Mesut Özil un der FC Arsenal: Show eines Verbannten

Nach seiner Streichung aus dem Kader des FC Arsenal mobilisiert Mesut Özil seine Fans. Die vermuten auch politische Motive für seine Ausbootung.

Mesut Özil in Trainingsjacke im Flutlicht

Ist raus: Mesut Özil darf nicht mehr bei den Großen mitspielen Foto: Zuma Press/imago

Der FC Arsenal hat sein erstes Gruppenspiel in der Europa League gewonnen. Bemerkenswert oder gar gut war wenig an dem 2:1-Erfolg bei Rapid Wien. Und doch hat das Spiel jede Menge Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das lag an einem, der gar nicht mitgespielt hat: Mesut Özil. Den hatte Arsenal-Trainer Mikel Arteta zuvor für diese Saison endgültig kaltgestellt und ihn weder in die Kaderliste für die Europa League noch für die Premier League eingetragen.

Und so kam es, dass er für seine Follower auf Twitter eine Art Liveticker vom Spiel seiner Mannschafstkemeraden lieferte. „Wenn ich das Team schon nicht auf dem Feld unterstützen kann, werde ich es vom Fernseher aus anfeuern.“ Mit diesem Satz begann der TV-Abend von Özil auf Twitter. Und die Fans hatten ihre wahre Freude. Von denen hat Özil bekanntlich jede Menge. Über 25 Millionen sind es allein auf Twitter. Längst hat sich dort der Hashtag #FreeOzil etabliert.

Dort finden sich alle Theorien, mit denen seine Unterstützer:innen versuchen, die vorgeblich wahren Gründe für die Verbannung des Spielmachers zu verbreiten. Die einen vermuten, dass der in Pandemiezeiten alles andere als liquide Klub sich die teure Auflaufprämie für den Edelkicker, sparen möchte. Nun ja, einen Spieler, der auch so 350.000 Pfund in der Woche verdienen soll, zum Nichtstun zu verdonnern, ist vielleicht nicht gerade die beste Sparmaßnahme.

Andere sehen politische Motive hinter seiner Degradierung zum Nichtspieler. Ende des vergangenen Jahres hatte Özil in einem beinahe schon lyrischen Post auf Instagram auf die Lage der in China unterdrückten muslimischen Minderheit der Uiguren aufmerksam gemacht und sich beklagt, dass auch in der muslimischen Welt der Protest dagegen zu wünschen übrig lässt. In der Volksrepublik wurde fortan kein Spiel mehr übertragen, das Özil im Arsenal-Trikot zeigt, und aus der für den chinesischen Markt programmierten Esport-Anwendung Pro Evolution Soccer wurde Özil kurzerhand gelöscht. Özils politisches Engagement hätte für den Klub in der Tat einen hohen Preis haben können.

Fest an Erdoğans Seite

Oder sind es überhaupt die politischen Äußerungen, die Özil zur Persona non grata haben werden lassen? Die ziehen jede Menge Aufmerksamkeit auf sich, seit klar ist, dass Özil seine Medienpräsenz auch dafür nutzt, den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu unterstützen. Erst vor gut einer Woche sandte er Friedenswünsche Richtung Aserbaidschan, das bei der Auseinandersetzung um die hauptsächlich von Armeniern bewohnte Region Bergkarabach von der Türkei unterstützt wird. In dem Post sprach er davon, dass die Region „illegal besetzt“ ist, und ließ so keinen Zeifel daran aufkommen, auf welcher Seite er steht.

Oder stimmt ganz einfach, was Arsenal-Trainer Arteta sagt und Özil hat es einfach nicht mehr drauf? Der muss derzeit besonders viel über Özil sprechen, egal wo er ist. Arsenal hat auf das Interesse der Öffentlichkeit für Özil reagiert, indem der Klub das Transkript der Pressekonferenz vor dem Rapid-Spiel veröffentlicht hat. Er sei an Özil gescheitert, meinte Arteta da und betonte, dass der Rauswurf Özils rein sportlich begründet war. Nach dem Spiel sagte er, auf Özils Twitter-Abend angesprochen, dass es genau das sei, was er sich von Spielern erwarte, die es nicht in den Kader geschafft haben.

Für Özil hat sich das Twittern übrigens gelohnt. Seine Tweets zum Spiel erreichten bis zu 60.000 Likes. Was Arsenal zum Spiel gezwitschert hat, gefiel dagegen nur 20.000 Leuten. Es ist ein spektakuläres Scharmützel, das sich Klub, Trainer und Özil da liefern. Es geht um die Frage, wer eigentlich größer ist: Mesut Özil oder der FC Arsenal.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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