Online-Eröffnungsrede der Wiener Festwochen: Dieser Wahnsinn muss aufhören

Wir dokumentieren die Rede von Kay Sara, notiert von Milo Rau, mit der die Wiener Festwochen starten. Wegen Corona gibt es das Kunstfestival nur im Netz.

Eine indigene Frau steht nachts vor einem Fabrikgelände.

Die Indigene Kay Sara bei den Proben zu „Antigone im Ama­zonas“ Foto: Armin Smailovic

Diese Rede beginnt mit vielen Konjunktiven. Heute hätte ich auf der Bühne des Burgtheaters stehen und die Wiener Festwochen eröffnen sollen. Ich wäre die erste Indigene gewesen, die jemals eine Rede in diesem Theater gehalten hätte, dem größten und reichsten Theater der Welt, wie man mir gesagt hat. Ich hätte mit einem Zitat aus einem europäischen Klassiker, der „Antigone“ des Sophokles, begonnen: „Vieles ist ungeheuer. Aber nichts ist ungeheurer als der Mensch.“

Denn ich wäre direkt von unseren Proben im Amazonas zu Ihnen gekommen, einer europäisch-brasilianischen Neuinszenierung der „Antigone“. Ich hätte Antigone gespielt, die sich gegen den Herrscher Kreon auflehnt, der ihren Bruder nicht beerdigen will, weil er als Staatsfeind gilt. Der Chor hätte aus Überlebenden eines Massakers der brasilianischen Regierung an Landlosen bestanden.

Wir hätten diese neue „Antigone“ auf einer besetzten Straße durch den Amazonas aufgeführt – jenen Wäldern, die in Flammen stehen. Es wäre kein Theaterstück gewesen, sondern eine Aktion. Kein Akt der Kunst, sondern ein Akt des Widerstands: gegen jene Staatsmacht, die den Amazonas zerstört.

Doch das alles ist nicht geschehen. Die Straße durch den Amazonas wurde nicht besetzt, ich habe nicht die Antigone gespielt. Wir sind alle wieder verstreut über den Globus, und wir sehen uns nur noch auf Bildschirmen – wie jetzt.

Eine Tochter des Donnergottes

Meine europäischen Freunde haben mich gefragt, wie es mir geht. Mir geht es gut. Ich befinde mich im Wald bei meinem Volk, ganz im Norden Brasiliens, am Ufer des Flusses Oiapoque. Die Natur umgibt mich, sie beschützt und nährt mich. Ich lebe im Rhythmus des Gesangs der Vögel und des Regens, und ich führe die Rituale aus, die mich in Kontakt zu meinen Vorfahren bringen. Zum ersten Mal seit 500 Jahren sind Europa und Amerika wieder voneinander getrennt.

Zur Eröffnungsrede

Die hier abgedruckte Rede der indigenen Schauspielerin und Aktivistin Kay Sara hätte an diesem Samstag im Burgtheater die Wiener Festwochen eröffnen sollen. Doch Corona entschied anders, und Kay Sara schickt ihre Rede per Video aus Amazonien – zum ersten Mal online ausgestrahlt am Samstag, 16. Mai, ab 18 Uhr unter www.ntgent.be/en/. Aber Kay Sara eröffnet damit nicht nur die Wiener Festwochen, sondern auch die erste Folge des von Milo Rau, der Akademie der Künste, dem NTGent und der Kulturstiftung des Bundes initiierten Debatten-Livestreams „School of Resistance“. Der zweiwöchentliche Online-Thinktank bietet eine Plattform für Expert*innen des Wandels, für eine Welt jenseits von Ausbeutung und Unterdrückung: Künstler*innen, Aktivist*innen, Politiker*innen und Philosoph*innen aus der ganzen Welt.

Kay Sara

ist im brasilianischen Bundesstaat Amazonas aufgewachsen und setzt sich für eine angemessene Vertretung der indigenen Bevölkerung sowie den Schutz ihrer Umwelt ein. Sie wird die Rolle der Antigone spielen in Milo Raus Inszenierung von Sophokles’ „Antigone im Amazonas“.

Ich gehöre zum 3. Clan des Volks der Tariano, des Clans des Donners. Ich bin eine Tochter des Donnergottes, eine Königstochter, wie Antigone. Früher, erzählt der Mythos, waren wir Tariano Menschen aus Stein. Aber in der Moderne nahmen wir einen menschlichen Körper an, damit wir mit den Menschen, die zu uns kamen, kommunizieren konnten.

Meine Mutter, eine Tucana, gab mir den Namen Kay Sara. Das bedeutet: „Die sich um andere sorgt“. Von väterlicher Seite bin ich also eine Tariana. Aber ich spreche in meiner Muttersprache zu ihnen, dem Tucano. Wie jeder bin ich eine Mischung aus vielem: ich bin Tucana und Tariana, eine Frau, eine Aktivistin, eine Künstlerin. Ich spreche als all das zu ihnen.

Wir Tucano werden Indianer genannt. Aber ich bestehe darauf, dass wir Indigene genannt werden. Denn indigen heißt: einheimisch. Ich bin Schauspielerin geworden, damit ich von uns, den Indigenen, erzählen kann. Lange Zeit wurde unsere Geschichte mit den Worten von Nicht-Indigenen erzählt. Nun ist es an der Zeit, dass wir selbst unsere Geschichte erzählen.

