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Nochim Rennen

Ohne Wetten läuft hier wenig, natürlich geht es im Pferdesport ums Geld. Seine besten Jahre aber hat er wohl hinter sich. Ein Besuch der Trabrennbahn Mariendorf in Berlin, kurz vor dem Deutschen Traber-Derby im August

Aus Berlin Nina Schieben (Text) und Toni Petraschk (Fotos)

Obwohl das erste Rennen noch eine Stunde hin ist, hat Hubertus Gasch seine Aufgaben fast schon alle erledigt. Vor ihm, auf dem weißen Plastiktisch, an dem er in der ersten Reihe mit bester Sicht auf die Rennbahn sitzt, liegen neben einem kleinen Fernglas ein Kugelschreiber und ordentlich aufeinandergelegte Papierblätter, auf denen es vor kleingedruckten Zahlen nur so wimmelt. „Die Starterliste“, sagt Gasch. Wenn man an diesem Abend hier auf der Trabrennbahn in Berlin-Mariendorf die ein oder andere Wette abschließen und dabei auch ein paar Euro gewinnen möchte, geht es ohne diese Liste eigentlich nicht. Nur: Der Pferderennsport und das Wettgeschäft sind eine Welt für sich, es geht um Quoten, Prognosen, Wahrscheinlichkeiten. Und wer diese Liste durchdringt, ist ein Kenner.

Seit 1913 gehen in Mariendorf Pferde an den Start. Sie ziehen ein zweirädriges Gespann, den Sulky, hinter sich, auf dem eine Fahrerin oder ein Fahrer sitzt, und traben auf der 1.200 Meter langen Bahn um die Wette. Die eigens dafür gezüchteten Pferde, Traber genannt, zeichnen sich dadurch aus, dass sie auch bei hohem Tempo die gesamte Distanz im Trab bleiben können. Wer dann doch aus Versehen in den Galopp fällt, wird disqualifiziert. Und da wären wir auch schon beim Galopprennen, das mit vielen populärkulturellen Bildern wohl die bekanntere Variante des Pferderennsports ist mit den Jockeys, die halb hockend auf ihren Pferden nach vorne preschen und von einer schicken Gesellschaft mit auffälligen Hüten auf den Tribünen angefeuert werden.

Doch egal, ob getrabt oder galoppiert wird, um den Sport allein geht es dabei nie. Sondern: ums Wetten. Um Geld.

Hubertus Gasch hat die Starterliste bereits ein paar Tage zuvor zu Hause ausgedruckt, so wie er es immer tut. Er hat sie sorgfältig durchgesehen und für jedes der acht Rennen an diesem Samstagabend in Mariendorf Kreuze neben den Pferden gemacht, auf die er setzen will. Den Wettschein allerdings füllt er erst kurz vor dem jeweiligen Rennen aus, für den Fall, dass er sich doch noch umentscheidet. „Das Bauchgefühl muss stimmen“, sagt Gasch. „Ob dein Pferd dann aber als erstes ins Ziel einläuft, ist am Ende immer auch Glückssache.“

Auf die Frage, wann er sein erstes Trabrennen gesehen habe, lacht Gasch nur. „Das ist lang her.“ Als Kind ging er jeden Sonntag mit seinem Vater zur Trabrennbahn in Mariendorf, manchmal auch unter der Woche. An einem Renntag traf man dort Leute aus der Nachbarschaft, die Kinder liefen auf der Wiese rum, die Erwachsenen setzen ein paar Mark auf ihre Favoriten, man fieberte mit und ging abends nach Hause. Bis heute hat sich das nicht groß verändert: Ein Renntag ähnelt einem Volksfest, auf dem es für kleines Geld Schrippen mit Bratwurst und Leberkäse gibt und die Kleinen auf der Hüpfburg toben.

