Özil kritisiert Uiguren-Unterdrückung: Ein kurioses Statement

Der Arsenal-Profi Mesut Özils macht wieder einmal Politik: Er springt den Uiguren bei und verprellt China. Mutig oder wohlfeil?

Ein pro-uigurischer Demonstrant hält ein Plakat mit Özil hoch

Ausgerüstet mit Nike und Özil-Plakat: ein pro-uigurischer Demonstrant in der Türkei dankt dem Kicker Foto: reuters/Kemal Aslan

Die Worte sind so voll Pathos, dass man fast annehmen muss, Mesut Özil habe zwischenzeitlich einen mittelklassigen Dichter-Workshop besucht. „Oh Ostturkestan // die blutende Wunde der Umma // wehrt sich gegen die Verfolger // die versuchen, sie von ihrer Religion zu trennen.“ Mit diesen Worten beginnt das (türkischsprachige) Instagram-Statement des Arsenal-Kickers, mit dem er sich gegen die Verfolgung der Uiguren in China ausspricht. Arsenal reagierte prompt und distanziert sich eilfertig. „Als Fußballklub hat sich Arsenal immer an den Grundsatz gehalten, sich nicht politisch zu engagieren.“ Bei den eher linken und Europa-bezogenen politischen Tweets des Özil-Kollegen Hector Bellerin aber gab es solchen Distanzierungsdrang nicht. Der Konflikt ist auf vielen Ebenen spannend.

Zunächst: Mesut Özil und das Statement. „Wissen sie nicht, dass es abscheulich ist, vor Verfolgung die Augen zu verschließen?“, so kritisiert der Profi das weitgehende Schweigen der muslimischen Welt gegenüber dem „Leiden unserer gefolterten Brüder“. Für den Erdoğan-Freund, der auf seiner Hochzeit einen Autokraten zum Trauzeugen machte, einen völkischen Song spielen ließ und mit der Verfolgung Andersdenkender oder ethnischer Minderheiten in der Türkei öffentlich nie ein Problem hatte, ein kurioses Statement. Özil geht es wenig um allgemeine Menschenrechte. Er beklagt vor allem, dass Korane verbrannt und Moscheen und religiöse Schulen geschlossen werden, und der nationalistische Begriff „Ostturkestan“ dürfte auch Erdoğan gefallen haben.

Im Zuge der auch rassistisch geführten Debatte um das Erdoğan-Foto wurde der Ex-Nationalspieler gern als dummer Junge entschuldigt, mit dem Klischee des etwas naiven, aber im Grunde unpolitischen Fußballers. Dieses Bild hat sich überholt: Wer so schreibt oder schreiben lässt, ist ein religiöser Nationalist. Oder hat zumindest kein Problem damit, sich zu Markenzwecken als solcher zu inszenieren.

Mindestens genauso interessant ist die demütige Reaktion von Arsenal, das ersichtlich um seine chinesischen Sponsoren, Restaurants und den lukrativen TV-Deal der Premier League bangt. Je enger die Verflechtungen auch des Fußballs in China werden, desto häufiger dürften Klubs sich in vorauseilendem Gehorsam vor den Wünschen der Einheitspartei in den Staub werfen. Kapitalistisch-hierarchischer Fußball und kapitalistisch-autoritäre Partei, da wächst zusammen, was zusammengehört. Vielsagend auch, dass kein einziger Verein auf China-Reise die Lage der Uiguren kritisierte, sondern es dazu der panislamischen Gefühle Mesut Özils bedurfte. Das aber macht sein Statement selbst nicht unwichtiger.

Die Arsenal-Übertragung wurde gestrichen

Und zuletzt: China. Zu Recht wird auf die wachsende Abhängigkeit des Fußballs von China hingewiesen. Es besteht aber auch eine umgekehrte Abhängigkeit. 56 Prozent aller chinesischen Fans sollen AnhängerInnen eines Premier-League-Klubs sein. Das hat die chinesische Regierung nicht von Zensur abgehalten: Die Arsenal-Übertragung am Sonntag wurde gestrichen, weil Özils „falsche Kommentare“ die chinesischen Fans „enttäuscht“ hätten. Der Fußball muss in Sachen Meinungsfreiheit dringend einen selbstbewussteren Umgang finden. Das allerdings ist unwahrscheinlich: Der Konflikt heißt nicht Demokratie gegen Diktatur, sondern Klub-Kapitalismus gegen kapitalistische Diktatur. Da hat die Diktatur einen entscheidenden Vorteil: Ihr können kurzfristige Verluste egal sein. Das wissen China und Erdoğan-Freund Özil. Dem Fußball bleibt nur das Geld.

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Jahrgang 1991, macht für die taz seit 2015 Sport, und das vor allem in Berlin. Wenn sie nicht gerade im Stadion sitzt, schreibt sie auch fürs Reise-Ressort.

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