Poesiefestival Berlin: Häuser für Liebeskummer
Auf der Wiese vor dem Silent Green in Berlin kann man mit Poesie auf den Ohren verweilen. Es ist eine Reise durch Sprachen, Orte und Erfahrungen.
Die Stimmung ist ausgelassen, als die erste Runde mit fünf deutschsprachigen Poet:innen den Nachmittag eröffnet. Als Erster spricht Helwig Brunner über Kinder, die den Ferienbeginn herbeisehnen, über Wunder, die nun geschehen könnten, über Gedichte, die sich mit einem feuchten Lappen wegwischen lassen, über Jahre, die sich zusammenschieben wie Sardinen in der Dose, und über Wege, die an Gebirgen aus Lilien und weißen Rosen vorbeiführen.
Die Lesung ist Teil des Poesiefestival Berlin, organisiert vom Haus für Poesie in Berlin, das von Mitte Mai bis Mitte Juni stattfindet. Unter der Moderation von Lea Schneider und Ricardo Domeneck entsteht während der Lesungen ein Format, das poetische Vielfalt oft mit politischer Auseinandersetzung vereint. Mit Kopfhörern lauscht das Publikum sitzend oder liegend, nah oder fern der Bühne, den Lesungen in verschiedenen Sprachen von Deutsch über Farsi bis Arabisch. Literarische Geheimtipps bis hin zu etablierten, preisgekrönten Dichter:innen treten auf.
Längst experimentiert die Poesie mit Theater, Tanz oder Musik. Sophia Barthelmes integriert Letzteres gelungen in ihre Darbietung: Ihr Gedicht wird stellenweise von Musik begleitet, während sie von sehr Alltäglichem wie Socken und Pullovern, aber auch von Einsamkeit erzählt.
Während Vögel zwitschern und die Zuhörenden vor der prallen Sonne in den Schatten ausweichen, setzt der Moderator Brian David Crawford die Lesung englischsprachiger Texte fort. Tracy Fuad erzählt, dass sie gerne Gedichte in der Sonne grillend auf dem Tempelhofer Feld schreibt. Eines davon handelt von einer Geburt in einem brutalistischen Gebäude in Berlin.
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Texte auf Farsi
In der dritten Runde hält das Politische nun deutlich Einzug in die Poesie. Dichter:innen lesen ihre Texte auf Farsi, die anschließend auf der Bühne ins Deutsche übersetzt werden. Schon der Klang der Sprache entfaltet eine Wirkung, die auch ohne inhaltliches Verstehen berührt.
Eine von ihnen ist Atefe Asadi. Nach ihrer politischen Festnahme verließ sie Iran. In ihren Texten geht es so auch um Sehnsucht und Exil. Letzteres beschreibt sie eindrücklich als eine Bibliothek in Teheran, die nicht in einen Rucksack passt. Mahtab Yaghma, ebenfalls aus Iran, verarbeitet in ihren Gedichten, die von klassischer persischer Dichtung inspiriert sind, die Erfahrung von Verlust und politischer Unterdrückung. Ein Beispiel ist das Motiv des Vogels der Trauer, der dorthin fliegt, wohin er getragen wird.
Als Nächstes reist das Publikum gedanklich nach Afghanistan. Hadia Armaghan liest von Frauen, die sich weigern, ein Leichentuch zu tragen. Wenn sie berührt werden, beginnen die Berge zu atmen. Der Kuss des lyrischen Ichs schmeckt bei Armaghan nach nasser Erde aus der Heimat. Auch hier wird einmal mehr deutlich, wie schön und schmerzlich die gezeichneten Bilder zugleich sein können.
Qazal Tabaneh aus Iran wiederum entwirft eine poetische Kartografie verlorener Weiblichkeit und setzt der politischen Gewalt fragile, zugleich widerständige Bilder entgegen. So erzählt sie, dass sie in den Boden ihrer Angst Koriander pflanzt, um sich gegen die Zerstörung zu wehren.
Gefühlt parallel zur zunehmenden inhaltlichen Schwere wandelt sich auch die Stimmung: Aufziehende Wolken nehmen der sommerlichen Leichtigkeit ihre Unbeschwertheit. Eine kurze Sequenz deutschsprachiger Lyrik wirkt im Vergleich zur vorangegangenen politisch geprägten Dichtung eher leise, bevor der Abend schließlich mit arabischsprachigen Gedichten ausklingt. Zu den letzten, die sprechen, gehört die kurdisch-syrische Dichterin Widad Nabi. Sinnbildlich für die starken sprachlichen Bilder des Nachmittags schreibt sie über Vögel, die Stacheldraht fotografieren, und über für Freund:innen gebaute Häuser mit Zimmern für Liebeskummer und lange Nächte.
So wird der Tag zu einer Reise durch Sprachen, Orte und Erfahrungen, während man in all der Zeit nie seine Sommerliege verlassen musste.
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