Politikerin über ihre Lebensgeschichte

„Die DDR war für mich der Himmel“

Nomazulu Thata tritt in Bremen für die Feministische Partei Die Frauen zur Europawahl an. Im Interview spricht sie über ihre Vergangenheit und ihre Ziele.

Nomazulu Thata

Möchte Konservatismus überwinden: Nomazulu Thata Foto: Nikolai Wolff/Fotoetage

taz: Frau Thata, haben Sie Chancen, von Bremen aus ins Europaparlament einzuziehen?

Nomazulu Thata: Ich bin sehr zuversichtlich. Ich trete auf Listenplatz vier für die Feministische Partei Die Frauen an. Bis Ende Februar brauchen wir aber erst mal 4.000 Unterschriften, um zugelassen zu werden.

Bei den letzten Wahlen erhielt die Partei Die Frauen höchstens 0,6 Prozent. Das wäre zu wenig.

Ja, aber so sind Wahlen. Man darf nicht daran zweifeln, ob man gewählt wird. Man sagt einfach: „Ich habe gute Chancen!“ Und meine Botschaft für die Wahl ist stark.

Welche Botschaft?

Ich trete mit der Forderung an, Afrika bewohnbar zu machen, Armut zu bekämpfen und die Lebensmittelversorgung sicherzustellen. Wir brauchen einen Marshall-Plan für Afrika. Damit meine ich eine Zusammenarbeit mit Europa, wo das technische Know-how zur Armutsbekämpfung vorhanden ist. So, dass wir uns selbst helfen können.

Spielt Ihre Lebensgeschichte für Ihre Politik eine Rolle?

Sie spielt eine große Rolle. Dass ich in Simbabwe geboren bin und in Deutschland als Lehrerin gearbeitet und einen Hochschulabschluss habe – das kommt einmal in tausend Fällen vor. Oft müssen Afrikanerinnen hier Toiletten putzen. Zum großen Teil sind die Fluchtursachen von Frauen geschlechtsspezifisch, weil sie ihre Sippe, die Tradition nicht mehr ertragen konnten.

In Ihrer Biografie schreiben Sie darüber, dass Sie als Mädchen von Familienangehörigen vergewaltigt wurden.

Ich war fünf Jahre alt, als meine Eltern sich trennten. Wir waren sechs Kinder und mussten zu verschiedenen Verwandten. Mit meiner größeren Schwester kam ich zur Schwester meines Vaters. Da ging es los. Ich war acht Jahre, als das passierte. Bis ich elf Jahre alt war. Meine Schwester war 13 und wurde von unserem Onkel schwanger. Später kam ich zu Verwandten nach Sambia. Da wurde ich erneut sexuell missbraucht.

„Ich verstehe, warum Straßenkinder sich auf der Straße sicherer fühlen als zu Hause“

Würden Sie sagen, dass es durch Ini­tiativen wie die #metoo-Bewegung einfacher geworden ist, über Missbrauch zu sprechen?

In meinem Fall muss ich sagen, dass es schon früher funktioniert hat. Es gab eine Zeit, in der ich mich geschämt hätte zu sagen, dass ich mit acht Jahren missbraucht wurde. Mir fehlten dafür die Worte. Dann brach ich 1985 einfach zusammen und es kam zur Sprache. Ich hatte gute Menschen um mich herum, es gab einen Psychologen, der mich begleitete. Ich hatte Mut. Eine Biografie zu schreiben hat insofern genützt, dass die ganzen Scham- und Schuldgefühle rauskamen.

Woher kamen die Schuldgefühle?

Uns wurde als Mädchen von manchen Verwandten gesagt, wir hätten uns nicht gut benommen und seien deshalb missbraucht worden. Sie haben uns als Achtjährige die Schuld gegeben. Wir haben das internalisiert. Schuld und Scham. Ich habe nur noch von Scham gelebt. Deshalb musste ich abhauen. Wegen Rape. I was raped. Bei jeder Gelegenheit hatte er das gemacht. Ich konnte das nicht mehr. Ich musste weg. Ich verstehe heute, warum Straßenkinder sich auf der Straße freier und sicherer fühlen als zu Hause.

Sie versteckten sich als junge Frau in einem Flüchtlingslager in Sambia?

