Porträt einer großen Klangforscherin: Dröhnend, leiernd, brummend

Limpe Fuchs gehört zu den Pionierinnen der improvisierten Musik. Ein Besuch im Atelier einer eigenwilligen und mutigen Künstlerin.

Die Klangkünstlerin Limpe Fuchs

In ihrer Art wirkt die Klangkünstlerin Limpe Fuchs alterslos Foto: Pierre Zylsta

Zwei Sätze braucht Limpe Fuchs, um eine Biografie von 80 Jahren auf den Punkt zu bringen. „Es ist ein Leben für den Klang. Es ging immer darum hinzuhören, statt wegzuhören, sodass man merkt, wie geräuschhaft die Welt eigentlich ist“, sagt die Musikerin, während sie durch ihr Atelier schlendert. Klänge der Außenwelt hätten sie schon immer fasziniert.

Als kleines Kind hörte sie zu, als der folkloristische Schäfflertanz auf der Straße aufgeführt wurde und das Bom-bom-bom der großen Trommel durch die Straßen hallte; als Heranwachsende mochte sie es, wenn das Radio rauschte, zischte und knarzte, und dann war sie auch immer wieder vom Gegenteil des Lärms fasziniert: Stille. „Früher bin ich Heiligabend oft hinausgegangen und habe mir die Stille angehört. Jetzt gibt es das hier nicht mehr, irgendwo fährt immer jemand mit dem Auto herum. Stille finde ich auch interessant.“

Als sie dies erzählt, sitzt Limpe Fuchs auf einer Bank in ihrem Haus in Emertsham bei Peterskirchen. Der Ort liegt tief im Süden Bayerns unweit des Chiemsees, hier lebt Fuchs – mit Unterbrechung – seit 1964 in einem alten Pfarrhof, der einst eine bekannte Künstlerkolonie war. Rainer Werner Fassbinder, Hanna Schygulla, Peter Zadek, Helmut Lachenmann, das Krautrockduo Popol Vuh – sie alle gastierten oder arbeiteten zeitweilig hier. Fuchs ist geblieben.

Limpe Fuchs: „Trampelpfadnomainroad (Compilation 1977– 2017)“/Occhio Quartet feat. Limpe Fuchs: „Quattro Con­cer­ti“/Anima: „Der regt mich auf“ (alle 2021, play loud! Productions) playloudproductions.bandcamp.com

In einem Glasanbau hat sie sich einen Klangraum mit selbst gebauten Instrumenten eingerichtet: Ein großes Glocken­spiel steht in dem weiten, hellen Raum; anstelle von Metallplatten ist das Instrument mit dünnen Granitplatten belegt, die sie nun mit zwei Trommelschlägeln anschlägt: ­Klong-klong-klong. Daneben steht eine ihrer bekann­testen Selfmade-Apparaturen, ein großes Pendelsaiteninstrument: Zwei schwere Bronzestangen sind durch eine Klaviersaite mit zwei Resonanztrommeln verbunden, die in einem drei Meter hohen Gestell hängen.

Auf Tour mit dem Traktor

Die Musikerin nimmt einen Schlägel, schlägt den Stab an. Ein lang hallendes Glockengeräusch ertönt; dröhnend, leiernd, brummend. Fuchs steht neben dem Instrument, horcht, lauscht. „Die Akustik hier im Glasbau ist natürlich fantastisch“, sagt sie.

Limpe Fuchs hat Improvisationsmusik der vergangenen Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt. Am heutigen Montag wird sie 80 Jahre alt – eine gute Gelegenheit, das Werk dieser eigenbrötlerischen, unkorrumpierbaren, ewig neugierigen und unberechenbaren Künstlerin zu würdigen. Gemeinsam mit ihrem Mann Paul Fuchs musizierte sie einst unter dem Namen Anima Sound: Sie spielte Schlagzeug und Percussion, er bediente ein selbst gebautes Blasinstrument, das „Fuchshorn“.

Legendär die Tour, die sie Anfang der Siebziger unternahmen: Mit einem Traktor fuhren sie durch Westdeutschland und die Niederlande, spielten Konzerte auf einem selbst gebauten Anhänger, der sich zu einer Bühne umfunktionieren ließ. Auch bei der Underground-Explosion-Tour (1969) waren die beiden dabei, unter anderem mit Amon Düül, Peter Weibel und Valie Export – ein provokatives Happening, das weit vorauswies auf die interdisziplinären Performances späterer Jahre.

Als Solistin spielt Limpe Fuchs bis heute Konzerte von Bari bis Bristol, meist reist sie dabei allein mit ihrem alten Opel und den Instrumenten hinten drin durch die Lande. Geprägt ist Limpe Fuchs von der Idee, dass jeder ein Musiker sein kann, alles kann zu Klang werden.

Irgendwie alterslos

„Es gibt keine unmusikalischen Menschen. Für diesen Gedanken bin ich geboren. In irgendeiner Weise kann jeder musizieren; wenn nicht rhythmisch, so doch erzählend.“ Limpe Fuchs spricht in bayerischem Zungenschlag munter drauflos; ihr Haar ist lockig und grau, ihr Gesicht erzählt von einem bewegten Leben. Sie trägt eine dunkelblaue Stoffhose, Jeanshemd und Halstuch.

Lange still dazusitzen ist nicht ihre Sache, mal geht sie nebenan auf den Dachboden, um Materialien und Plakate zu holen, mal schwingt sie sich an zwei Turnringen hoch, die sie aufgehängt hat, und hält sich eine halbe Minute in der Luft. Vom Wesen her wirkt sie fast alterslos.