Und doch blickt Hubertus Gasch, vor kurzem 90 Jahre alt geworden, auf eine kleine Ewigkeit zurück. Er kennt die Mariendorfer Rennbahn vor dem Zweiten Weltkrieg und danach, ihren Glanz in den 1970er und 80er Jahren genauso wie ihren Überlebenskampf nach der Wende. Er kennt die besten Tage, „als es so voll hier war, dass man anderen auf die Füße getreten ist“, als man an den Schaltern noch Schlange stehen musste, um eine Wette abzugeben. Und er kennt die Jahre, in denen das Internet aufkam, so dass man gar nicht mehr nach Mariendorf gehen muss, um die Rennen zu sehen und darauf zu wetten, sondern das alles bequem von zu Hause aus machen kann am Rechner.

Mit den Wetten erst auf Trab gebracht

Der Trabrennsport

Die ersten Trabrennen wurden Anfang des 19. Jahrhunderts am Rande von Jahrmärkten in den USA ausgetragen, später verbreitete sich der Sport auch in Westeuropa. Anders als beim Galopprennen ziehen die Pferde einen zweirädrigen Sulky, auf dem der*die Fahrer*in sitzt, und traben auf der Rennbahn zwischen 1.600 und 2.500 Metern um die Wette. Über Jahrzehnte hinweg genoss der Trabrennsport auch in Deutschland die Beliebtheit eines Volkssports. Das erste Trabrennen fand hierzulande 1893 in Mönchengladbach statt. Wetten gehörten von Anfang an dazu. Mit dem Aufkommen des Internets und der Verbreitung von Sportwetten auf Onlineplattformen geriet der Trabrennsport jedoch in eine schwere wirtschaftliche Krise. In der Folge mussten viele traditionsreiche Rennbahnen in Deutschland schließen. Heute fristet der Trabrennsport ein Nischendasein. Betreiberinnen von Pferderennanlagen sind auf zusätzliche Einnahmequellen angewiesen, um sich wirtschaftlich über Wasser zu halten.

Das Wettgeschäft

Bei einem Pferderennen – ob Trab oder Galopp – wird die Wette traditionell auf einem Wettschein eingetragen und an der Kasse abgegeben. Seit sich das Wettgeschäft zunehmend ins Internet verlagert hat, lassen sich Pferderennen weltweit im Livestream verfolgen und Wetten mit nur wenigen Klicks platzieren. Bei Pferderennen werden im Schnitt zwei Drittel der Wetten online abgeschlossen, nur noch ein Drittel direkt auf der Rennbahn. Ein Großteil der Wetteinnahmen im Pferdrennsport fließt in einen gemein­samen Topf, aus dem Gewinnausschüttungen und Preisgelder finanziert werden. Für die Betreiber*innen von Rennbahnanlagen bleibt davon nicht viel übrig. Im Vergleich zu Sportwetten spielen Pferdewetten in Deutschland nur eine geringe Rolle: Von rund 1,9 Milliarden Euro Bruttospielerträgen bei Sportwetten entfielen im Jahr 2025 etwa 40 Millionen Euro auf Pferdewetten. Anders sieht es in Frankreich, England oder den USA aus: Dort werden jährlich mehrere Milliarden Euro bzw. Dollar auf Pferdewetten gesetzt.

All das erzählt die Trabrennanlage in Mariendorf, das Gestern und das Heute. Und man sieht der Anlage den Wandel der Zeit auch an: am etwas abgeblätterten Glanz des mehrstöckigen Haupttribünenhauses, getragen von schwerem grauem Beton und einer gläsernen Panoramafront zur Rennbahn hin. Das, was vor ein paar Jahrzehnten als modern galt und dem heute ein nostalgischer Retroflair anhaftet. Tische mit roten Plastiktischdecken, dunkle Holzfässer als Stehtische, an den Wänden gerahmte Bilder der Traber-Champions. Über die Monitore flimmern Quoten, Starterlisten und was da draußen gerade auf der Rennbahn passiert.

„Dit hier ist unser Stammplatz“, ­Liane Gasch setzt sich neben ihren Mann Hubertus, sie hat zwei Stück Kuchen besorgt, Käse und Apfel. Aus ihrem Rucksack zieht sie eine Folie mit einem halben Dutzend rotweißer Wettscheine. „Durch den hier“, sagt sie und stubst ihren Mann an, „bin ich zum Trabrennsport gekommen.“ Sie leben schon lange in Berlin-Tempelhof, weit bis nach Mariendorf haben sie es von dort nicht.