Ja. Es war Krieg zwischen Rhodesien – wie Simbabwe damals hieß – und den Befreiungskämpfern, die immer auch nach Sambia kamen. Deshalb wurde auch unser Flüchtlingslager bombardiert. In dieser Zeit ergab es sich, dass Erich Honecker aus der DDR zu einem Staatsbesuch nach Sambia kam und unser Flüchtlingslager besuchte. Ich war dann eine von wenigen, die ein Stipendium für Ostdeutschland bekamen.

Sie wurden von Erich Honecker in die DDR eingeladen?

Genau. Ich habe in Leipzig Abitur gemacht und wurde Ingenieurin für Metallhüttenkunde. Eigentlich hätte ich als Mädchen in Simbabwe nach der sechsten Klasse nicht mehr zur Schulen gehen sollen. Es hieß, es reiche aus, dass ich lesen und schreiben kann. Mein Vater wollte das nicht, aber er war arm und meine Familie groß. Aber im Flüchtlingslager hatte ich die Sekundarstufe weiter machen können – bis zum Abitur. Das habe ich in Leipzig dann noch erweitert. Danach ging ich an die Ingenieurschule für Automatisierung und Werkstofftechnik in Hennigsdorf. Das war die schönste Zeit meines Lebens.

Wieso ging es Ihnen in der DDR so gut?

Bevor ich nach Sambia ging, hatte ich Bulimie und war depressiv von den Herausforderungen des Lebens, auch in Sambia vom Krieg. Auf einmal erhielt ich 270 Ostmark pro Monat. Das war viel für ein junges Mädchen wie mich, das zuvor in Afrika einmal am Tag etwas zu Essen bekam. In der DDR haben wir gegessen und gegessen. Ich habe an Kleider gedacht, an Schminke, an Zigaretten und Alkohol. An all diese Sachen, die zum Studium gehören. Ich habe mitgemacht. Ich war aber auch in der FDJ und trug die blaue Uniform. Die fünf Jahre in der DDR haben mich stabilisiert. Es war der einzige Ort, der mir diese psychische Sicherheit gegeben hat. Ich war Teil von etwas. Ich fühlte mich wirklich frei, auch wenn das unglaubwürdig klingt.

61, ist Ingenieurin für Metallhüttenkunde, war Chemielehrerin und lebt in Bremen. Sie kandidiert für die Feministische Partei Die Frauen zur Europawahl am 26. Mai.

Wie meinen Sie das?

Man denkt immer, es gab keine Freiheit in der DDR. Aber Freiheit ist relativ. Ich denke, die Ostdeutschen waren nicht frei, sie durften nicht in den Westen reisen und nicht über Politik sprechen. Aber wenn man aus einem Flüchtlingslager aus Sambia kommt … Meine Bedürfnisse waren sehr begrenzt. Für mich war es der Himmel, für die Ostdeutschen nicht.

Würden Sie sich heute noch als Sozialistin bezeichnen?

Ja. Wissen Sie, diese Botschaft, die mir von einem Mann wie Erich Honecker mitgeteilt wurde, der in unser Flüchtlingslager kam …

… welche Botschaft war das?

Er sagte: „Ihr geht nach Deutschland, um zu studieren. Bitte kommt zurück und baut eure Länder wirtschaftlich auf.“ Für mich war er ein Hero.

Ist Erich Honecker für Sie auch heute noch ein Held?

Immer noch. Als ich 1989 hörte, dass die Mauer gefallen ist, war ich Studentin an der Technischen Uni in West-Berlin. Ich habe ich mir solche Sorgen um ihn und Margot gemacht.

Warum lachen Sie jetzt darüber?

Naja, ich war sehr besorgt. Es gibt diese zweierlei Sichtweisen. Die Deutschen sehen Erich Honecker als Diktator. Für mich ist er ein Held. Aber ich kann das nicht offen sagen.

Bei der Produktion „Mütter – Geschichten von Bremer Frauen aus aller Welt“: wird Nomazulu Thata ihre Geschichte erzählen. Premiere am 8. Mai, Theater Bremen

Warum nicht?

Es sind viele Deutsche umgekommen, bei der Flucht von Ost nach West. Was meinen Sie, wie die Leute reagieren, wenn ich sage, dass Erich Honecker mein Held ist?

Der Idee Honeckers, als Ingenieurin zurück nach Afrika zu gehen, sind Sie aber nicht gefolgt?