Geboren wird Limpe Fuchs 1941 in München. Noch während des Zweiten Weltkriegs verlässt die Familie die Stadt und geht nach Josefstal nahe dem Schliersee. Ihr Vater, ein überzeugter Kommunist, flieht zunächst ins Ausland. Nach seiner Rückkehr zieht die Familie 1946 in die alte Wohnung im Münchner Arbeiterviertel Sendling. Als Kind singt Limpe gern, sie spielt zudem Klavier und Geige, aber das Lernen nach Noten langweilt sie.

In ihrer späten Schulzeit ereignen sich Dinge, die ihr Leben prägen sollen: Sie besucht das Siemens-Studio für elektronische Musik in München; analoge Synthesizer, die sie dort sieht, faszinieren sie. Mit der Schulklasse arbeitet sie nach dem Abitur drei Wochen im Kibbuz Nir Am in Israel. Sie ist von dem kollektiven Landleben begeistert, genießt die abenteuerlichen Ausflüge in die Wüste. Und sie lernt Paul Fuchs kennen, einen Schmied und Bildhauer. Mit ihm gründet sie eine Familie, sie bekommen die Kinder David, Zorobabel und Lina.

Freiheit des Ausprobierens

Zwischen 1962 und 1967 studiert Limpe Fuchs Schulmusik, Klavier, Geige und Perkussion an der Musikhochschule München. Es ist die Zeit der Beatlemania, auch sie ist vom Fab-Four-Fieber infiziert. „Ich war 1966 beim Beatles-Konzert im Circus Krone in München. Damals gingen da nur Proletarier hin, die Intellektuellen hat das gar nicht interessiert“, erzählt sie. Sie selbst spielt in jener Zeit Schlagzeug in einer Beatles-Coverband, zusammen mit drei Freundinnen.

Als der Pfarrhof bei Peterskirchen 1964 zum Verkauf steht, schlagen Limpe und Paul Fuchs zusammen mit Gräfin Lehndorff, Mutter von Veruschka Lehndorff und Hans Dumanski, zu. Sie beginnen dort, Musikinstrumente zu bauen, gründen 1968 Anima Sound. 1971 geht es auf Traktortour von Peterskirchen nach Rotterdam.

Anima Sound treten dabei spontan an vielen öffentlichen Orten auf, stoßen zum Teil auf Unverständnis und offene Verachtung, zum Teil begegnen sie staunenden, ja begeisterten Menschen. Eindrücklich zeigt dies die Dokumentation „Anima-Sound: Mit 20 km/h durch Europa“ (1972).

Es ist die Zeit von Experimenten, der Freiheit, des Ausprobierens. Anima Sound treten bei Performances auch gern nackt auf – ein Umstand, der damals provoziert. 1976 verkauft die Familie einen Teil des Pfarrhofs und siedelt in ein Landhaus in der Toskana über. Dort bleibt sie, bis sich das Paar 1989 trennt. Limpe Fuchs geht zurück nach Peterskirchen. Nach der Trennung ist sie alleinerziehend, die Kontakte in der Kunstwelt hatte vor allem ihr Mann. Sie muss sich neu justieren.

Kuh und Wasser und die Violine

Doch ohne Klang geht es nicht. Limpe Fuchs macht weiter. Solo und in Kollaborationen. Auf ihrem Soloalbum „Muusic­cia (Metal/Stones)“, veröffentlicht 1993, ist auch all das zu hören, was ihre Musik auszeichnet: das Muhen einer Kuh und Wasserrauschen, Violinenklänge und polyrhythmisches Trommeln, lautmalerischer Gesang und eine Spoken-Word-Passage, in der sie ein Gedicht Georg Trakls liest.

In jüngster Zeit hat Fuchs vor allem mit den Klangkünstlern Ronnie Oliveras und Ruth-Maria Adam (die man von den Gruppen Flamingo Creatures und Datashock kennt) und dem Experimentalmusiker Ignaz Schick zusammengearbeitet; mit ihnen bildet sie die Bunte Truppe.

Ihr neuestes Projekt ist eine Zusammenarbeit mit der Pariser Sängerin und Komponistin Valérie Vivancos (alias Ocean Viva Silver), bald erscheint eine gemeinsame EP des Duos. Vivancos’ verzerrte und verfremdete Gesangsspuren treffen auf Fuchs’ Percussion- und Synthesizerklänge.

Das Gesamtwerk von Limpe Fuchs wird dabei seit einigen Jahren von dem Berliner Indielabel PlayLoud liebevoll gepflegt. „Ich bin im Dialog mit dem Material“, gesteht Limpe Fuchs später beim Besuch in Peterskirchen, es ist ein typischer Limpe-Fuchs-Satz. Ihr Material, es steht überall. Im Wohnzimmer ein Korg-Synthesizer, mehrere Trommeln, ein Glockenspiel aus Röhren, gestimmt nach dem LucyTuning, bei dem die Oktave in 20 Teiltönen temperiert ist.

Neufindung und Neuerfindung

„Mich interessiert die Hörsensibilisierung und das Ereignishafte an der Musik. Nicht die Wiederholung reizt mich, sondern die Entwicklung“, erklärt sie. „Wenn Besucher nach dem Konzert rausgehen und auf einmal wahrnehmen, was für ein Geräusch die Autotür macht, dann war der Auftritt für mich erfolgreich.“

Musik spielen und hören als Suche, als Neufindung und Neuerfindung, das treibt Limpe Fuchs an. Bei der Verabschiedung sagt sie an diesem Tag noch: „Wenn ich irgendwann keine Musik mehr machen kann, dann will ich auch nicht mehr sein.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de