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Politischer Aschermittwoch der CSUDas große Déjà-vu

In Passau feiert die CSU ihren Haudrauf Markus Söder. Dessen Feindbilder sind die alten – zum Beispiel die „Habeck-Minions“.

„Eigentlich wollte ich über die Grünen fast nichts sagen“: CSU-Chef Markus Söder beim politischen Aschermittwoch Foto: Sven Hoppe/dpa
Dominik Baur

Aus Passau

Dominik Baur

Natürlich macht man sich Gedanken: Braucht’s das? Muss davon berichtet werden, wenn Hunderte, ja Tausende, überwiegend männliche Zeitgenossen am Morgen des Aschermittwochs beim Stammtisch zusammenkommen, eine Mass Bier um die andere zu sich nehmen und dann kräftig das Politisieren anfangen? Wobei in diesem speziellen Fall der am lautesten politisiert, der am wenigsten trinkt?

Ja, natürlich braucht’s das, lautet die Antwort, wenn man sicherheitshalber noch mal in der Redaktion in Berlin nachfragt. Das ist doch immer so lustig bei euch da unten, so schön exotisch mit diesen Indigenen in ihren hübschen Trachten, und was der Söder immer sagt – zum Brüllen. Und überhaupt: die Chronistenpflicht!

Na gut, denkt sich der verpflichtete Chronist, aber weil es ja doch in jedem Jahr dasselbe ist, entschließt er sich in diesem Jahr, seine Zeilen vom politischen Aschermittwoch der CSU schon niederzuschreiben, bevor dieser überhaupt stattfindet. „Dinner for One“ wird schließlich auch nicht jedes Jahr neu aufgezeichnet. Am Rosenmontag, während das übrige Bayern Fasching feiert oder sich auf die Suche nach beschneiten Skipisten begibt, setzt er sich also an den heimischen Schreibtisch und berichtet aus der Zukunft. Und der Passauer Dreiländerhalle.

Die Szene ist bekannt, schreibt er: Fischsemmeln, Krapfen, Defiliermarsch, markige Sprüche und vor allem: viel, viel Bier. Auch dieses Mal fehlt es an nichts davon. Selbst der ältere Herr ist wieder da, der jedes Jahr stoisch mit einem selbstgebastelten Schild durch die Reihen zieht. „Mit Merz aufwärts ab März“ stand im letzten Jahr darauf. Diesmal ist es wieder ein Hoch auf den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, das er unter die Leute bringt.

Braveheart statt Henriquatre

Das Warm-up der Halle ist zwar unnötig, denn die hat sich schon seit halb neun in Stimmung getrunken, dennoch lässt sich CSU-Generalsekretär Martin Huber den Spaß nicht nehmen. Er freut sich, dass hier in Passau endlich mal wieder Klartext gesprochen wird. Hier beim „größten Stammtisch der Welt“, hier in der Dreiländerhalle vor „gefühlt 10.000“ Besuchern. Und Huber schwärmt für seinen Chef, den „Dr. Markus Söder“, wie es damals in den Neunzigern bei ihm am Ruperti-Gymnasium in Mühldorf die Klassenkameradinnen für Robbie Williams getan haben mögen.

Zurück zur Politik: Zur CDU im niedersächsischen Peine beispielsweise, an die ein ganz besonderer Gruß geht. Wieder einmal haben die Freunde der Schwesterpartei die 650 Kilometer lange Anfahrt auf sich genommen hat, um diesem unvergesslichen Moment beizuwohnen.

Und irgendwann ist es dann so weit. Noch ein schmissiges Imagefilmchen, und er tritt auf die Bühne: Er, Dr. Markus Söder, stellt sich ans Rednerpult, winkt in die Menge, lässt den Beifall auf sich niederprasseln. Die Show kann beginnen.

Etwas übernächtigt schaut er aus, der CSU-Chef. Das mag aber lediglich am Dreitagebart liegen, den er heute trägt. Seinen „Henriquatre“, wie Experten sein eigentliches Bartmodell nennen, musste er sich jüngst abrasieren, es harmonierte nicht mit dem Braveheart-Faschingskostüm. Nun muss der Bart erst wieder nachwachsen.

Als bayerische Braveheart-Ausgabe legt er nun los, nölt am Länderfinanzausgleich herum, der dazu führe, dass brave bayerische Steuerzahler für die Finanzierung Berliner Unisex-Toiletten oder Kitas aufkommen müssten, an der Erbschaftsteuer, die doch nur eine Neidsteuer sei, und an seinem schleswig-holsteinischen CDU-Amtskollegen Daniel Günther sowieso.

Panda-Diplomat Söder

Söder wiederholt noch mal seinen Vorschlag von der Klausurtagung der CSU-Fraktion Anfang Januar, einige aus seiner Sicht überflüssige Bundesländer zusammenzulegen, was in der Menge gut ankommt. Und natürlich zieht Söder die Bilanz der ersten neun Monate der schwarz-roten Bundesregierung. Positiv fällt sie aus.

Mit Lob spart Söder freilich auch nicht, wenn es um die bayerische Landespolitik geht, für die schließlich auch er verantwortlich zeichnet. In Bayern laufe eben alles besser als in den übrigen Bundesländern. Den üblichen Seitenhieb auf das Bremer Abitur, das in Söders Augen bekanntlich kaum mit dem Zeugnis eines bayerischen Erstklässlers mithalten kann, verkneift sich der Ministerpräsident diesmal allerdings.

