Pfle­ge­r*in­nen wollen streiken: „Wir können nicht mehr“

Stella Merendino engagiert sich in der Berliner Krankenhausbewegung. Die Pflegerin erlebt täglich, was Überlastung bedeutet. Ein Gastbeitrag.

Zwei Mediziner:innen protestieren vor dem Berliner Reichstagsgebäude auf einem Krankenbett für bessere Arbeitsbedingungen.

Protest vor dem Reichstag – weil die Unterstützung aus der Politik ausbleibt Foto: Stefan Boness / Ipon

BERLIN taz | Als ich an der Patientin vorbeieile, ruft sie mir zu: „Ich muss mal zur Toilette.“ Ich bin auf dem Weg zu einem Notfall, habe überhaupt keine Zeit und blicke mich hektisch um. Keine meiner Kol­le­g*in­nen ist in der Nähe. „Ich komme gleich“, antworte ich wider besseres Wissen.

Ich laufe weiter zum Schockraum, wo ein Schlaganfallpatient mit der Besatzung des Rettungswagens auf mich wartet. Der Neurologe ist kurz nach mir im Raum, drängt mich, schneller zu machen, und hat damit recht. Eigentlich müssten wir diesen Patienten mit zwei Pflegekräften versorgen – bei Schlaganfällen kommt es auf jede Minute an.

Keine meiner Kol­le­g*in­nen kann helfen, und auch sie haben schwer erkrankte Pa­ti­en­t*in­nen zu versorgen. Eigentlich wären sieben Fachkräfte vorgesehen und auch bitter nötig: Unsere Notaufnahme behandelt ungefähr 46.000 Patienten im Jahr, durchschnittlich 42 Pa­ti­en­t*in­nen pro Schicht, an schlimmen Tagen 70. Wir sind zu dritt!

Ich liebe meinen Beruf

Seit über vier Jahren arbeite ich in der Notaufnahme eines Vivantes-Klinikums. Ich liebe meinen Beruf und möchte meine Pa­ti­en­t*in­nen immer in guten Händen wissen, doch egal, wie viel Mühe ich mir gebe, ich kann die Personalnot nicht ausgleichen. Der Personalmangel führt in den Notaufnahmen dazu, dass Hygienestandards, Leitlinien und Empfehlungen von Fachgesellschaften missachtet werden müssen.

Foto: privat

Die Pa­ti­en­t*in­nen kommen zu kurz und werden unnötig in Gefahr gebracht. So habe ich das in meiner Ausbildung nicht gelernt. Ich schäme mich dafür, meine Pa­ti­en­t*in­nen nicht fachgerecht und sicher versorgen zu können. Das belastet und frustriert mich so sehr, dass ich, wie viele meiner Kolleg*innen, schon länger darüber nachdenke, mich in die Teilzeit zu flüchten.

Schichtgenaue Personalbesetzung

Meine Kol­le­g*­in­nen aus der Rettungsstelle und ich haben uns Anfang April der Berliner Krankenhausbewegung angeschlossen, weil wir die Zustände in den Kliniken nicht mehr ertragen. Wenn sich ein komplettes Team innerhalb von drei Wochen gewerkschaftlich organisiert, sagt das einiges aus über unser Gesundheitssystem und wie die Kol­le­g*in­nen behandelt werden.

Wir sprechen mit Politikern, machen auf unsere Situation aufmerksam und betreiben intensive Öffentlichkeitsarbeit. Für mich sind dieser Zusammenhalt und die gemeinsame Power eine großartige Erfahrung. Die Pflege ist endlich aufgestanden und kämpft für ihre Patient*innen. Traurig ist es dennoch, dass es so weit kommen musste.

Unsere Forderungen sind simpel. Wir wollen nicht mehr Geld, sondern eine schichtgenaue Personalbesetzung für alle Bereiche im Krankenhaus. Für mich würde das bedeuten, dass ich weiter in Vollzeit für meine Pa­ti­en­t*in­nen da sein kann und sie nicht mehr mit einem „Ich komme gleich“ vertrösten muss.

Für Schichten, in denen die Personalbesetzung nicht eingehalten wird, fordern wir einen Belastungsausgleich in Form von Freischichten. An der Uniklinik Jena haben die Kol­le­g*in­nen genau das erreicht. Damit wird die Klinikleitung unter Druck gesetzt, mehr Personal in den Schichten einzusetzen, und wir bekommen einen wirksamen Ausgleich für die Zeit, in der wir unter Überlastung arbeiten müssen.

Arbeitsniederlegung In den kommenden Tagen werden wohl einige Tausend Mit­ar­bei­te­r*in­nen an den Berliner Krankenhäusern ihre Arbeit niederlegen, schon am Donnerstag könnte es losgehen. Man sei zu einem „Erzwingungsstreik“ bereit, sagte Verdi-Verhandlungsführerin Meike Jäger am Montagmorgen in einer online-Pressekonferenz. Man sei aber auch bereit weiter zu verhandeln und warte auf bessere Angebote der Arbeitgeberseite.

Urabstimmung Bei einer Urabstimmung unter den gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitenden stimmten am Montagmorgen 98 Prozent für Streik. Bereits im Mai wusste die Berliner Krankenhausbewegung, in der sich die Beschäftigten organisiert haben, 63 Prozent aller Beschäftigten sowie eine Mehrheit auf jeder Station hinter sich. Gewerkschaftlich organisiert dürften etwas weniger Beschäftigte sein. In Vivantes und Charité arbeiten rund 12.000 Pfleger:innen, dazu kommen noch die Beschäftigten der Tochterunternehmen. (taz)

Ein „Tarifvertrag Entlastung“ gäbe uns endlich Sicherheit, unseren Beruf verantwortungsvoll und mit hoher Qualität ausüben zu können, ohne dabei selbst krank zu werden. Nur unter diesen Bedingungen werden ehemalige Kol­le­g*in­nen wieder in den Beruf zurückkommen oder die Teilzeit wieder aufstocken. Das ist eine Riesenchance! Ändert sich aber nichts, werden sicher noch mehr Kol­le­ginnen und Kollegen das Handtuch schmeißen. Dann werden wir weniger, statt mehr.

Was macht eigentlich die Politik?

Man könnte denken, es gibt kein Thema in der Stadt, bei dem sich die Parteien so einig sind. Egal ob SPD, Grüne, Linke, CDU oder FDP – überall bekommen wir Zuspruch für unsere Forderungen. Und trotzdem sehe ich mich wieder vor die Entscheidung gestellt, in den Streik zu gehen, weil sich zu wenig bewegt. Die Berliner Landespolitik muss jetzt die Rahmenbedingungen schaffen, damit Charité und Vivantes einen guten „Tarifvertrag Entlastung“ und den „TVöD für alle“ mit uns aushandeln. Alles, was jetzt nicht mutig angegangen wird, wird uns allen, wirklich allen später umso mehr auf die Füße fallen.

Ich möchte nicht streiken, aber es ist unser allerletztes Mittel im Kampf für die Würde unserer Patienten und die Gesundheit unserer Kolleg*innen. Wenn es sein muss, streiken wir auch bis zum Wahltag am 26. September.

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