Performance-Festival „Unidram“ Potsdam: Ein Tapetenwechsel mal ohne Schwerkraft
Das Potsdamer Performance-Festival „Unidram“ ist spezialisiert auf visuelle Kunst mit wenigen Worten. Körper und Räume werden hier magisch verwandelt.
Foto: Andy Phillipson
Kunst darf, ja sie soll sogar unsere Wahrnehmungen verrücken. Sehr gut klappt das derzeit beim Festival „Unidram“ in Potsdam. Dort sah man an den ersten beiden Tagen Menschen einfach durch Wände verschwinden. Häuser im gedehnten Zeitlupenmodus einstürzen und sich melancholisch von Wänden abrollende Tapeten, an denen sie eigentlich kleben. So geschehen beim Materialtheaterstück „Staub“ des Stuttgarter O-Teams, das für seine aufwendig gestalteten Bühnenräume bekannt ist.
Der gelernte Akrobat Tobias Wegner setzte mit seinem Kultstück „Leo“ noch einen drauf. In einem raffinierten Arrangement aus einem Raum, in dem der Künstler vor allem am Boden liegend agierte und einem um 90 Grad gekippten Projektionsraum, gerieten die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft. Denn hob der im Realraum flach am Boden liegende Akteur mal schnell die Beine, so schien er im daneben platzierten Projektionsraum zwar mit dem Rücken an der Wand zu kleben – vom Boden hatten sich seine Füße aber definitiv gelöst.
Wegner reizte die um 90 Grad verschobenen Schwerkraftverhältnisse auch mit Wasser aus, das plötzlich waagerecht schwappte, und Gegenständen, die in der Horizontalen zurückkehrten. Auch die Grenzen zwischen Zwei- und Dreidimensionalität lösten sich auf. Denn der Akrobat konnte sich auf einen seitwärts an die Wand gemalten Stuhl einfach setzen oder sich an einem ebenfalls gezeichneten Fensterflügel die Wand entlang hochziehen.
Unidram Festival
Unidram Festival, noch bis 7. November 2026, Potsdam, „Kultur-Areal Schiffbauergasse“
https://www.unidram.de
Schweben im Zwillingsuniversum
Man wusste oft nicht, worüber man mehr staunen sollte: über die akrobatischen Fähigkeiten des Performers, der liegend so perfekt agierte, dass die Bewegungen in dem um 90 Grad gekippten Projektraum ungemein natürlich aussahen, oder über die Effekte des Schwebens und Fliegens im Zwillingsuniversum.
Dass „Leo“ überhaupt bei Unidram gelandet war, glich ebenfalls einem magischen Akt. Denn eigentlich war „Violent“, die wilde Bildverwandlungsshow der bretonischen Sociéteé Protectrice de Petites Ideés, als Eröffnungsproduktion geplant. Dann aber musste die Gruppe wegen eines Unfalls absagen. „Freitag früh um neun hatten wir die Information, nachmittags um vier die Lösung“, sagte Festival-Co-Kurator Jens-Uwe Sprengel der taz.
Möglich war es nur aufgrund des riesigen Netzwerks, das sich die Verantwortlichen in den mehr als drei Jahrzehnten ihres Wirkens aufgebaut haben; und auch aufgrund der Akzeptanz, die sie als verlässliche Partner in der internationalen Szene besitzen. „Wir haben dann den Sonnabend genutzt, um komplett alles durchzugehen, von Übernachtungen, Shuttle-Service und Verpflegung bis hin zu Werbung und Tickets“, erzählt Sprengel. Montag war Aufbau, Dienstag die erste Vorstellung.
Tanzen auf der Treppe
Beim Festival geht es mit (fast) wortloser, aber die Augen und die Ohren schier verwundernder Körper-, Klang- und Raumkunst weiter. Sprengel freut sich besonders auf die installative Reise in den einstigen New Yorker-Vergnügungspark Coney Island Beach mit der Produktion „Dreamland“ des kanadischen Théatre Rude Ingeniérie (5.–7. November) und die opulente Musikperformance „Spring Is Possible“ der belgischen Gruppe bodybody (7. November). Ein besonderes Experiment stellt die auf einer extra neu gebauten fünf Meter hohen Treppe inszenierte Klang-Tanz-Performance „Meta“ der iranisch-niederländischen Oriantheatre Dance Company (7. November) dar.
Die insgesamt neun Produktionen des fünftägigen Festivals weisen sehr markante künstlerische Handschriften auf. Sie alle aber laden zum Sich-verzaubern-Lassen ein, mal auf die sehr subtile, mal auf die schier überwältigende Art.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert