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Straßenbild von „damals“: Die Kittelschürze als Mode für den halb-privaten Raum Foto: Archiv Monika Bleise

Nostalgische HaushaltsmodeGuter Stoff

Kittelschürzen sind mehr als nur ein Kleidungsstück: Sie rufen Erinnerungen und Gefühle hervor, weiß die Kulturwissenschaftlerin Stefanie Reis.

S ie ist ein denkbar schlichtes Kleidungsstück: Löcher für Kopf und Arme, unten offen, vorn eine Knopfleiste, aus dünnem Stoff, manchmal bunt, manchmal einfarbig. Heute ist die Kittelschürze – so heißt die knielange, an ein Kleid erinnernde Form des Kittels – weitgehend aus dem Alltag verschwunden. Aber in vielen Familien leben Erinnerungen an Großmütter oder Tanten weiter, die Kittelschürzen trugen.

Deren Geschichten und die Kittel selbst gelte es zu bewahren, meint die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Stefanie Reis. Sie forscht, angeregt durch ihre eigene Familiengeschichte, seit einigen Jahren zu Kittelschürzen und hat inzwischen einen Fundus aus mehr als 200 Stück angesammelt.

Seither erlebt sie immer wieder den „Kittel-Effekt“: „Wenn ich davon erzähle, bekommen viele Leute so ein Leuchten im Gesicht – man merkt, die Menschen reagieren auf das Thema, es ruft Erinnerungen, Bilder, Gefühle hervor.“

Das stellte auch die Modedesignerin Mareen Heinz fest, die sich 2017 für das Kunstprojekt „Strodisign“ mit den Kittelschürzen in der DDR befasste: „Am interessantesten empfinde ich die positive sowie negative Polarität, die von diesem Arbeitskleid ausgeht“, schrieb sie in ihrem Blog „Ms Hey“. Dort definiert sie auch die Merkmale einer typischen Kittelschürze.

Sie bestehe „aus pflegeleichtem und strapazierfähigem Material und hat immer mindestens eine aufgesetzte Tasche. Zu verschließen ist sie mit Knopfleiste vorn oder hinten, Bändern zum seitlichen Zubinden, zum Wickeln sowie manchmal mit Reißverschluss. Sie kann zusätzlich einen taillenbetonenden Gürtel haben oder rückwärtig mit der so genannten Arschtrage ausgestattet sein.“

Nostalgie mit Schürze

Vom uniformen Schnitt der Kittelschürze darf man sich nicht täuschen lassen. Denn obwohl die häusliche Selbstinszenierung mit Schürze unter Corona tatsächlich ein kleines Massenphänomen wurde, zielt die heutige Rückkehr des Funk­tions­kleids von gestern nicht auf die endlosen Heerscharen bunt gewandeter Care-Arbeiterinnen von einst. Sie ist – im Gegenteil – eine radikal subjektive Angelegenheit. Zum Beispiel kann ein und dasselbe Foto einer Hausfrau in Kittelschürze nach Rhabarber, Schweinebraten oder Schokoladenkuchen riechen – je nachdem, wo die Be­trach­te­r:in herkommt und womit sie ihr Unbewusstes in Kindertagen ausstaffiert hat. Es gibt diese Bilder auch mit Noten von Bohnerwachs und Achselschweiß.

Um Nostalgie geht es also, und dafür ist die Klamotte deshalb so ein dankbarer Trigger, weil sie erstens früher allgegenwärtig war, aber zweitens heute nahezu verschwunden ist. Außerdem verbindet man sie als halb private Haute Couture natürlich vor allem mit Mama und/oder mit der lieben Omi: ein ganz heißes Eisen, wie Psy­cho­ana­ly­ti­ker:in­nen so sagen.

Eher müßig hingegen ist die Frage, ob der Retrotrend nun gut oder schlecht sei. Es stimmt freilich, dass rechte Memes neben weiß bevölkerten Innenstädten und friedlichen Badeanstalten vor allem die fürsorgliche Mutti bemühen, um vermeintlich gute alte Zeiten zu beschwören. Eine (algorithmisch vorgeprägte) Kurzrecherche zeigt die Schürze auf einem stabilen dritten Platz im weinerlichen „Wer das noch kennt“-Genre auf Facebook – direkt nach Audiokassette und Gameboy.

Auch der seit gut zehn Jahren ungebrochene Tradwifetrend spielt mit ähnlichen Motiven, wobei hier im Zweifelsfall noch einmal auszudifferenzieren wäre, wo genau die sexy Baumwollhooverette aufhört und der abwischbare Kunststoff­küchenkörperpanzer anfängt.

