Omas gegen Rechts in Berlin: „Manche Jugendliche fangen an zu weinen“
Die Berliner Omas gegen Rechts gehen in Schulen, um Erstwähler zum Wählen zu animieren. Die Gespräche seien oft emotional, berichten zwei Aktivistinnen.
taz: Frau Gray, Frau Zepp, wie blicken Sie als Omas gegen Rechts auf die bevorstehende Abgeordnetenhauswahl im September?
Marianne Zepp: Zunächst: Wir legen sehr viel Wert darauf, dass wir parteiunabhängig sind. Wir haben die Aussagen der Parteien nebeneinander gestellt und gucken uns genau an, wie sich die Parteien zu den entscheidenden Fragen positionieren.
74, ist Historikerin und war bei der Böll-Stiftung Leiterin des Referats Zeitgeschichte; seit 2023 ist sie bei den Omas gegen Rechts aktiv in der Stadtteilgruppe Kreuz-Kölln.
taz: Was sind die entscheidenden Fragen?
Zepp: Wir haben Schwerpunkte in feministischer Politik und uns sehr intensiv mit Mietenpolitik beschäftigt. Vor allem haben wir uns angeguckt, welche Pläne die AfD in diese Richtung hat. Zudem haben wir eine AG Frieden und sind sehr stark im Bildungsbereich unterwegs.
71, ist emeritierte Professorin für Gender Studies und Frauenrechte in Nordafrika. Seit 2020 ist sie bei den Omas gegen Rechts sowohl in der berlinweiten Gruppe, als auch in der vor kurzem gegründeten Ortsgruppe Treptow-Köpenick.
Doris Gray: Hier wenden wir uns sehr an Erstwähler und machen viele Veranstaltungen in Schulen.
taz: Warum dieser Fokus?
Gray: Weil die Erstwähler eine große Gruppe sind, zumal jetzt schon die 16-Jährigen wählen können. Wir wollen die Schüler und Schülerinnen bestärken, wählen zu gehen und ihnen klarmachen, wie wichtig ihre Stimme ist.
Zepp: Hinzu kommt, dass gerade junge Männer, aber auch überhaupt junge Wähler, zur AfD tendieren. Das hat uns aufgeschreckt. Wir haben in unserem Plenum über verschiedene Strategien gesprochen, wen wir als Vermittlerinnen ansprechen können – Sportvereine und Schulen zum Beispiel. Ich bin in Kreuzberg und Neukölln unterwegs, Doris in Treptow-Köpenick. Zuerst haben wir ein paar Veranstaltungen an Schulen gemacht, daraufhin kamen andere auf uns zu und haben gefragt, ob wir auch zu ihnen kommen.
Die Omas gegen Rechts verstehen sich als soziale Bewegung, die basisdemokratisch organisiert ist. Vor noch einem halben Jahr gab es zwischen 600 und 700 Aktive in Berlin, Mitte Juli 2026 schon an die 1.000, schätzt Marianne Zepp. Inzwischen gebe es 12 Stadtteilgruppen unterschiedlicher Größe: Marzahn-Hellersdorf etwa sei noch im Aufbau, zu fünft hätten sie angefangen, inzwischen seien es aber mehr. „Das erfordert natürlich auch ziemlichen Mut, sich in Marzahn auf die Straße zu stellen“, sagt Zepp. In Zehlendorf seien es bis zu 120 Omas, in Kreuz-Köln mittlerweile 80 bis 100.
Nächste Termine: Donnerstag, 16.07.2026 (jeden 3. Donnerstag im Monat), 17.00–18.30 Uhr: Protest gegen Querdenker:innen/Verschwörungsideolog:innen und Rechte Populist:innen, Treffpunkt: Mittelstreifen des Tempelhofer Damm, S Tempelhof.
Samstag, 18.07.2026, ab 14 Uhr: CSD in Brandenburg/Havel. Start am Hauptbahnhof Brandenburg/Havel.
Sonntag, 19.07.2026 (jeden Sonntag), 18.00–18.30 Uhr: Lichterkette für Demokratie, Toleranz und Vielfalt. Wo? Alt-Blankenburg 12A, an der Bushaltestelle zwischen AfD-Büro/Kirche.
Mittwoch, 22.07.2026, 18 Uhr: Lesung im Rahmen der Bibliothek der verbrannten Bücher. Potsdam, Bassinplatz/rote Telefonzelle.