Inzwischen sind es nurmehr wenige Minuten bis zum ersten Rennen, die beiden müssen ihre Wettscheine noch ausfüllen. „Wir gucken uns nicht gegenseitig in die Karten“, sagt Liane Gasch, „muss jeder für sich entscheiden.“ Sie selbst setzt eine Siegwette auf Pedro Beuckenswijk, so heißt das Pferd, Startnummer 5. „Chancenvoll“ lautet die offizielle Vorhersage des Berliner Trabrenn-Vereins, die vor dem Rennen ausgegeben wird. Hubertus Gasch greift nun ebenfalls zu Kugelschreiber und Wettschein, er schwankt noch zwischen Siegwette oder Platzwette – es wird ebenfalls die Siegwette mit 10 Euro auf Victus, Startnummer 2, der Favorit unter den sieben Startern. Liane Gasch sammelt die Wettscheine ein, zieht noch zwei Zehner aus ihrem Portemonnaie und macht sich auf zu ihrem „Lieblingsmensch“, wie sie sagt: einem der Mitarbeiter, der in einem Rondell die Wettscheine entgegennimmt.

Von der tiefen wirtschaftlichen Krise in den 1990er Jahren haben sich nicht alle Rennbahnen erholt. Viele traditionsreiche mussten schließen

Als Berlin noch geteilt war, ging man im Westen nach Mariendorf zum Trabrennen, im Osten nach Karlshorst oder für Galopprennen knapp über die Stadtgrenze im Brandenburgischen nach Hoppegarten. Diese beiden Rennbahnen sind bis heute in Betrieb, wenn auch mit deutlich weniger Renntagen als in Mariendorf. Liane und Hubertus Gasch schauen gelegentlich auch dort vorbei, doch dasselbe Erlebnis sei es nicht. Das hat vor allem mit den Leuten zu tun. In Hoppegarten seien „mehr so die Geldmenschen“, in Karlshorst sei man „eher so unter sich“. Das offene Miteinander, sagt Liane Gasch, finde sie halt nur in Mariendorf. Denn neben dem Spaß an den Rennen steht für sie das Gesellige im Vordergrund. „Um das Geld geht es uns nicht“, sagt auch Hubertus Gasch. Bei einer Prämien­ausspielung hätten sie einmal 7.000 Mark gewonnen, ein einziges Mal sei das in dieser Größenordnung vorgekommen. „Es gibt welche, die verwetten Hunderte Euro an einem Abend“, sagt Liane Gasch. Sie spricht dann von „den Zockern“, zu denen sie sich nicht zählt. „Wenn du mehrere Rennen hintereinander verlierst, dann machst du den Geldbeutel zu und hörst auf“, steht auch für Hubertus Gasch fest, das ist Teil seiner Wettpsychologie. Heißt: Spaß ja, aber übertrieben wird nicht.

Dem Trabrennsport wird nachgesagt, traditionell die bodenständigere und weniger exklusive Variante des Pferdrennsports zu sein. Man braucht keine großen Scheine, um eine Wette zu platzieren: In Mariendorf geht das ab 2 Euro, auf anderen Rennbahnen sogar schon ab 50 Cent. Und wer sich an diesem Samstagabend umsieht, entdeckt unter den wenig Hundert Gästen überwiegend Menschen im Alter der Gaschs – Rentnerinnen und Renter – dazu einige Familien und eine kleine Gruppe von Leuten um die 30. Ein Publikum mit aufwendigen Hüten und extravaganten Kostümen sucht man vergeblich, vertreten ist vielmehr der Typ Jeans und Karohemd.

„Es stimmt schon, dass sich der Trabrennsport eher die Mittelschicht aussucht oder die Mittelschicht den Trabrennsport“, sagt auch Isabelle Bucher, Betriebsleiterin der Trabrennban Mariendorf, am Telefon. „Wir haben zum Beispiel viele Besucherinnen und Besucher, die im Handwerk tätig sind. Uns ist wichtig, dass jeder mitmachen kann.“ Dass Galopprennen überwiegend ein wohlhabendes Publikum anziehen, sei heute zumindest in Berlin nicht mehr so ausgeprägt wie früher, sagt Bucher, die Besucherstruktur in Mariendorf, Karlshorst und in Hoppe­garten habe sich angeglichen.

