Unterbringung von Obdachlosen in Hamburg: Vom Hotel auf die Platte

Dank Spenden konnten 130 Obdachlose im zweiten Lockdown in eigenen Zimmern wohnen. 15 fanden eine Wohnung, viele müssen aber zurück auf die Straße.

Ein Mann mit weißem Bart sitzt auf einem Bett

Unterbringung in Hotels ist eine Notlösung, für viele obdachlose Menschen aber trotzdem ein Zuhause Foto: Daniel Reinhardt/dpa

HAMBURG taz | Es ist eine kleine Erfolgsgeschichte, die sich wiederholt. Wie im vorigen Jahr haben Hilfsorganisationen Hotelzimmer für 130 obdachlose Menschen angemietet, die dort von Dezember bis Mai Schutz vor Kälte und Corona fanden. „Das Projekt zeigt: Einzelunterbringung von wohnungslosen Menschen funktioniert“, sagt Diakonie-Pastor Dirk Ahrens. Die Menschen hätten sich erholt und die Maßnahme sei „weder besonders kosten- noch personalintensiv“.

Doch das Ende des Projekts, das in den Hotels „Schanzenstern“ in Altona, „Bedpark“ in Stellingen sowie in drei weiteren Gasthäusern in Schanzenviertel, Innenstadt und Bergedorf stattfand, ist für etliche Betroffene dramatisch. „Es ist sogar schlimmer als im letzten Jahr. Die Menschen haben die Zimmer als Zuhause gesehen. Sie wieder zu verlassen, bedeutet einen enormen Stress“, sagt Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter bei Hinz&Kunzt. Zwei Personen seien sogar kürzlich gestorben, eine Frau von der Reeperbahn und ein Mann im Rollstuhl, beide wurden keine 50 Jahre alt.

Das Projekt habe Menschen erreicht, die vorher Platte gemacht hatten und das städtische Winternotprogramm nicht annahmen, sagt Sozialarbeiter Peter Ogon vom Diakonischen Werk. Es habe sich bewährt, die Menschen dezentral unterzubringen, mit höchstens 25 Personen pro Hotel. Der Corona-Schutz stand im Vordergrund. „Wir hatten zwei leichte Coronafälle. Die Menschen konnten während der Quarantäne im Hotel sein.“ Und es gab zum Ende für alle ein Impfangebot, das etwa die Hälfe annahm.

Immerhin 15 der 130 Menschen fanden inzwischen eine Wohnung, zehn nahmen eine Arbeit auf. Man habe diesmal gut mit den Fachstellen für Wohnungslose zusammengearbeitet, sagt Ogon. Zehn Betroffene bleiben im Hotel wohnen, bis sie in ein neues Wohnprojekt von Hinz&Kunzt auf St. Georg einziehen. Die detaillierte Auswertung erfolgt später, sagt Ogon. Doch er rechne damit, dass „um die 50 Prozent wieder auf die Straße gehen“.

Stadt plant kleines Housing-First-Projekt

Das Projekt zu verlängern, sei nicht möglich, weil die Spenden aufgebraucht sind. Rund 530.000 Euro hatten unter anderem das Unternehmen Reemtsma und seine Mitarbeiter, der FC St. Pauli sowie die Nordkirche und Einzelpersonen gespendet. Der Großteil wurde für die Zimmermiete von etwa 30 Euro pro Nacht verbraucht, rund 40.000 Euro für Verpflegung.

Nun brauchen die Hotels wieder Platz für reguläre Gäste. Auch seien Hotelzimmer, wo Menschen nicht rauchen dürfen, nicht selbst kochen können, eben auch nur eine Übergangslösung, wie Karrenbauer sagt. „Gebraucht werden richtige Wohnungen.“

Im vergangenen Jahr hatten Hinz& Kunst, Diakonie und der Träger Alimaus bei ihrer ersten Bilanz erklärt, das Hotelprojekt zeige, wie förderlich geschützter Wohnraum für die Stabilisierung der Menschen ist, und gefordert, dass auch Hamburg wie andere Städte diesen Menschen ohne Vorbedingungen Wohnraum mit abgesichertem Mietvertrag bietet – sogenanntes Housing First.

Es ist erst eine Woche her, dass SPD und Grüne tatsächlich in der Bürgerschaft so ein Housing-First-Projekt beschlossen. „Weltweit hat der Housing-First-Ansatz viel Erfolg in der Obdachlosenarbeit gezeigt. Mit unserem Modellprojekt wollen wir beweisen, dass Housing First auch auf dem engen Wohnungmarkt in Hamburg erfolgreich umzusetzen ist“, sagte die Grüne Sozialpolitikerin Mareike Engels.

Auch Diakonie-Pastor Ahrens sagt, er begrüße „nachdrücklich, dass nun die Regierungsfraktionen mit einem Modellprojekt den Housing-First-Ansatz starten“. Allerdings sind zunächst nur 30 Plätze geplant. Das seien angesichts von rund 2.000 Obdachlosen „nicht so viel“, sagt Peter Ogon. Karrenbauer sagt gar: „30 Plätze sind ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Das Konzept sei gut erforscht. „Ich glaube nicht, dass wir wissenschaftliche Begleitung brauchen. Das Geld sollte man lieber in Wohnungen stecken.“

Hinzu kommt: Laut dem Antrag von Rot-Grün kann es auch mit den 30 Wohnungen noch etwas dauern. So ist dort der Senat aufgefordert, bis Ende dieses Jahres das Projekt auszuschreiben und Ziele zu definieren. Für Karrenbauer ist das zu langsam. Denn nächsten Monat, wenn das Winterprogramm schließt, würden weitere 700 Leute auf der Straße sichtbar. „Wir brauchen viele Plätze und das dringend.“

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