Prenzlauer Berg im Wandel: Zwischen Milchreistorte und Austern
Mit dem Café Sowohlalsauch verschwindet ein Relikt der frühen Gentrifizierung – und macht Platz für die Frage, was dem Kiez wirklich fehlt.
Okay, um die Milchreistorte ist es schon ein bisschen schade. Und um die Quarktaschen. Und um den Kaiserschmarrn natürlich, vielleicht einen der lockersten und karamelligsten, den man außerhalb von Österreich bekam. Mit dem legendären Café Sowohlalsauch in der Kollwitzstraße macht nach der Oderquelle in der Oderberger Straße eine weitere Institution in Prenzlauer Berg dicht, die sich den galoppierenden Veränderungen des Kiezes zum Trotz seit den Neunzigern gehalten hat. Das ist einerseits schade, denn was da jetzt reinkommt, ist vorhersehbar fürchterlich: ein weiteres Café für Menschen am Laptop vielleicht, wo es Kuchen von der Stange geben und der Kaffee nicht unbedingt billiger, aber ziemlich sicher labbriger sein wird.
Andererseits ist es auch nicht so schade. Denn mal ehrlich: Das Sowohlalsauch hat während der ersten Welle der Gentrifizierung aufgemacht und war dafür mitverantwortlich, dass die ersten Touris und Fernsehsternchen kamen – die Revolution frisst ihre Kinder. Und außerdem: Wer, der weder geerbt hat noch Lust hat, sich dafür zu Tode zu arbeiten, kann es sich leisten, regelmäßig in solchen Läden zu sitzen, wo der Latte 5,60 und die Torte 7,20 kostet?
Prenzlauer Berg hat sich verändert und verändert sich stetig weiter. Vieles wird immer noch polierter. Ein Samstag auf dem Kollwitzmarkt im Frühjahr 2026 reicht da als Anschauungsunterricht. Zwischen den Ständen drängen sich keine Omas mehr aus Schwaben, sondern nur noch teuer gekleidete, normschöne und weiße mittelalte Menschen, die sich durchprobieren, hier ein Stück Trüffelkäse, dort eine Handvoll Austern, und hinterher schön alles mit einem Glas Perlwein im Stehen runterspülen, was bei Lichte betrachtet eher aus Statusgründen schmeckt. Das mag alles seine Daseinsberechtigung haben, aber es hat auch etwas Beliebiges bekommen. Es könnte genauso in Paris, London oder sonst wo stattfinden, wo es uninteressant ist.
In diesem Umfeld hatte das Sowohlalsauch trotz gepfefferter Preise etwas von einem Relikt aus einer anderen Zeit. Es war im Vergleich kein spektakulärer Ort mehr, aber einer, der funktioniert hat, weil er einfach gut gemacht war. Weil man wusste, dass man etwas für sein Geld bekommt. Solche Orte verschwinden nicht zufällig, sie passen irgendwann nicht mehr in die Logik eines Viertels, das sich immer noch weiter, höher und schneller über Angebot und Nachfrage organisiert.
Orte für mehr als Kaffee und Kuchen
Und trotzdem könnte man sagen: Vielleicht ist das Verschwinden solcher Orte auch eine Chance. Vorausgesetzt, es kommt nicht einfach das Nächste vom Gleichen. Sondern ein Ort mit gutem Startkapital und freundlichem Vermieter, der sich ein bisschen mehr trauen kann.
Denn die, die hier seit Langem leben, sind mitunter immer noch da. Sie haben hier ihre Kinder großgezogen, vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren. Für diese Kinder war es damals egal, wo die Eltern ihren Kaffee getrunken haben. Heute ist das anders. Sie sind selbst erwachsen oder auf dem Weg dahin und stellen fest, dass sie sich den Kiez, in dem sie leben, nicht mehr leisten können. Viele bleiben länger zu Hause wohnen, weil sie in der Stadt bleiben möchten und sich auch dort, wo sie lieber einen Kaffee trinken gehen würden, kein Zimmer mehr leisten können.
Was fehlt, sind Orte, die mehr können als Kaffee und Kuchen. Cafés mit angeschlossenem Buch- oder Plattenladen, oder mit Veranstaltungen am Abend zum Beispiel. Orte, an denen man bleiben kann, ohne ständig etwas nachbestellen zu müssen. Wo man auch mal kurz lost sein und auf dem Sofa dämmern darf, ohne dass man sofort höflich rausgekehrt wird. Oder vielleicht wenigstens Orte, an denen Menschen arbeiten, die ein bisschen mehr erzählen können als die Tageskarte. Die wissen, wie und warum sie das machen, was sie da anbieten. Die sich interessieren für das, was sie tun. Und für die, die reinkommen.
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