Was wie ein Spezialproblem von Fe­ti­schis­t:in­nen klingt, berührt wiederum die eigentlich interessante Frage: Woher kommt diese emotionale Sehnsucht nach Verhältnissen, die der Kopf völlig zu Recht als überholt verachtet?

Die unbefriedigende Antwort ist, dass es keine gibt. Sondern viele. Die vielleicht sympathischste ist eine Umdeutung von Stardesignerin Miuccia Prada (also von Mode-Prada-Prada), die ihre Schürzen auf dem Pariser Laufsteg vergangenen Herbst als auch anklagendes Denkmal für die unsichtbar arbeitende Hausfrau verstanden wissen wollte. Aber Miuccia Prada ist ja nun nicht nur ausschließlich Politikwissenschaftlerin, sondern ausgewiesenermaßen auch Frauenrechtlerin. Sie war sogar mal in der Kommunistischen Partei, und ihre Sicht der Dinge lässt sich wohl nur in engen Grenzen auf den gesamten Modezirkus übertragen.

Ebenfalls von links könnte man auch sagen, dass die neoliberal zugerichtete Lohnarbeitswelt es einem auch wirklich leicht macht, sich ins Private unter die Schürze zu wünschen. Und dass das ja eigentlich auch wirklich nicht zwingend dasselbe sein müsste wie Hass auf Mi­gran­t:in­nen und gendermäßige Gleichberechtigung.

Und das führt am Ende dann doch noch dazu, dass die ­durchaus auch nostalgische Auseinanderset­zung mit Schürzen in Blümchen- oder Karomuster eben auch relevante Fragen nach dem Heute aufwerfen kann und sich daher lohnt. Wenn man nur beides zulässt: sowohl den wohligen Schauer als auch den inneren Widerstand dagegen. (Jan-Paul Koopmann)

Mit dem Projekt „Strodisign“, das 2016 im Dorf Strodehne im Havelland (Brandenburg) startete, wollten Heinz und ihre Mitstreiterinnen die „Kittelschürzen ins Heute holen, eben weil Kittel wie kaum ein anderes Kleidungsstück das Klischee für ländliche Kleidung verkörpert und entsprechend polarisierend wirkt“, heißt es auf der Projekthomepage. „Ihre Gegner verachten sie als Merkmal eines rückständigen (Haus-)Frauenbildes, ihre Befürworter finden sie praktisch, erfreuen sich an ihren bunten Mustern und ihrer heimlichen Sinnlichkeit oder schätzen sie, weil sie ähnlich einer Uniform ihre TrägerInnen gleichstellt.“

Das Stichwort Uniform deutet auf die Historie der Kittelschürze hin. Denn auch wenn sie wirkt wie etwas, das schon immer da war, lässt sich ihre Entstehung zeitlich ziemlich genau angeben. Die Kittelschürze stammt aus den USA und sollte im Ersten Weltkrieg eine Standardarbeitskleidung für Frauen sein. Das Schlichtkleid mit Knopfleiste wurde nach Herbert Hoover, dem 31. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Hooverette genannt. Es sollte das kriegswirtschaftliche Haushalten propagieren und der weiblichen Arbeit den Anstrich von Professionalität und Hygiene verleihen.

Detail eines Kittels, Freimersheim, Rheinhessen, 2000er Foto: Stefanie Reis

Von den USA aus trat die Kittelschürze ihren Siegeszug um die Welt an. In Deutschland wurde sie sowohl im Westen als auch im Osten geliebt. Dort sei sie Teil der Basisgarderobe für Frauen gewesen, schreibt Mareen Heinz in ihrem Blog: „Sie wurde von den Arbeiterinnen in den volkseigenen Betrieben getragen, sie war für Garten- und Hausarbeit unerlässlich und Frau konnte sich in ihr auch sehen lassen, wenn sie schnell einmal zur HO-Kaufhalle ging.

Die Kittelschürze konnte anstelle eines Kleides getragen oder darüber angezogen werden, um die Garderobe vor Verschmutzungen zu bewahren. Sie war in jeder Hinsicht praktisch.“

Im Westen kam die Kittelschürze in den 1950er Jahren in Mode und blieb vor allem auf dem Land lange Teil der Alltagsbekleidung. Stefanie Reis stammt aus Kirchheimbolanden (Rheinland-Pfalz) und kannte ihre Großmutter fast nur in Kittelschürze. Nach deren Tod habe sie beim Ausräumen des Hauses eine Tante gefragt, ob sie einige Kittel mitnehmen dürfe, berichtet die 46-Jährige: „Dann saß ich in der Bahn und hatte keine Ahnung, was ich mit ihnen anfangen sollte.“ Bei einer Feier einige Monate später lud sie die Gäst:innen spontan zu einer Modenschau ein – und erlebte den „Kittel-Effekt“.

