geld?

Wir sind heute an die Öffentlichkeit gegangen und wollen uns dadurch Unterstützung einholen. Also mit anderen feministischen Vereinen, denen auch die Förderung abgelehnt wurde, in Kontakt treten und dann eine Strategie planen, wie es weitergehen kann. Auf welche Fördertöpfe wir uns bewerben können oder wie es sonst weitergehen kann.

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