Obdachlosigkeit in der Pandemie: Straße statt Schlafsaal

Viele Obdachlose meiden Notunterkünfte. Doch die Stadt Hamburg will sie nicht in Hotels unterbringen. Dabei zeigen private Initiativen, dass das geht.

Obdachlose liegen und sitzen unter zugeschneiten Decken und Isomatten.

Winter in Hamburg: Dreizehn Menschen sind in ein paar Wochen auf den Straßen gestorben Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Der Hamburger Schanzenpark ist weiß verschneit, der Himmel strahlt blau, johlende Kinder rodeln den Hang am Fuße des Wasserturms hinunter. Die Kälte scheinen sie gar nicht wahrzunehmen.

Ein paar hundert Meter weiter steht Andi vorm Supermarkt und wartet, dass der Winter vorbeigeht. Er sei im Winterschlaf, sagt er, und überlebe einfach.

Andi ist gerade 60 geworden und lebt mit seinem Hund Juli auf der Straße – so ziemlich seit immer, sagt er. Auch jetzt, wenn es kalt ist, möchte er nicht in eine Sammelunterkunft. Er glaubt nicht daran, dass man ihm dort wirklich helfen will. „Ich bin zäh“, sagt er. „Es wär’ natürlich trotzdem schön, wenn ich morgen nicht festgefroren in der Ecke liege, da kenne ich auch ein paar.“ Er lacht.

Tatsächlich sind seit Dezember schon bis zu dreizehn Obdachlose in Hamburg gestorben. Die Angaben dazu gehen auseinander. Gerade wurde ein Mann tot an den Landungsbrücken gefunden. Er sei wiederholt auf das Winternotprogramm der Stadt aufmerksam gemacht worden, berichtet der Verein „Leben im Abseits“ auf Facebook, habe aber auf keinen Fall in eine Massenunterkunft gehen wollen.

Mehrere Bürgerinitiativen hatten in den vergangenen Wochen immer wieder eine angemessene Unterbringung für obdachlose Menschen gefordert. „Es ist eine riesige Katastrophe, die Menschen verelenden vor unser aller Augen“, warnt Christiane Hartkopf, die mit dem privat organisierten „Kältebus“ Schlafsäcke verteilt und Obdachlosen anbietet, sie ins Winternotprogramm zu bringen. Die Wetter- und Coronalage verschärften die Situation obdachloser Menschen drastisch.

Andi, lebt auch im Winter auf der Straße

„Ich bin zäh. Es wär’ natürlich trotzdem schön, wenn ich morgen nicht festgefroren in der Ecke liege“

Seit März seien die meisten Tageseinrichtungen geschlossen und Aufenthaltsmöglichkeiten stark eingeschränkt. So­zi­al­ar­bei­te­r:in­nen und Tageseinrichtungen berichteten, viele der Obdachlosen hätten in dieser Zeit drastisch abgenommen. Ihnen fehle es an Orten der Ruhe und an sozialem Austausch. Hygienekonzepte würden in einigen Einrichtungen nicht durchgesetzt, so Hartkopf.

Das Festhalten der Stadt an der Unterbringung Obdachloser in Sammelunterkünften kritisiert sie scharf. Viele Initiativen und auch die Fraktionen von CDU und der Linken fordern wegen des Infektionsrisikos eine Einzelunterbringung.

Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) hatte die Gemeinschaftsunterbringung am Dienstag im Sozialausschuss noch gerechtfertigt: „Wir als Stadt könnten diese hohe Zahl an Menschen nicht so ohne Weiteres dezentral versorgen.“ Das sei keine Frage des Geldes, sondern eine Frage von „Schwerpunktsetzung und Fachlichkeit“. Aus Sicht der Behörde sei es nicht möglich, eine angemessene fachliche Betreuung im Rahmen der Einzelunterbringung zu gewährleisten.

Dabei hat auch ihre Behörde längst angefangen umzusteuern: Zusätzlich zu den über 1.000 Schlafplätzen in Massenunterkünften hat die Stadt Anfang Februar 35 Einzelzimmer zur Verfügung gestellt. Nach Angaben der Sozialbehörde bleiben regelmäßig viele Plätze frei. Bei ihren Touren mit dem Kältebus seien sie trotzdem mehrfach wegen Überfüllung abgewiesen worden, berichtet Hartkopf.

Die Stadt mache zweifelsfrei Hilfsangebote, die Konzepte seien aber überholt, sagt Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter beim Straßenmagazin Hinz&Kunzt. Neben der Angst vor Diebstahl und Gewalt sei auch die psychische Belastung in großen Unterkünften nicht zu unterschätzen. Es könne erdrückend sein, sich jeden Abend mit der Situation der Verelendung und der großen Anzahl an anderen Betroffenen konfrontieren zu müssen. „Gerade jetzt, während Corona, brauchen Obdachlose bestmöglichen Schutz – eigentlich nach jenen Standards, die aktuell in Altenheimen herrschen“, so Karrenbauer. Ein Großteil von ihnen sei vom Leben auf der Straße körperlich angeschlagen und gehöre zur Hochrisikogruppe.

Ein Projekt im vergangenen Frühjahr hatte gezeigt, wie erfolgreich die Einzelunterbringung Obdachloser ist: Hinz&Kunzt, die Diakonie und das Cafée mit Herz hatten spendenfinanziert etwa 170 Menschen in leer stehenden Hotels untergebracht. Zwar sei der Personalaufwand dort hoch gewesen, weil die Hotelgäste sich aber stabilisierten und besser erreichbar waren, habe man den Einsatz in der Straßensozialarbeit herunterfahren können, heißt es in einer Bilanz.

Derzeit sind wieder 120 Menschen in Hotels und Hostels untergebracht. Eine Spende des Unternehmens Reemtsma und der Nordkirche hatte Anfang Dezember die Wiederaufnahme des Projekts mit 120 Plätzen bis Ende April möglich gemacht.

Der Verein „Straßenblues“ hat zusätzlich 40 Obdachlose in der Jugendherberge am Stintfang untergebracht, ebenfalls durch Spenden finanziert.

Die Stadt lehnt eine Beteiligung an der Hotelunterbringung weiterhin strikt ab. „Kostengründe kann das nicht haben“, beschwert sich Christiane Hartkopf. Ein Hotelzimmer koste für eine Nacht pro Person rund 30 Euro. Rechne man das hoch, so sei damit maximal die Hälfte des städtischen Budgets von rund zehn Millionen Euro gebunden, mit dem Rest ließen sich problemlos Versorgung und sozialarbeiterische Begleitung finanzieren, so Hartkopf.

Zeltlager mit beheizten Schlafmöglichkeiten

„Ich habe das Gefühl, die machen das für sich selbst und nicht für uns“, sagt Andi über das Notprogramm. „Was machen die mit der Kohle, wenn er da unter der Brücke pennen muss?“, sagt er und zeigt auf ein Matratzenlager auf dem Schulterblatt.

Für Menschen wie Andi ist es schwierig, eine städtische Unterkunft zu finden – Hunde sind dort meistens unerwünscht. Doch im Schanzenpark hat nun das Café und Kulturzentrum Schroedingers im alten Norwegerheim ein Zeltlager mit beheizten Schlafmöglichkeiten für Obdachlose mit Tieren aufgebaut. Mit einem Aufruf am Wochenende seien schnell die nötigen Sachspenden zusammengekommen und freiwillige ­Hel­­fe­r­:in­nen hätten sich gefunden, um auch nachts für Sicherheit zu sorgen, sagen die Initiator:innen.

Man müsse aufpassen, beim derzeitigen Credo „Abstand halten!“ nicht auch Abstand von der Not der Obdachlosen zu nehmen, sagt Hartkopf. Viele Obdachlose berichteten, sie würden sich weniger wahrgenommen fühlen. Dabei sei es aktuell wichtiger denn je, dass die Stadt sich den Bedürfnissen der Obdachlosen annehme und ihre Mitmenschen aufmerksam seien. „Der Winter ist kalt und der Winter ist jetzt!“, so Hartkopf.

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