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OscarverleihungKollektive Vorsicht

Kommentar von

Jenni Zylka

Von Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen war bei den Oscars fast nichts zu spüren. Die Filmbranche verspielt ihre wichtigste Aufgabe.

Eher nicht so politisch in diesem Jahr: Die Oscar Verleihung blieb auffällig zahm in diesem Jahr Foto: John Locher/AP/dpa

D ie so hitzige wie leidige Diskussion darüber, ob Filme politisch sind, kommt einem angesichts der Situation in der US-Filmbranche vor wie eine Wellnessbehandlung im Massagestuhl. Besser noch in einem jener vibrierenden „D-Box-Motion-Seats“, mit denen Cineplexe seit einiger Zeit ihre Kinosessel austauschen. Denn bei der Oscarverleihung wurde vor allem eines klar: Es geht nicht darum, wie politisch Filme sind, sondern darum, wie politisch sie und ihre Ma­che­r:in­nen sein dürfen.

Bei der Vergabe der wichtigsten US-Filmpreise herrschte jedenfalls kollektive Vorsicht: Zwar wurde hie und da vage von „Rückgrat“ (Barbra Streisand über Robert Redford) oder der Verantwortung gegenüber Kindern (Mehrfach-Gewinner Paul Thomas Anderson) gemunkelt. Durch eine Betroffene, die Mutter eines bei einem Schulamoklauf getöteten Kindes, äußerte sich das Team des ausgezeichneten Kurz-Dokumentarfilms „All the Empty Rooms“ gegen Waffengewalt.

Zudem brachten einige Nicht-Amerikaner:innen, Gewinner wie David Borenstein („Ein Nobody gegen Putin“) und Laudator Jimmy Kimmel, unmissverständliche Bonmots unter. „Manche Länder erlauben es nicht, die Wahrheit zu sagen“, witzelte Kimmel in Bezug auf US-Medienkonzerne, die zunehmend politische Talkshows absetzen und zensieren: „Ich darf nicht sagen welche, belassen wir es bei Nordkorea und CBS.“

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Aber es hätte Platz, vor allem Notwendigkeit für viel mehr gegeben. Denn natürlich ist es wunderbar, wie augenfällig Filme wie „One Battle After Another“ (Paul Thomas Anderson) und „Blood & Sinners“ (Ryan Coogler) die Entwicklung des Landes zu einem von weißen männlichen Eliten gesteuerten, unbarmherzigen „Rat Race“ kommentieren und seinen strukturellen Rassismus historisch einfangen.

Doch wenn die Filmbranche die Möglichkeiten nicht wahrnimmt, die sie auch außerhalb der – trotz Luxussessel immer seltener besuchten – Kinosäle hat, verspielt sie ihre wichtigste Aufgabe: Das Kino mit seinen inhärenten Preisen ist ein Ort, an dem diskutiert, schockiert, geliebt, verstanden, vergeben werden darf. Wichtig ist nur, den Diskurs hör- und sichtbar zu führen. Was später hinter verschlossenen Kodak-Theatre-Türen gesagt wird, stört keinen kleinen Geist.

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