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Parteitag der Linken in BerlinElif Eralp strahlt vor Freude

Eine überwältigende Mehrheit stimmt auf dem Parteitag für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit Grünen und SPD. Emde demonstriert vor der Halle.

Ganz am Ende ihrer Rede geht Elif Eralp auch auf den Bericht des Spiegels über ein geplatztes Interview ein. „Mir wird vorgeworfen, ich könne Berlin nicht schützen, weil ich mich um meine Sicherheit sorge“, sagt Eralp und macht deutlich, was sie von der Kritik hält. „Ich sehe das anders. Gerade weil ich verschiedene Sorgen verstehe, werde ich genau das tun.“

Ein „Schutzversprechen“, das Eralp abgibt, soll alle Zweifel zerstreuen, sie sei erpressbar, weil sie sich vor einem der Hamas nahestehenden palästinensischen Aktivisten bedroht fühle. „Ich werde mich für den Schutz jüdischen Lebens, gegen Antisemitismus und auch gegen organisierte Kriminalität einsetzen“, verspricht Eralp. „Aber auch gegen jede Form von Rassismus gegen Palästinenserinnen und Palästinenser.“

Bei ihrem umjubelten Auftritt vor den Delegierten des Linkenparteitags am Samstag im Lichtenberger Dong-Xuan-Haus lässt Eralp keinen Zweifel daran, dass sie Berlins neue Regierende Bürgermeisterin werden will. „Wir haben am 20. September eine Botschaft gesendet“, sagt sie. „Eine andere Politik ist möglich, eine andere Politik ist nötig.“

Die Menschen hätten große Hoffnung in die Linke, betont Eralp. „Deshalb werden wir heute eine der wichtigsten Entscheidungen treffen, die unsere Partei je treffen musste.“ Mit diesen Worten stimmt Eralp die mehr als 150 Delegierten auf die Abstimmung ein, die den Weg frei machen soll für Koalitionsverhandlungen mit den Grünen und der SPD in Berlin.

Die Standing Ovations und „Elif, Elif“-Rufe am Ende ihrer Rede zeigen zu diesem Zeitpunkt bereits, dass der Parteitag hinter dem Sondierungspapier steht, das Linkspartei, Grüne und SPD ausgehandelt haben. Am Ende stimmte der Parteitag mit überwältigender Mehrheit bei nur wenigen Gegenstimmen für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen.

Draußen heißt es, Staatsräson sei Völkermord

Vor der Halle haben sich bei Eralps Rede einige Dutzend Demonstranten versammelt. „Gewählt für Palästina. Verraten für den Senat“, lautet das Motto der Kritiker eines rot-grün-roten Bündnisses aus den Reihen von palästinasolidarischen Gruppen.

Thies Kehmeier, ein Aktivist aus dem Umfeld der Linkspartei, wie er es nennt, sagt der taz, die Demonstrierenden seien „gegen eine Koalition, die die Inhalte aus dem aktuellen Sondierungspapier vertritt“. Doch die Kritik am Kompromiss der Sondierer, dass die Vergesellschaftung erst ab einem Wohnungsbestand von 10.000 statt 3.000 Wohnungen beginnen solle, geht unter den Palästinafahnen und einem Banner mit der Aufschrift „Staatsräson ist Völkermord“ unter.

Unter den Demonstrierenden befindet sich auch die umstrittene Neuköllner Abgeordnete Vanessa Emde, die dort gegen die eigene Partei demonstriert. Mit dabei ist auch Ramsis Kilani, den die Partei bereits 2024 ausgeschlossen hatte. Die Demonstrierenden fordern die Basis der Linkspartei auf, sich ihrer Bewegung anzuschließen – „aber nicht mit dieser Spitze, die muss zurücktreten“, ruft eine Rednerin unter Beifall. Wenn Redner auf Eralp und die Parteispitze zu sprechen kommen, ruft die Menge immer wieder „Shame on you“.