Die Schau der Schürze

Fashion Week

Selbst wenn die Kittelschürze etwa in den Farben und Mustern immer auch der Mode und ihren Veränderungen unterworfen war, ist sie jetzt bestimmt kein Leitkleidungsstück der Modeindustrie. Insofern wird die Kittelschürze auch auf der noch bis zum 2. Februar dauernden ­Berlin ­Fashion Week, wo neue und junge Designs im Fokus stehen sollen, eher kein Thema sein.

Frauen im Kittel

Kittelschürzen satt gibt es dagegen samt ihren Geschichten in der Ausstellung „Frauen im Kittel“ in der Musik- und Kongresshalle Lübeck (MuK): eine „Hommage an gelebtes Leben“, die bis 4. Februar 2026 zu sehen ist.

Aktuell zeigt sie mit ihrer Projektpartnerin, der Modedesignerin und Upcyclingexpertin Simone Graber, eine Ausstellung in der Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK) unter dem Titel „Frauen im Kittel“. Dort sind Kittel zu sehen, die von Privatleuten aus dem Lübecker Umland eingesandt wurden, oft zusammen mit Fotos und Berichten über die Trägerinnen.

Vom Erfolg der Ausstellung ist Reis selbst überrascht: „Bei der Eröffnung war der Saal voll, und nach kurzer Zeit ist es sozusagen Stadtgespräch geworden.“ Parallel hat sie einen Podcast gestartet. Unter dem Motto „Im Kittel mit …“ will Reis darin mit Menschen sprechen, die mit Kitteln zu tun haben. Darunter ist auch der Inhaber eines Lübecker Geschäfts für Berufsbekleidung. Vor allem sollen Frauen zu Wort kommen, die im Alltag Kittel tragen oder getragen haben. „Es kommt jetzt darauf an, die Zeitzeug:innen zu sichern, mit den letzten Kittelträgerinnen zu sprechen und es aufzunehmen“, sagt die Kulturwissenschaftlerin.

Denn deren Zahl schwindet, was sich auch auf der Seite der Angebote widerspiegelt. Bereits 2009 schrieb der Tagesspiegel vom Verschwinden der Kittelschürze von den Seiten der damals noch gedruckten Kataloge der großen Versandhäuser. Quelle etwa zeigte 1993 noch zwei Doppelseiten mit Kittelschürzen und ähnlichen Modellen wie Kasack, Hauskleid oder Vorbindeschürze. 2009 fanden sich im Hauptkatalog keine Kittel mehr.

Im aktuellen Internetangebot des Otto-Versands sind unter dem Stichwort Kittelschürze nur noch eine Handvoll Modelle zu finden, darunter Karnevalsverkleidungen für Männer, die sich als „Putzfrau/alte Oma“ verkleiden wollen. Die Alltagsschürzen kosten rund 30 Euro – für diese Summen können sich Kundinnen auf den Plattformen der Fast-Fashion-Hersteller komplett neu einkleiden.

Zuhause kann auch die klarste Rollenverteilung mitunter ein wenig aufgeweicht werden Foto: Sammlung Berliner Verlag/akg

Gleichzeitig entdecken Modefirmen die Kittel neu: Designerin Miuccia Prada schickte zur Paris Fashion Week im Dezember 2025 Models, darunter die Schauspielerin Sandra Hüller, in Kittel- und Arbeitsschürze auf den Laufsteg. Laut den Shownotes will die Frühjahrs- und Sommerkollektion der Marke Miu Miu damit auf die Arbeit von Frauen und ihre Unsichtbarkeit hinweisen. Die Schürze werde „als universelles Symbol für Arbeit mit Würde und Respekt behandelt“.

Stefanie Reis sieht den aktuellen Hype um die Schürze mit gemischten Gefühlen. Auch sie liebt die Schönheit und das Design vieler alter Kittelschürzen. „Aber mir geht es nicht um Mode und glatte Oberflächen, sondern um die gebrauchte Kleidung.“ Denn die ließe sich auch verändern und per Upcycling in etwas Neues verwandeln. Generell stehe der Kittel für Nachhaltigkeit, sagt Reis. „Sie schonen auf pragmatische und gleichzeitig modische Weise die Kleidung darunter. Das ist eine Lösung, über die wir gerade in Zeiten von Fast Fashion nachdenken sollten.“

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