Ich wollte immer zurückgehen. Aber jedes Mal stand dem etwas entgegen. 1984 hätte ich zum Beispiel nach dem Studium in der DDR theoretisch zurückgehen können. Doch zu der Zeit gab es einen Genozid in Simbabwe, gerade in Matabeleland, wo ich herkomme. Es gab immer etwas, das mich hinderte. Ich bin auch nach Südafrika gegangen, wo ich 1997 einen tollen Job als Umweltgutachterin in Pretoria bekam. Der Rassismus, den wir dort erfahren mussten, war so krass.

Wie hat sich der Rassismus in Pretoria geäußert?

Das war in der deutschen Schule. Mein Sohn wurde dort geschlagen, die Schulkinder haben ihn mit Schlangen beworfen. Auch als ich in Simbabwe kurz als Dozentin an der Universität, am Institute for Mining, arbeitete, ging es für mich nicht weiter.

Warum nicht?

Ich hatte einen deutschen Pass. Dann hieß es, dass angeblich ein Simbabwer gefunden wurde, den man bevorzuge. Es ging in Wahrheit darum, dass ich eine Frau bin und vor allem um ethnische Konflikte zwischen Matabele- und Mashona-Volksgruppen: Ich komme aufgrund meines Namens eindeutig aus Matabeleland. Harare, wo ich arbeitete, war teils Mashonaland. Die Feindschaft ist immer noch krass, auch heute noch.

Als Tochter von MissionslehrerInnen – spielt Religion für Sie eine Rolle?

Das ist eine gute Frage … Als ich 1988 mein Kind bekam, nannte ich mich schon Sozialistin oder Kommunistin. Aber ich wollte, dass mein Sohn getauft wird. Ich war alleinerziehend und dachte mir, ich brauche die katholische Kirche, sodass mein Sohn die kirchlichen Werte mitbekommt.

Und heute?

Seit er erwachsen ist, sehe ich das mit der Kirche wieder lockerer. Ich bin wieder mehr die Sozialistin. Meine Schwester ist dagegen sehr religiös, sehr katholisch. Sie verarbeitet die ganzen Schwierigkeiten der Kindheit durch das Gebet. Aber ich muss sagen: Gott hat mir nicht geholfen, er war einfach nicht da, in vielen Situationen. Aber ich bin zwiespältig. Wenn ich sterbe, möchte ich eine kirchliche Beerdigung – für alle Fälle.

Würden Sie sagen, dass Rassismus und auch Antifeminismus in Europa eine Renaissance erleben?

Ich habe es am eigenen Leib mitbekommen – ich war in vielen Vereinen in Bremen. Wenn ich sagte, ich bin von der Feministischen Partei, gab es viele, die danach nicht mehr mit mir reden wollten. Bei Feminismus denken viele, es bedeutet, dass ich lesbisch bin. Das ist engstirnig. In unserer Partei gibt es auch Lesben, aber wir stehen für die Rechte aller Frauen ein, unsere Ziele sind feministisch.

Welche Ziele?

Wenn wir über Deutschland sprechen, ist für uns schwer zu verstehen, dass in so einem hochzivilisierten Land Prostitution legal ist und eine normale Arbeit sein soll. Deutschland ist ein Puff. Es gibt afrikanische Mädchen, die hier herkommen, um schnelles Geld zu machen. Frauen werden missbraucht in dieser Sex-Industrie. Auch die ganze Porno-Industrie ist entwürdigend.

Das sehen auch viele FeministInnen anders, die sich für die Rechte und Anerkennung von Sexarbeiter­Innen einsetzen.

Die Frauen werden entwürdigend behandelt. Psychisch und physisch macht es alles von einer Frau kaputt.

Würden Sie sagen, Ihre Partei steht für einen konservativen Feminismus?

Weil wir Pornografie und Prostitution ablehnen, heißt das noch lange nicht, dass wir konservativ sind. Wir sind progressiv. Wir wollen den Konservatismus der Gesellschaft überwinden.

In ihrem Parteiprogramm steht, Sie sind gegen Bekleidungsvorschriften für Frauen und gegen Diskriminierung aufgrund von Bekleidung. Wo stehen Sie in der Kopftuch-Debatte?

Ich selbst trage immer ein Kopftuch – aber das ist meine freie Wahl. Manchen Kindern wird schon mit sechs Jahren ein Kopftuch vorgeschrieben. Das finde ich persönlich ein Problem. Man muss sich fragen, inwieweit die Kinder darunter leiden, denn in Europa gehört das Kopftuch nicht zur Kultur.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben