Die Wahrheit: Kirschen im Krähengarten
Wenn Singvögel lieblich singen, handelt es sich meist um Nachtigallen. Aber auch Krähen können musikalisch klingen. Oder etwa nicht?
A bends hört man von unserem Gästeklo die Krähen. Ihr Gekrächze dringt durch das kleine Kippfenster, das zum Innenhof rausgeht, und verstärkt sich zwischen den gekachelten Wänden. Es verdoppelt, vervierfacht sich, bis es so laut und deutlich ist, als säße man mitten unter den Krähen in ihrer Kolonie auf einem Baum.
Schön wäre es, mal wieder auf einem Baum zu sitzen. Die harte Rinde als Sitz, ein Astloch als Ablagemöglichkeit für alle möglichen Dinge. Das letzte Mal, dass ich in einem Baum saß, war auf einer Mittelmeerinsel in einem Kirschbaum, der reife Früchte trug. Sie hingen überall um mich herum von den Ästen, die sich unter ihrem Gewicht bückten.
Ich aß und aß und spuckte die Kirschkerne in ein Astloch. Ein paar Kirschen, die vor mir hängen, esse ich noch, dachte ich. Dann drehte ich mich einen Zentimeter zur Seite, und wieder war mein Blickfeld voll mit Kirschen. Die esse ich auch noch, dachte ich. Und immer so weiter.
Irgendwann stellte ich fest, dass mich die Leute nicht bemerkten, obwohl der Kirschbaum in einem kleinen Dorf am Straßenrand stand. Sie gingen unter dem Baum entlang und sahen mich nicht. Ich konnte sie unbemerkt beobachten.
Kreisrund
Einer, der vorbeikam, hatte kreisrunden Haarausfall, und in seiner vom Haarkranz umrahmten Glatze spiegelte sich der Himmel. Eine Frau trug einen so großen Sonnenhut aus Stroh, dass ich nur ihre Füße unter der Krempe hervorragen sah, wenn sie große Schritte machte. Sie trug Sandalen aus Schlangenlederimitat.
Ich aß noch mehr Kirschen. Es dauerte nicht lange, und mir wurde schlecht. Ich rief: „Mir ist schwummrig vor lauter Kirschen! Kann mir jemand herunterhelfen?“ Die Passanten hörten meine Stimme, aber sie entdeckten mich nicht. Manche blickten sich irritiert um. „Hier oben!“, schrie ich. Niemand schaute hoch.
In dem Moment, als die Frau mit dem großen Strohhut ein zweites Mal unter meinem Baum entlangging, verlor ich den Halt und fiel, von Kirschen schwer, auf die Krempe. Die Frau merkte es nicht, so groß und federnd war ihr Hut. Ich machte es mir im Stroh bequem. Unten klimperten ihre Ohrringe. Es duftete nach ihrem Haarspray. Ich döste ein.
Als ich vom Läuten einer Türglocke wieder aufwachte, lag ich noch immer auf der Krempe. Die Frau, auf deren Hut ich reiste, hatte ein Modeatelier betreten. „Ich hätte gern noch mal so einen Hut!“, sagte sie auf Englisch zu der Verkäuferin. Da blickte die Verkäuferin nach oben und entdeckte mich auf der Krempe. „Oh“, sagte sie.
Ich legte meine Hand auf die Lippen und bedeutete ihr, zu schweigen. „Oh, solche Hüte haben wir leider nicht!“, sagte sie. Kurz darauf verließ die Frau den Laden und nahm auf einer Parkbank Platz. Ich nutzte die Gelegenheit, um abzusteigen. Ich ging einmal um die Bank herum, trat an die Frau heran und schenkte ihr zum Dank eine Kirsche.
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