Unser Unglück begann, als die Spanier und Portugiesen in unser Land kamen. Zuerst kamen die Soldaten, dann kamen die Geistlichen. Mit den Europäern kamen die Krankheiten zu uns. Millionen starben. Weitere Millionen starben von der Hand der Soldaten und der Geistlichen, im Namen des einen Gottes und der einen Zivilisation, im Namen des Fortschritts und des Gewinns.

Heute sind nur noch wenige von uns übrig

Einige verließen die Wälder, um auf den Feldern zu arbeiten. Aber am Ende der Arbeit tötete man sie, um sie nicht zu bezahlen. Heute sind nur noch wenige von uns übrig. Ich bin eine der Letzten der Turiano. Und vor einigen Wochen also kam die nächste Krankheit aus Europa zu uns: Corona. Vielleicht haben Sie davon gehört, dass in Manaus, der Hauptstadt des Amazonas, die Krankheit besonders schrecklich wütet. Es ist keine Zeit mehr für richtige Beerdigungen. Menschen liegen in Massengräbern, Traktoren schütten sie zu. Andere liegen in den Straßen, unbeerdigt wie Antigones Bruder.

Die Weißen nutzen das Chaos, um noch tiefer in die Wälder einzudringen. Die Feuer werden nicht mehr gelöscht. Von wem auch? Wer den Holzfällern in die Hände fällt, wird ermordet. Und was hat Bolsonaro getan? Das, was er immer getan hat: Er schüttelt die Hände seiner Unterstützer und verspottet die Toten. Er hat seine Mitarbeiter beauftragt, die indigenen Völker zu benachrichtigen, dass eine Krankheit ausgebrochen sei. Das ist ein Aufruf zum Mord an uns. Bolsonaro will den Genozid an den Indigenen, der seit 500 Jahren anhält, zu Ende bringen.

Drei indigene brasianische Frauen und ein Mann stehen im Urwald.

Proben zu „Antigone im Amazonas“, Kay Sara ist die zweite von rechts Foto: Armin Smailovic

Ich weiß: Ihr seid Reden wie diese gewohnt. Wenn es schon zu spät ist, kommt immer eine Seherin oder ein Seher zu euch. Wenn in den griechischen Tragödien Kassandra oder Teiresias auftreten, dann weiß man, dass das Unglück bereits seinen Lauf genommen hat. Denn ihr hört uns gern singen, aber ihr hört uns nicht gern reden. Und wenn ihr uns zuhört, dann versteht ihr uns nicht. Das Problem ist nicht, dass ihr nicht wisst, dass unsere Wälder brennen und unsere Völker sterben. Das Problem ist, dass ihr euch an dieses Wissen gewöhnt habt.

Ich sage euch also, was ihr alle wisst: Vor einigen Jahren trockneten die Nebenflüsse des Amazonas zum ersten Mal seit Menschengedenken aus. In zehn Jahren wird das Ökosystem des Amazonas kippen, wenn wir nicht sofort handeln. Das Herz dieses Planeten wird aufhören zu schlagen. Das sagen unsere und das sagen eure Wissenschaftler, und vielleicht ist es das Einzige, worin sie sich einig sind. Wir werden untergehen, wenn wir nicht handeln.

Weniger rauben, weniger töten

Man hat uns in den letzten Wochen viele Pamphlete geschickt, unterzeichnet von Berühmtheiten. Weniger fliegen wollt ihr, weniger rauben, weniger töten. Aber wie könnt ihr glauben, dass euch nach 500 Jahren der Kolonisierung, nach Tausenden Jahren der Unterjochung der Welt ein Gedanke kommen kann, der nicht nur weitere Zerstörung bringt?

Wenn ihr in euch hineinhört, dann findet ihr nur euer schlechtes Gewissen. Und wenn ihr durch die Welt reist, findet ihr nur den Schmutz, mit dem ihr sie besudelt habt. Es gibt nichts, wozu ihr zurückkehren könnt. Ich fürchte mich nicht um mich, ich fürchte mich um euch.

Es geht nicht mehr um Theater. Unsere Tragödie findet hier und jetzt statt, vor unseren Augen

Es ist für euch also Zeit zu schweigen. Es ist Zeit, zuzuhören. Ihr braucht uns, die Gefangenen eurer Welt, um euch selbst zu verstehen. Denn die Sache ist so einfach: Es gibt keinen Gewinn in dieser Welt, es gibt nur das Leben. Und deshalb ist es gut, dass ich nicht auf der Bühne des Burgtheaters stehe. Dass ich nicht als Schauspielerin zu euch spreche. Denn es geht nicht mehr um Kunst, es geht nicht mehr um Theater. Unsere Tragödie findet hier und jetzt statt, in der Welt, vor unseren Augen.

Und vielleicht ist es das, was mich am meisten beunruhigt, wenn ich Kreon sprechen höre: Er weiß, dass er im Unrecht ist. Er weiß, dass das, was er tut, nicht richtig ist. Dass es falsch ist, in jeder Hinsicht. Dass es seinen Untergang bringen wird, den Untergang seiner Familie, die Apokalypse. Und trotzdem tut er es. Er kritisiert sich selbst, er hasst sich selbst, aber er fährt fort, zu tun, was er hasst.

Dieser Wahnsinn muss aufhören. Hören wir auf, wie Kreon zu sein. Seien wir wie Antigone. Denn wenn Rechtlosigkeit Gesetz wird, wird Widerstand zur Pflicht. Lasst uns gemeinsam Widerstand leisten, lasst uns Menschen sein. Jeder in seiner Art und an seinem Ort, vereint durch unsere Unterschiedlichkeit und unsere Liebe zum Leben, das uns alle vereint.

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