Stattdessen schießt Söder gegen Berlin. Das einzige, was die Hauptstadt dem Freistaat voraus habe, seien zwei Pandas im Zoo. Und auch dieser Makel sei bald behoben. Denn in den nächsten Jahren bekommt auch der Münchner Tierpark Hellabrunn zwei Exemplare der schwarz-weißen Kuscheltiere. Den Panda-Deal hat Söder bei seiner Chinareise vor zwei Jahren eigenhändig eingefädelt – ein Ausweis seiner ausgefuchsten China-Diplomatie. Die Message: Söder kann auch Außenpolitik.

Und wer Außenpolitik kann, kann ohnehin noch viel mehr. Aber erst mal stehe er, sagt Söder, wie kein anderer hinter Friedrich Merz. Und man möge sich doch nur mal ausmalen, wie es in Europa derzeit aussähe, säße nicht Merz, sondern immer noch Olaf Scholz im Kanzleramt. Schlumpf hat er den SPD-Mann mal genannt. Merz werde doch als einziger Europäer in den USA ernst genommen. Er sei, so sagt Söder, „unser Trumpf bei Trump“. Und, nein, er lässt sich den Reim nicht entgehen. „Wir brauchen einen Trumpf, keinen Schlumpf!“ Der Stammtisch tobt.

Dann noch ein paar ernste Worte zu den transatlantischen Beziehungen und zur AfD, Standing Ovations, Bayern-, Deutschland- und Europahymne, und die Fans sind entlassen und können den Nachmittag nutzen, um sich von dem aufwühlenden Ereignis zu erholen. Etwa auf der Busfahrt nach Peine.

„Die Partei von Edmund Stoiber, Theo Waigel und mir“

Gut, gut, Sie haben es geahnt: So läuft es bei der taz natürlich nicht, am Ende trieb das journalistische Pflichtgefühl den Reporter dann doch noch in die Dreiländerhalle, um abzugleichen, ob die CSU sich an den erwarteten Ablauf halten würde. Hier also der Realitäts-Check. Und ja, wir geben es zu: Es war dann doch einiges anders.

Besonders betrüblich: Der ältere Herr war zum ersten Mal seit Jahren nicht da. Stattdessen trug ein Jüngerer ein Schild herum. „M. Söder – der FJS des 21. Jahrhunderts“ stand darauf. Ebenfalls abwesend: der vermutete Dreitagebart. Söders „Henriquatre“ war zwar noch sehr kurz, aber doch schon fein säuberlich ausrasiert, übernächtigt wirkte Söder keinesfalls. Inhaltlich hat Söder die Erwartungen dagegen voll erfüllt. Nur: keine Pandas, keine Schlümpfe. Und den Seitenhieb aufs Bremer Abitur hat sich Söder dann doch nicht verkniffen. Die letzte Innovation, die aus Bremen gekommen sei, bemerkte er unter dem höhnischen Gelächter des Publikums, seien die Bremer Stadtmusikanten gewesen.

Natürlich könnte man noch ein paar Sachen ergänzen von Söders Plauderstunde in diesem „Wohnzimmer von Franz Josef Strauß“. Stolz wäre der auf die heutige CSU, behauptet Söder und übernimmt gleich mehrmals die historische Einordnung der eigenen Person: „Strauß, Stoiber, Söder“, das sei „die lange Linie“, sagt er. Oder: „Hier ist die Partei von Edmund Stoiber, Theo Waigel und mir.“

Auffallend viel spricht der CSU-Chef über die Grünen. Diese hätten „ein echtes Söder-Trauma“. Und offenbar lassen auch sie ihn nicht los. „Eigentlich wollte ich über die Grünen fast nichts sagen“, erzählt er. Eigentlich. Fast. Über den Vorsitzenden der Grünen Jugend, Luis Bobga, der in einem Video zu einem eingeblendeten Bild von Söder „Hurensohn“ gerappt hat, sagt er, er solle endlich mal was Ordentliches arbeiten.

Dasselbe empfiehlt er dem bayerischen Landtagsabgeordneten Toni Schuberl, der nach der Cannabis-Legalisierung öffentlichkeitswirksam einen Joint im Landtag geraucht hat. Söder insinuiert, Schuberl liege die ganze Zeit nur bekifft im Landtag herum.

„Prosecco-Pygmäen im Audi“

Auch von den „Habeck-Minions“ spricht Söder. Gemeint sind die Bundesvorsitzenden der Grünen, die so blass und unbedeutend seien, dass man sich ihre Namen gar nicht merken müsse. Und wieder beschwört er einen angeblichen „Kulturkampf“ zwischen Grünen und Konservativen herauf. „Ich lass’ mir nicht vorschreiben, was ich esse“, ruft er in die Mehrzweckhalle.

Dass Bayern christlich-abendländisch bleibe, garantiere ohnehin nur die CSU, sagt er etwas später und mit Blick auf die Debatte um den Paragrafen 218: „Jedes Leben ist für uns gleich viel wert.“ Und an anderer Stelle: „Das Leben eines Polizisten ist wichtiger als das Leben eines Schwerverbrechers.“

Natürlich kriegen auch die Linken ihr Fett ab. Als „Prosecco-Pygmäen“ beschimpft er sie. Und dass Heidi Reichinnek, „die Rosa Luxemburg für Arme“, einen Audi fährt, empört ihn. Sie solle sich lieber in einen Trabi setzten „und nicht bayerische Produkte missbrauchen“. Und überhaupt: „Linksextremisten müssen auch hinter Schloss und Riegel.“

Den anwesenden Journalisten empfiehlt er dann, statt mit KI Bilder zu fälschen, einmal pro Tag eine gute Nachricht zu bringen. Und dann erzählt er doch noch etwas von seiner Chinareise: Dort werde nach jeder Pressekonferenz geklatscht.

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