Donnerstag, 23.07.2026, 15.00–17.00 Uhr: Fortbildung für die Omas gegen Rechts zur „aufsuchenden politischen Bildung“. Revaler Str. 2, Friedrichshain.
Samstag, 25.07.2026, 12.00 Uhr: CSD in Berlin. Start: Leipziger Str. zwischen Charlottenstraße/Axel-Springer Straße.
Kontakt: Die einzelnen Stadtteilgruppen, samt Kontaktmöglichkeiten, sind auf der Website einsehbar: omasgegenrechts.berlin – allgemeine Anfragen über: kontakt@omasgegenrechts.berlin
Gray: Leider scheuen sich viele Schulen, uns einzuladen wegen des „Neutralitätsgebots“. Wir haben uns daher ausführlich mit dem Berliner Schulgesetz und Hochschulgesetz auseinandergesetzt und festgestellt: „Neutralitätsgebot“ heißt nicht, die AfD gleichzubehandeln wie alle andern – sondern, dass die Schulen sich – per Gesetz – für den demokratischen Prozess einsetzen müssen.
Marianne Zepp, Oma gegen Rechts
Zepp: Mit den Schülern sprechen wir eigentlich auch nicht über die AfD, es geht um ganz grundsätzliche Sachen. Es kann uns also nicht vorgeworfen werden, dass wir in den Schulen irgendwie Anti-AfD agitieren.
taz: Was genau thematisieren Sie in Schulen?
Gray: Erst erzählen ein paar Omas aus ihrem Leben. Da kommt es auf die Altersgruppe an: Wenn sie eher Ende 80 sind, erzählen sie zum Beispiel, wie sie nach Kriegsende aus den Ostgebieten flüchten mussten. Oder wie sie in Trümmern gespielt und Ratten gesehen haben. Oder dass ihre Brüder aufs Gymnasium durften, sie aber nicht. Dass sie ihren Beruf nicht auswählen durften, die Brüder schon – solche persönlichen Geschichten. Dann fragen wir: Wie ist das für euch? Dann geben wir leere Kärtchen aus und bitten die Schüler: Schreibt mal eure Anliegen auf.
taz: Was kommt da so?
Gray: Gleichberechtigung ist immer das Erste. Auch Bundeswehr ist ein großes Thema, sie fühlen sich da wirklich alleine gelassen. Es gibt keine Beratung, das wird wenig oder gar nicht im Unterricht besprochen. Und viele haben Zukunftsängste. Das war früher anders: Mit 17 habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, kann ich Miete bezahlen oder kriege ich einen Ausbildungsplatz oder einen Studienplatz?
Zepp: Klima ist auch ein ganz großes Thema.
taz: Wie reagieren die Jugendlichen auf die Omas?
Gray: Manchmal sind die Gruppen ein bisschen zäh und trauen sich nicht so richtig. Manchmal bricht was aus ihnen raus. Zum Beispiel, wenn wir alte Frauen über den Aufbruch der 68er-Zeit reden – plötzlich gab es Rechte für sexuelle Selbstbestimmung – und wie froh wir sind, dass junge Menschen endlich ihr Leben selbst gestalten können. Da haben wir öfter erlebt, dass Jugendliche anfangen zu weinen und sagen, sie werden dazu eigentlich gar nicht gehört. Oder dass sie vorsichtig sind, wenn sie vielleicht trans sind oder lesbisch oder schwul. Wir sagen dann: Echt jetzt – ihr müsst vorsichtig sein, so was zu sagen – 2026?
taz: Kommen wir zur AfD – wo sehen Sie in Berlin deren Hotspots?
Gray: In Reinickendorf, Marzahn, Hellersdorf und Köpenick ist der größte Gegenwind. Wo wir auch meistens zusammen mit anderen Organisationen auftreten.
Zepp: Wir waren vor einem Jahr auch viel in Friedrichshain, als da diese rechten Aufmärsche waren von ziemlich gewaltbereiten Gruppen.
taz: Vor kurzem wurde eine Oma angegriffen. Passiert so etwas öfter?
Zepp: Tätliche Angriffe gibt es eher selten. Wir gehen kein Risiko ein und in der Regel nicht vereinzelt zu Demonstrationen oder zu diesen Hotspots. Und Sitzblockaden haben sich bei uns erübrigt …
Gray: … weil wir nicht mehr hochkommen. (lacht)
taz: Haben Sie bei den vielen Demos von rechter Seite nicht manchmal das Gefühl, an Ihre Kapazitätsgrenzen zu kommen?
