Portugals Star entdeckt soziale Ader: Bescheiden, bescheidener, Ronaldo
Ronaldo erkennt mit 41 Jahren, dass Fußball ein Teamsport ist. Sein Verzicht auf einen Freistoß wird in die Geschichtsbücher eingehen.
Seine Zeit schien vorbei. Aus, Ende, Altersheim. Als Cristiano Ronaldo mit 41 zu seiner sechsten WM antrat und beim blamablen 1:1 im ersten Spiel gegen die Demokratische Republik Kongo die größte Chance vergab, wirkte der einstige Weltfußballer nur noch wie eine lächerliche Witzfigur, die nichts mehr kann, die den Mitspielern im Weg rumsteht und Portugal in den sicheren Untergang führt. Und, noch schlimmer für Ronaldo: Ausgerechnet sein ewiger Rivale Lionel Messi trumpfte gleichzeitig mit fünf Toren in zwei Spielen auf wie ein junger Gott, obwohl der argentinische Kapitän auch schon 39 ist.
Mitleid hatte trotzdem niemand, denn Ronaldo gilt als egoistischer Kotzbrocken, der sich seine Aktivrente in der saudi-arabischen Operettenliga von finsteren Diktatoren bezahlen lässt, während Messi als netter Teamplayer gefeiert wird, obwohl er immer faul vorn stehen bleibt, die anderen laufen lässt und als offizieller Tourismusbotschafter ebenfalls für Saudi-Arabien Werbung macht. Trotzdem waren sich alle einig: Messi ist und bleibt der Größte, Ronaldo ist nur noch ein eitler Versager. Das Urteil stand fest.
Bis zum Spiel Portugal gegen Usbekistan in Houston. Dort geschah ein Wunder. Ronaldo gelang nicht nur die Wiederauferstehung mit zwei wunderschönen Toren. Das hätte man noch runterreden können mit der Abwehrschwäche der Usbeken. Die wirklich historische Zeitenwende, die alles verändert hat, war das Tor zum 2:0, das Ronaldo gar nicht selbst geschossen hat. Weil er es nicht geschossen hat.
Als es Freistoß für Portugal gab, dachten alle, natürlich auch die Usbeken, dass wie immer Ronaldo schießen werde. Er tat auch so, stellte sich wie immer breitbeinig bereit, plusterte die Backen auf, zog alle Blicke auf sich – und ließ den Kollegen Nuno Mendes schießen, auf den niemand geachtet hatte.
Das Ganze war offensichtlich abgesprochen, Ronaldo reckte jubelnd die Faust gen Himmel. Zu Recht. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren hatte er auf eine eigene Torchance verzichtet – und damit seinen größten Triumph erreicht.
Diese eine Szene hat alles verändert. Sein Image dreht sich um 180 Grad. Auf einmal gilt auch Ronaldo als weises Genie. Weil er mit 41 endlich erkannt hat, dass Fußball ein Teamsport ist. Ein echtes Wunder, das weit über den Fußball hinaus strahlt. Wenn selbst der weltbekannteste Egomane Ronaldo kapiert und vorführt, dass wahre Größe im Verzicht liegt, besteht doch noch Hoffnung für die Menschheit.
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