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Pierre Huyghe in der Fondation BeyelerZeitlos, ortlos, dionysisch

Pierre Huyghe tauchte zuletzt mit überwältigender Medienkunst auf. Dem Gebäude der Fondation Beyeler bei Basel entzieht er damit jetzt alle Freundlichkeit.

Am Anfang steht immer ein Paradox: Pierre Huyghes Kunst bemächtigt sich des Ausstellungsraums komplett und bis in jedes Detail, inklusive Leerstellen. Aber sie kommt mit dem Anspruch einer Kunst daher, die sich als offen betrachtet, ja sogar undefiniert, zeitlos und ortlos. Es ist also eine monumentale Kunst über das Abseitige.

Der Renzo-Piano-Bau der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel hat all seine Freundlichkeit verloren. Die ganze prächtige Sammlung von Ernst Beyeler wurde für die Intervention eingemottet. Also eigentlich ins Depot gebracht; aber bei Pierre Huyghe ringt man mit Worten.

Die zentrale Figur ist eine strampelnd in eine Mondlandschaft geborene erwachsene Nackte, die offensichtlich letzte Überlebende einer Spezies. Ihr Gesicht besteht aus einem schwarzen Loch. Ihr Kopf scheint gänzlich hohl zu sein.

Die Ausstellung

„Pierre Huyghe“. Fondation Beyeler, Riehen bei Basel, bis 13. September. Eine Bildpublikation folgt.

Die Projektion von „Liminals“ dauert erschreckende fünfzig Minuten und wird sowohl als „Film“ als auch als „real-time physical recording through game engine“ bezeichnet. Der deutschsprachige Ausstellungsführer ist noch nicht geliefert worden.

Hinter dieser Techno-Monster-Kunst muss eine Heerschar ungenannter Assistentinnen stehen

Man darf erstaunlicherweise fotografieren und filmen, und in der eigenen Kamera sieht man, dass „Liminals“ farbig gedreht oder generiert worden ist. Es sieht aber mit bloßen Augen fast aus wie Schwarz-Weiß. Trotz der Versessenheit auf ikonische Übertreibung ergibt sich ein Narrativ, beruhend darauf, dass die Figur stumm, taub und blind ist.

Bisher hat noch niemand Huyghes Kunst als ironisch bezeichnet, aber man könnte durchaus sagen, dass er den klassischen körnigen „Foto-Akt“ aushöhlt, um uns zu zeigen, dass er ein Gesicht gar nicht braucht. Also sie. Das „Modell“ wird niemals zurückfinden in die Welt, weil es die Welt nicht kennt.

Die einzige lebende Figur ist, wenn sie nicht gerade Pause hat, ein schwarz gekleideter Mensch. Er sitzt völlig regungslos am Boden und trägt einen Helm, der von Brancusi geliehen zu sein scheint. Tatsächlich ist es eine „LED mask“, die gelegentlich Wortfetzen aussendet. Spätnachts finde ich ein Interviewvideo mit dem Künstler, in dem er ganz unbefangen anmerkt, dass letztlich jeder Mensch eine Maske trage.

In der Desasterzone von Fukushima

Eine ganz klassische Maske kehrt zurück im einzigen „echten“ Video der Ausstellung, „Human Mask“ von 2014, 19 Minuten, superbreitwandig, geliehen von der Luma in Arles. Sie stellt, ganz in Weiß, das Gesicht eines japanischen Mädchens dar.

Die Figur hat auch die typischen langen, schwarzen Haare dazu bekommen. Ganz allein, oder vielmehr begleitet von einem unsichtbaren Filmteam, ist das Mädchen eingesperrt in ein geschlossenes Restaurant in der Desasterzone von Fukushima. Es pendelt zwischen Gastraum und Küche, mal auf der Suche nach etwas, dann trödelnd, gelegentlich apathisch. Bucklig und stark behaart „entpuppt“ sich die Akteurin als Menschenaffe. In der letzten Einstellung schaut die Kamera durch die Augenschlitze; darunter funkeln die Augen des Tieres.

Auf zweierlei Sorten schmutzig-geflecktem Teppichboden, dunkel und hell, zieht einen der Parcours durch 14 Räume in eine ungewisse Tiefe der Imagination. Ein vulkanischer Felsstein schwebt in einem Aquarium, ein animierter Wurmling übt sich als Schlange. Quer in die Mitte des größten Saals gestellt spielt ein riesiges Aluminumrelief Altar.

Große verschlossene Glastüren erlauben Blicke nach nebenan, werden aber mit weißem Nebel geflutet, wenn man sich ihnen nähert. Aus grob gehämmerten Löchern in der Wand flüstert und zischt es.

Figuren des Transhumanen

Huyghes Kunst will gewiss nicht Kunst über Kunst sein. Dennoch ist ein kleines Ölgemälde von Max Ernst als Referenz gehängt. Es heißt „Die Hexe“ (1941) und nimmt die Figur des Transhumanen vorweg. Geliehen aus dem Universitätsmuseum Princeton ist das „Sujet“ des Bildes auf der Website dort gelistet als: „eyes, women, nudes, witches, avant-garde“.

An dem Tag, als das World Trade Center in sich zusammensank, beging Pierre Huyghe seinen 39. Geburtstag. Seine wirkliche Karriere beginnt erst danach, Zufall oder nicht. Jetzt wohnt er mit seiner Frau, der Schauspielerin Valentina Muhr, in Santiago de Chile.

Sie und eine Estela Huyghe-Muhr sind für ein „Estelarium“ (2015) genanntes Kunstwerk als Mitautorinnen genannt. Man würde sich aber wundern, wenn hinter dieser Techno-Monster-Kunst nicht eine Heerschar ungenannter Assistentinnen stünde.

Ein Big Player

Gewiss gehört er zu den Big Playern der internationalen Szene, wie Katharina Grosse, William Kentridge, Simon Denny und Ólafur Elíasson. Mit diesem verbindet Huyghe die Suche nach einer universalen oder universalistischen Formel.

Nietzeanisch gesprochen finden wir dann Elíasson auf der apollinischen, Huyghe auf der dionysischen Seite. Beide setzen auf Überwältigung, aber Elíasson spannt den großen Regenbogen drüber, während Huyghe uns den Boden unter den Füßen wegzieht. Und all das passiert gleichzeitig.

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