Zepp: Eigentlich nicht – wir sind mittlerweile so viele. Ich sage immer scherzeshalber, wenn irgendwo nur zwei Rechtsradikale darüber nachdenken, sich zu versammeln, stehen ihnen drei Omas gegenüber. Wir haben ein großes Potenzial an Mobilisierungsfähigkeit. Wir sind die erste Nachkriegsgeneration, die in Frieden aufgewachsen ist, darum fühlen wir uns dem „Nie wieder!“ besonders verpflichtet.
Gray: Manchmal ist man schon mürbe. Sich immer von rechten Demonstranten oder auch Passanten anpflaumen zu lassen, macht wirklich keinen Spaß. Aber dann denke ich: Was würde ich stattdessen machen? Ich würde zu Hause sitzen und meine Blümchen gießen oder ein Buch lesen. Und diese Zeit jetzt ist so drängend, dass ich einfach etwas tun muss, es ist zu wichtig. Ich glaube, das geht vielen Frauen so, die zu den Omas kommen.
taz: Was ist für Sie persönlich die Motivation, sich bei den Omas zu engagieren?
Doris Gray, Omas gegen Rechts
Gray: Bei vielen ist das die persönliche Biografie. Mein Vater zum Beispiel war jüdischer Herkunft, seine Familie wurde im Holocaust ermordet, ich habe väterlicherseits keine Verwandten. Er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, was sich jetzt wieder in Deutschland abspielt. Er hatte immer Angst und hat uns gesagt: Das kann wiederkommen. Ich habe erwidert: Papa, du spinnst. Und jetzt bahnen sich doch wieder ähnliche Sachen an. Dann denkt man: Ist jetzt ganz egal, ob mich einer anpflaumt oder ob es zu heiß ist oder zu kalt – ich gehe jetzt raus. Das bin ich auch meinen Eltern schuldig.
taz: Sie haben erzählt, viele Omas sagen, diese Zeit ist so drängend, man muss doch was tun. Was genau meinen Sie?
Gray: Ich glaube, das Nationalvölkische ist für unsere Generation so ein Trigger. Wenn diese Karte gespielt wird, wie es die AfD macht, sagen wir: Das geht nicht. Das darf im deutschen öffentlichen Diskurs nicht wieder auftauchen.
taz: Glauben Sie, man kann Anhänger der AfD mit Argumenten überzeugen?
Gray: Wir haben am Anfang viel Wert darauf gelegt, mit rechtsorientierten Passanten und auch rechten Demonstranten zu diskutieren und Argumente zu bringen. Aber wir haben festgestellt: Das gibt nur Streit und beide Seiten gehen unbefriedigt aus dem Gespräch, das bringt gar nichts. Heute denken wir: Die Menschen haben ja häufig persönliche Anliegen, die sie dazu bringen, die AfD als Lösung zu sehen. Deswegen haben wir ein großes Schild, da steht drauf: „Lasst uns reden“. Damit stellen wir uns manchmal irgendwo hin.
taz: Und klappt das?
Gray: Dann kommen Menschen auf uns zu und erzählen uns ihre Lebensgeschichte, oder warum sie so einen Hass auf Ausländer haben oder auf Migranten oder den Staat, die Politik – was sie so bewegt. Wir hören zu, sagen dann vielleicht: Das sind natürlich ernsthafte Anliegen, die haben wir auch. Aber jetzt gucken wir mal, wo die Lösung ist. Die Lösung ist ja dann nicht in der völkischen, nationalen, radikalen extremistischen Partei.
taz: Das bringt was?
Gray: Wir haben den Eindruck, wenn die Menschen sich gehört, gesehen und vielleicht auch ein bisschen verstanden fühlen, bricht zumindest etwas auf. Nicht, dass die Leute jubelnd weggehen und sagen: Nie wieder AfD wählen oder die Omas sind klasse. Aber zumindest erkennen viele, dass wir keine „linksversifften Spinner“ sind, sondern vernünftige Frauen, mit denen man reden kann. Sie merken: Die haben ähnliche Anliegen wie wir und kommen aber zu einer anderen Schlussfolgerung. Ob das jetzt nun wirklich jemanden bewegt, anders zu wählen, wissen wir nicht. Aber es hat sich für uns als bessere Methode herausgestellt, als mit Rechten zu argumentieren.
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