Emde selbst, die keine Gelegenheit auslässt, um zu betonen, dass es kein Existenzrecht für Staaten gebe, fordert auf der Kundgebung: „Keine Koalition ohne Vergesellschaftung. Keine Koalition ohne Palästinasolidarität.“ Ihre Rede beendet sie mit „Yalla, yalla, Klassenkampf! Freiheit für Palästina!“

Eralp antwortet auf ihre Kritiker

„Mich erreichen aktuell Rücktrittsforderungen aus verschiedenen Ecken“, sagt Eralp drinnen auf dem Parteitag und gibt die Kritik postwendend zurück. „Ich möchte die Gegner einer linksgeführten Regierung fragen: Was ist denn die Alternative? Wollen wir unsere wundervolle Stadt der CDU überlassen?“ Das sei keine Alternative, beantwortet Eralp selbst ihre Frage. „Unsere gemeinsame Vision ist die Alternative für die Menschen in der Stadt.“

In der anschließenden Debatte kommen auch die Initiatorinnen eines Volksbegehrens für bessere Kitas zu Wort. Als sie wieder von der Bühne gehen, suchen Elif Eralp und die Linken-Landesvorsitzende Kerstin Wolters das Gespräch mit den Gewerkschafterinnen. Zuvor hatte Eralp gesagt: „Die Menschen haben uns auch für Veränderungen gewählt.“

Immer an Eralps Seite sind an diesem Samstag Beamte des Landeskriminalamts Berlin, unschwer zu erkennen durch ihren Knopf im Ohr. Auf dem Gelände des Dong-Xuan-Centers patrouillieren Dutzende Polizeibeamte in Uniform. Eralp hatte zuvor das Angebot angenommen, sich von Personenschützern begleiten zu lassen. „Ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Parteitag“, sagt ein Delegierter.

In der Debatte selbst gibt es nur vereinzelt Redebeiträge gegen ein mögliches Linksbündnis. „In kapitalistischen Verhältnissen gibt es keine Veränderung durch eine Regierungsbeteiligung, sondern nur durch Kämpfe auf den Straßen und in den Betrieben“, sagt eine Rednerin.

Bejubelt wird sie vor allem von der Linksjugend Solid und Delegierten aus Mitte. Einige Mitglieder von Solid besuchen in der Pause die Demo gegen die eigene Parteispitze. Für die Beiträge von Eralp und Wolter gibt es keinen Beifall.

Auch bei den Änderungsanträgen können sich die Kritikerinnen und Kritiker nicht durchsetzen. Ein Antrag gegen die „Berliner Vereinbarung“ zu Antisemitismus, dem Existenzrecht Israels und dem Schutz jüdischen Lebens, die in der Vorsondierungen von Linker, Grünen und SPD vereinbart wurde, findet keine Mehrheit.

Schwerdtner schließt die Reihen

Eine Brücke zum palästinasolidarischen Lager der Partei schlägt die Bundesparteivorsitzende Ines Schwerdtner. „Unsere Beschlüsse zu Gaza sind klar“, sagt Schwerdtner. „Wir sind die, die den Begriff Völkermord in den Mund genommen haben, als andere noch geschwiegen haben.“ Man stehe an der Seite derer, die sich mit den Menschen in Palästina solidarisieren. „Auch wenn die, die draußen stehen, etwas anderes signalisieren.“

Schwerdtner kritisiert aber die Abgeordnete Emde scharf. „Unsere Gegner warten nur auf den einen Satz und das eine Foto, mit denen sie von ihrer eigenen Politik ablenken können.“ Wer ein Mandat hat, habe eine Verantwortung, sagt Schwerdtner an die Adresse von Vanessa Emde. „Jeder, der provoziert, muss sich fragen lassen: Hilfst du dir nur selbst oder denen, für die du dich einsetzt?“

„Ich freue mich wahnsinnig“, sagt Eralp nach Abschluss des Parteitags vor den zahlreichen Fernsehkameras. „Das ist ein historischer Tag.“

Nach dem deutlichen Votum der Linken werden die Koalitionsverhandlungen schon am Montag beginnen. Allerdings nicht mehr im Haus der Statistik, wo zuvor die Sondierungen stattgefunden haben, sondern im Berliner Abgeordnetenhaus.

Schon am Dienstag steht die Linke dann vor der nächsten Herausforderung. Dann geht es in der Fraktionssitzung um die Frage, wie es weitergeht mit Vanessa Emde – der Abgeordneten, die beim Parteitag der Linken am Samstag vor dem Dong-Xuan-Haus gegen die eigene Partei demonstriert.

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15 Kommentare

  • ja wirklich?

