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Olympia-Abstimmung in HamburgAuch eine Niederlage für Berlin

Kommentar von

Stefan Alberti

In Hamburg gibt es keine Mehrheit für eine Olympia-Bewerbung. Das beschädigt auch die Berliner Ambitionen auf die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044.

K eine Mehrheit für Olympische Spiele an der Alster 2036, 2040 oder 2044, Hamburg ist raus aus dem Bewerbungsrennen. Das Ergebnis fiel mit nur rund 45 Prozent „Ja“ zu 55 Prozent „Nein“ noch deutlicher aus als in einem früheren Anlauf 2015. Damals hatten sich rund 48 Prozent der Befragten für eine Bewerbung ausgesprochen und rund 52 Prozent dagegen. Also ein Konkurrent weniger für Berlin und damit größere Chancen? Im Gegenteil: Die klare Abstimmungsniederlage der Hamburger Olympiawerber schmälert auch Berlins Ambitionen.

Warum? Weil die Ablehnung in Hamburg dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) klarer denn je machen dürfte, dass Abstimmungsmehrheiten auch bei intensiver Vorbereitung keine sichere Sache sind. In Berlin droht aber anders als bei der Konkurrenz in München und im Ruhrgebiet noch ein ablehnender Volksentscheid – nach einer möglichen Entscheidung für die Hauptstadt.

Der DOSB will sich nach bisherigem Plan am 26. September bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung festlegen, mit welcher Stadt oder Region er sich beim Internationalen Olympischen Komitee um die Spiele bewirbt. Das ist sechs Tage nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Schon jetzt angelaufen ist aber die Stimmensammlung für ein Volksbegehren der Bewegung NOlympia, die eine Berliner Bewerbung mit einem ablehnenden Volksentscheid verhindern will.

Der wäre jedoch nach den gesetzlichen Fristen für ein Volksbegehren erst 2027 möglich, also weit nach einer möglichen Entscheidung des DOSB pro Berlin. Eine kurzfristig wie in Hamburg vom Landesparlament ansetzbare Abstimmung sieht die Berliner Verfassung nicht vor – was am Sonntag der Verein Mehr Demokratie kritisiert hat.

Olympia-Begeisterung nur bei Wohlhabenden?

Was die Teilnehmer der DOSB-Versammlung am 26. September stark am Rückhalt in Berlin zweifeln lassen dürfte, ist die regionale Stimmverteilung in Hamburg: Dort gab es nur in den wohlhabenden Stadtteilen eine Mehrheit für die Bewerbung. Wenn aber persönlicher Wohlstand ein bestimmender Faktor für das Wahlverhalten ist, dann kann eine Abstimmung im gegenüber Hamburg ärmeren Berlin nur noch deutlicher verloren gehen.

Berlins Olympia-Manager Kaweh Niroomand will versucht haben, die Sorgen der ausschlaggebenden Leute beim DOSB zu beruhigen. Er erzählte ihnen von mit hohen Erwartungen gestarteten, aber jüngst klar gescheiterten Volksbegehren wie etwa „Berlin autofrei“. „Und dann merken die, dass das Risiko wirklich sehr gering ist, die Bewerbung nachher wieder absagen zu müssen“, sagte er Anfang Mai im taz-Interview.

Berliner Zweckoptimismus

Das Konzept Auch nach der klaren Absage in Hamburg gehen die Vertreter der Berliner Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele nach eigenen Angaben mit großer Zuversicht in die letzte Etappe der nationalen Entscheidung. „Unser Konzept beruft sich auf Nachhaltigkeit, über Nutzung vorhandener Bauten“, sagte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) am Montag bei der Vorstellung des Konzeptes „Berlin +„ im Haus des Deutschen Sports im Olympiapark. „Es werden Spiele der kurzen Anfahrtswege. Morgens segeln in Rostock, abends Medaillenvergabe am Brandenburger Tor. Deshalb ist unser Konzept einzigartig und unterscheidet sich von NRW und Bayern.“

Die Konkurrenz Berlin bewirbt sich mit Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg um die nationale Zustimmung. Daneben liegen noch München und die Rhein-Ruhr-Region mit der Metropole Köln im Rennen um die Austragung der Spiele 2036, 2040 oder 2044.

Der Zeitplan Am Donnerstag muss das Konzept digital beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eingereicht werden. Auf der Mitgliederversammlung des DOSB am 26. September wird über den nationalen Vertreter entschieden. (dpa/taz)

Selbst wenn er recht hätte und der NOlympia-Widerstand letztlich keinen ausreichenden Rückhalt findet – will sich der DOSB dieses Restrisiko zumuten? Schon 2015 war es peinlich genug, nach der Hamburger Absage ohne Bewerber dazustehen. Zumal die Alternative zu Berlin ja weder Posemuckel noch Kleinkleckersdorf ist. Weniger mit der Rhein-Ruhr-Region, sehr wohl aber mit München, das mehrere Jahrzehnte mit dem Slogan „Weltstadt mit Herz“ für sich warb, ließe sich international durchaus punkten.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) versuchte zwar jüngst, Münchens internationale Strahlkraft auf die zweieinhalb Wochen des dortigen jährlichen Oktoberfests zu minimieren. Das aber dürfte ein Trugschluss sein, allein schon wegen der weltweiten Bekanntheit des führenden örtlichen Fußballvereins. Die Erinnerung an die Mehrfach-Europameisterschaften 2022 mit wunderschönen Bildern, unter anderem aus dem Olympiapark der Spiele von 1972, widerlegen Wegner zusätzlich.

Brisbane entkräftet Wegners Logik

Und ginge es nach seiner Logik, dass nur Berlin als Hauptstadt eine Olympia-Chance hat, dürfte es die Sommerspiele 2032 am vom IOC bestimmten Ort gar nicht geben. Die stehen nämlich in Brisbane an, weder Hauptstadt Australiens noch auf einer Höhe mit den weit bekannteren Metropolen Melbourne und Sydney.

Mag sein, dass Berlin den einen oder anderen DOSB-Entscheider mit der Idee der Medaillenvergabe am Brandenburger Tor beeindrucken kann, das in einer Vermarktungsliga für sich schwebt. Aber München produzierte bei den genannten Europameisterschaften 2022 mit Beachvolleyball am Königsplatz und einem legendären Marathon-Finish am Hofgarten gleichfalls ikonische Bilder vor historischer Kulisse.

Dort hatte es bei einem Bürgerentscheid schon im Oktober einen Zwei-Drittel-Rückhalt für eine Olympia-Bewerbung gegeben. Das gekoppelt mit der durchaus vorhandenen Strahlkraft Münchens plus dem für Sportfans schockierenden Hamburger Ergebnis dürften am 26. September klar gegen Berlin sprechen.

Wer München Böses will, könnte sagen, der DOSB kalkuliere dann: „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“. Doch falls der Vergleich überhaupt stimmt, dann ist dieser Spatz zwar klein, aber fein – während bei der Berliner Taube unklar bleibt, ob sie überhaupt fliegen kann.

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Stefan Alberti Redakteur für Berliner Landespolitik

Jahrgang 1967. Seit 2002 mit dreieinhalb Jahren Elternzeitunterbrechung bei der taz Berlin. Schwerpunkte: Abgeordnetenhaus, CDU, Grüne.
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