Onlinetools für politische Bildung: Klicken, bis die Wahl kommt
Der Wahl-O-Mat zur Berlin-Wahl ist am Montag online gegangen – nur leider ohne Übersetzung. Besser macht es der „Party Check“ der Uni Potsdam.
Foto: Jens Kalaene/dpa
Welche Partei würde Steffen Krach wählen? Die Antwort des Wahl-O-Maten ist eindeutig. „98,9 Prozent SPD“, verkündet der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten freudig und schiebt erklärend hinterher: „Man muss ja nicht immer hundert Prozent mit seiner Partei einer Meinung sein.“
Zum offiziellen Start des Wahl-O-Maten am Montag hatte die Landeszentrale für politische Bildung sämtliche Spitzenkandidaten eingeladen, um das Tool zu testen. Bis auf Stefan Evers, der sich durch Berlins CDU-Generalsekretär Lukas Krieger vertreten ließ, sind alle der Einladung gefolgt.
Der Wahl-O-Mat ist als niedrigschwellige Entscheidungshilfe für Landtags- und Bundestagswahlen fest etabliert. Die anstehende Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September ist da keine Ausnahme. Nutzer:innen können ihre Zustimmung zu 38 Thesen aus verschiedenen Themenbereichen angeben. Am Ende errechnet die Anwendung, mit welcher Partei sie am meisten übereinstimmen.
Melike Cina, Projektleiterin
„Es ist ein sehr massentaugliches Tool“, sagt Projektleiterin Melike Cina. Bei der Berlin-Wahl 2021 habe es über eine Million Nutzungsanfragen gegeben. Das Erfolgsrezept des Wahl-O-Maten sei, die Wahlprogramme der Parteien auf ihre Unterschiede zu reduzieren und die Positionen spielerisch zu vermitteln. „Ganz einfach gesagt: Er macht Spaß“, sagt Cina. Das wisse man aus Evaluationen des Tools.
Entstanden sind die Thesen in einem dreitägigen Workshop mit 20 Berliner Jugendlichen aus allen Stadtteilen. Unterstützt wurden sie von Expert:innen und der Uni Düsseldorf. Ausschlaggebend für das Ergebnis sind die Stellungnahmen der einzelnen Parteien. Neben den Antwortoptionen „Stimme zu / Neutral / Stimme nicht zu“ konnten die Parteien zu jeder Frage einen kleinen Erklärungstext mitschicken.
Nicht alle Themen abgedeckt
Die Erfahrung, dass bei aller Niedrigschwelligkeit auch etwas Komplexität verloren geht, musste auch der Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf machen. „Die Frage nach der Grundwasserversorgung Berlins ist gar nicht vorgekommen, das finde ich ein bisschen schade.“ Wegen des Endes des Braunkohletagebaus in der Lausitz müsse sich Berlin in den kommenden fünf Jahren dringend Gedanken machen, wie ausreichend Grundwasser gewonnen werden kann. Ein Problem, das im Wahlkampf bislang kaum Thema sei.
Auch eine weitere Schwachstelle des Wahl-O-Maten wurde dieses Jahr nicht behoben: Eine englische oder türkische Übersetzung fehlt, ebenso eine Version in leichter Sprache. „Wenn die Thesen übersetzt werden, verändert sich auch ihre Konnotation“, erklärt Cina. Dadurch würde sich auch das Antwortverhalten der Nutzer:innen verändern. Auch könnten die Erklärtexte der Parteien nicht einfach ohne Genehmigung der Parteien übersetzt werden. Zeit für eine weitere Rückkopplungsrunde gebe es nicht.
Allerdings gibt es mittlerweile eine ganze Reihe ergänzender Angebote, die unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte setzen oder andere methodische Herangehensweisen verfolgen. Der schon vor einigen Wochen online gegangene „Sozial-O-Mat“ der Diakonie fokussiert sich auf soziale Fragestellungen. Und der „Real-O-Mat“ des Vereins Frag den Staat nutzt statt der Selbsteinschätzung das Abstimmungsverhalten der Parteien als Grundlage für die Antworten.
Wahl-O-Mat für Erststimme
Den „Party-Check“, ein Projekt der Uni Potsdam, gibt es auch auf Englisch und Türkisch. Hier basieren die Antworten ebenfalls nicht auf den Selbstangaben der Parteien, sondern auf der Einschätzung von Politikwissenschaftler:innen.
Der „Kandidierendencheck“ des Portals Abgeordnetenwatch wiederum will ein Wahl-O-Mat für die Erststimme sein. Nach Angabe der Postleitzahl lassen sich hier die Positionen der Direktkandidaten unter die Lupe nehmen. Doch der Verein klagt unter mangelnder Mitwirkung: Nur 70 Prozent der Kandidierenden hätten bisher Stellung bezogen, teilt Abgeordnetenwatch am Montag mit. Besonders faul sei die CDU: Nur 45 Prozent der Direktkandidaten hätten sich bislang positioniert.
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