    Frau Emde wirkt wie eine religiös fanatisch bis verbendete Politikerin, die ihr Klientel offenbar gefunden hat. Liebe Linke, Berlin braucht Euch. Palästina eher nicht. Wer immer Politik für Palästina machen möchte, möge dies bitte nicht paternalistisch aneignend von Berlin aus machen. Politik für Palästina gehört nach Israel, in den Libanon, nach Nahost. Es ist unglaublich, wie hier ein politisches Votum der WÄhler:innen in Berlin für Schaufensterpolitik verspielt wird von Frau Emde und denen, die wie sie agieren..

  • Benzo

    "Gewählt für Palästina. Verraten für den Senat"

    Klärt mich bitte auf: inwieweit ist der israelisch-palästinensische Konflikt eine Aufgabe für die Berliner Landespolitik oder für Elif Eralp?

    • Abdurchdiemitte

      @Benzo:

      Ich denke, Sie haben Ihre Frage falsch adressiert.



      Sie hätten besser die innerlinken Gegner einer rot-grün-roten Berliner Koalition fragen sollen, z.B. Frau Emde.



      Ich selbst vermute, die Antwort würde lauten: weil das Eintreten für die Rechte der Palästinenser nicht zugunsten einer (nur vagen) Option auf eine sozialökologische Politikwende geopfert werden darf.



      Palästina-Solidarität hat mit Landespolitik natürlich nichts zu tun, kann insofern also auch nicht Gegenstand von Koalitionsverhandlungen auf Landesebene sein - das muss auf Bundesebene ausgehandelt werden, sofern Die Linke je eine Chance bekommt, in der Bundespolitik mitzumischen. Ob das passiert, das haben die Genoss*innen im wesentlichen in der eigenen Hand (Springer & Co. werden dabei natürlich auch ein ‚Wörtchen‘ mitzureden haben😣).



      Meine Gegenfrage an die Palästinasolidarischen vor dem Berliner Parteitag der Linken wäre also: geht es euch nur ums Prinzip oder auch darum, in der Sache weiter zu kommen?



      Fundamentalopposition bei uns schützt jedenfalls keinen Palästinenser vor Siedlerterror, gibt keinem palästinensischem Kind die Chance zu überleben oder eröffnet eine Perspektive zur Überwindung des Nahostkonflikts.

      • rero

        @Abdurchdiemitte:

        Es war die Linke als Partei, die dieses Thema ohne Not auf die Wahlkampfagenda ganz oben platziert hat.

        Neben Vergesellschaftung.

        Da ist die Frage schon ganz richtig adressiert.

        Ist ja nicht so, dass Elif Eralp mit ihrem Wahlkampf nun nichts zu tun gehabt hätte.

        Und der Umgang mit diesem Thema muss Teil der Koalitionsverhandlungen sein, weil sonst absehbar ist, dass die Koalition darüber strauchelt.

        Da muss vorher Vertrauen geschaffen worden sein, wie man im Fall A, Fall B, etc. als Regierung reagiert.

        Da wird aber man einen Konsens gefunden haben.

  • ja wirklich?

    Liebe Linke, besinnt Euch auf Berlin und auf die konkreten. alltäglich spürbaren Verbesserungen des Lebens für die Mindestlöhner, die abhängig Beschäftigten, die Schüler - und lasst die Palästinenser-Politik den Oalästinensern. In Belrin wird kein Stellvertreter -Kampf für Palästina geführt. Das ist ein Irrtum. Die Menschen, die sich wirklich für Palästina einsetzen wollen, sollen dorthin gehen. Nicht hier für 5 TSD im Monat große Sprüche für Palästinenser raushauen - das ist billig.

    • rero

      @ja wirklich?:

      "In Berlin wird kein Stellvertreter -Kampf für Palästina geführt."

      Würde ich nicht so unterschreiben.

      Da ist noch viel Musik in dem Thema.

  • Querbeet

    Lächerlich, dass eine Kommunalwahl das Thema Palästina Top 1 rated.



    Die Stadt Berlin hat damit genau garnichts zu schaffen. Und doch bekämpft man sich im Linken Lager zu diesem Thema bis aufs Blut.

  • Wunderwelt

    Elif Eralp: „Mir wird vorgeworfen, ich könne Berlin nicht schützen, weil ich mich um meine Sicherheit sorge“, sagt Eralp und macht deutlich, was sie von der Kritik hält. „Ich sehe das anders. Gerade weil ich verschiedene Sorgen verstehe, werde ich genau das tun.“







    Chapeau.!! Das nennt man: MUT.







    ..und davon könnten sich all die *Grabenkrieger* und *Heckenschützen* aus anderen politischen Spektren gerne mal eine dicke Scheibe abschneiden.







    Mit Elif Eralp könnte ein anderer, weil menschlicherer Stil in die Politik einziehen..und das nicht nur in Berlin.







    Ich wünsche den Koalitionären gutes gelingen..und zwar im Sinne aller Menschen in diesem Lande..auch denen die das bislang (noch) nicht verstehen.

    • Abdurchdiemitte

      @Wunderwelt:

      Anschließe mich.

  • Perkele

    Würde sich unsere Regierung nicht feige hinter der sog. "Staatsraison" in Sachen Israel verstecken, sondern ehrlich, sachlich und "werteorientiert" diesem Problem entgegentreten - es wäre eine Entlastung für uns alle und auch für die betroffenen Menschen im WJL oder Gaza. Hier bei uns wäre vielen Hitzköpfen der Wind aus den Segeln genommen, dem Antisemitismus wäre sehr viel besser zu begegnen.. Es geht - wenn man das will, doch will die Regierung??

    • rero

      @Perkele:

      Diese Staatsraison zu verteidigen, ist gerade definitiv alles andere als feige.

      Wenn Sie es negativ framen wollen, biete sich "stur", "starrsinnig" oder ähnliches an.

      "Feige" passt bei dem Gegenwind nun gewiss nicht.

      Ob damit den "Hitzköpfen" der Wind aus den Segeln genommen wäre oder sie dadurch Auftrieb bekommen, ist noch die Frage.

      • Perkele

        @rero:

        Dem kann ich folgen, es ist nachvollziehbar. Wenn ich in dem Kontext "feige" schreibe, dann meine ich das Auftreten gegenüber Netanjahu und seinen Spießgesellen. Hier bleibe ich bei der Einordnung, denn Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverletzungen etc denen gegenüber nicht beim Namen zu nennen aus Gründen der "Staatsraison", das ist feige und unehrlich. Dass wir Deutsche einen besonderen Grund haben Israel zu verteidigen, das bestreite ich mitnichten. Aber sehr wohl halte ich es für deutlich besser ehrlich zu sein, als zu "katzbuckeln". Letztendlich schadet die Regierung Netanjahu seinen Landsleuten und der jüdischen Diaspora mit seinen Unmöglichkeiten erheblich. Das unterstützen wir indirekt mit plaumenweichen Statements - unter "Freunden" muss man sich offen und ehrlich die Meinung sagen können. Eigentlich....

      • Zangler

        @rero:

        Welcher Gegenwind denn? Die Regierungsparteien nutzen den Rückenwind der Springer-Presse doch knallhart aus, um gegen die Linken zu schiessen mit ihrem angeblichen Antisemitismusproblem. Auch, um Trump & Co. nicht zu verärgern und von der eigenen Offenheit nach ganz rechts aussen abzulenken.

        • rero

          @Zangler:

          Es soll eine Welt jenseits von Springer geben.

          Bereits der Gegenwind auf EU-Ebene war durchaus beträchtlich.

          Auch innerhalb Deutschlands standen die Medien nicht alle hinter der Merzschen Staatsraisonauslegung.

  • Stavros

    Etwas heftiger, aber die Vorwürfe gegen Eralp und Linke erinnern an das mimimi der Baden-Württemberger CDU, als sie Özdemir einen unfairen Wahlkampf vorwarf.

    Eigentlich liegt der Fall klar: Die Linke hat gewonnen und dafür gibt es auch Gründe - welch Wunder, die Berliner Wählerinnen und Wähler hatten genug von der Untätigkeit der Schwarzen und der Roten in der Mietenpolitik.

    So läuft Demokratie. Und wenn die Linke "das gute Leben für Alle" in der Stadt, in der es dafür parlamentarische Mehrheiten gibt, ins Zentrum ihrer Politik rückt, wird sie erfolgreich sein.

    Ideologie und Grundsatzdebatten kann man nicht essen.

    Und, so schmerzhaft es ist: Das gilt auch für Sachsen-Anhalt.