Die Zeiten, in denen sich der Pferderennsport sein Publikum aussuchen konnte, sind ohnehin lange vorbei. Beim Trabrennsport zeigt sich das noch deutlicher als beim Galopprennsport. Von der tiefen wirtschaftlichen Krise in den 1990er Jahren haben sich nicht alle Rennbahnen erholt. Viele traditionsreiche mussten schließen, allein in Nordrhein-Westfalen sind heute von neun nur noch zwei übrig.

Gründe für den Popularitätsverlust gibt es mehrere, manche davon lassen sich mit dem normalen Lauf der Zeit erklären: der gesellschaftliche und demografische Wandel, in Berlin und den östlichen Bundesländern kam die Wende hinzu. „Das Angebot an Ausflugs- und Freizeitmöglichkeiten ist danach immens gewachsen“, sagt Bucher, die Menschen fuhren an den Wochenenden hinaus, wollten Neues entdecken. Und nicht nur die Besucherströme blieben der Mariendorfer Rennbahn fern, sondern auch ein Großteil der Trainerinnen und Trainer zogen mit ihren Pferden nach Brandenburg, wo es mehr Höfe und Platz für die Tiere gab. Standen vor der Wende um die 900 Pferde in den Ställen auf dem Gelände, sind es heute nur noch 21. Mehr Kapazitäten habe die Anlage auch nicht, um sicherzustellen, dass „alle tierwohlgerecht versorgt sind. Das ist uns auch sehr wichtig“, sagt Bucher. Mit seiner Stadtrandlage hat es Mariendorf zudem schwer, mit Großveranstaltungen im Berliner Zentrum zu konkurrieren.

Der Trabrennsport hat aber auch ein Nachwuchsproblem, in doppelter Hinsicht: bei den Menschen, die den Sport professionell ausüben wollen, und beim Publikum. Denn unter den regelmäßigen Besucherinnen und Besuchern sind nicht wenige, die familiär dem Sport verbunden sind, weil schon Eltern oder Großeltern aktiv waren. Bei Isabelle Bucher ist das nicht anders. „Ich bin reingeboren in den Trabrennsport, mein Vater war 45 Jahre lang Trabrenntrainer in Mariendorf, ich bin selbst mit einem Trabrennfahrer liiert“, erzählt sie. Mit der Nachwuchsförderung sei es allerdings schwierig. Das liege nicht nur an der unzureichenden Förderung des Sports, sondern auch daran, dass der Beruf als Fahrerin oder Fahrer sehr zeitintensiv und körperlich anstrengend sei. „Man muss bereit sein, bei Wind und Wetter, sieben Tage die Woche fürs Pferd da zu sein“, sagt Bucher. Zudem kommen hohe laufende Kosten für die Unterbringung, Pflege und das Training des Pferdes sowie für die vielen Reisen von Rennen zu Rennen, auch auf internationaler Bühne.

Allein mit dem Trabrennsport lässt sich heute kaum noch ein breiteres Publikum anlocken, das weiß auch Jürgen Saalfrank, Geschäftsführer der Trabrennbahn Mariendorf. „Die Gastronomie muss stimmen, das Ambiente muss stimmen, für jede Zielgruppe muss etwas dabei sein“, sagt er. „Wenn alle einen schönen Tag hatten, am Abend zufrieden nach Hause gehen und wiederkommen, dann haben wir einiges richtig gemacht.“ Wie viele große Anlagen, die sich mit ihrem ursprünglichen Zweck wirtschaftlich nicht mehr tragen, hat sich auch die Trabrennbahn zu einer Eventlocation entwickelt. Sie ist moderner geworden, mit eigenem Cateringbetrieb, hellerem Licht und Pastelltönen – zumindest gilt das in Mariendorf für das Teehaus und das Stallcasino, Räumlichkeiten, die sich ein wenig abseits der Tribünen befinden. Sie können für Hochzeiten, Geburtstage, Weihnachtsfeiern und Firmenevents gemietet werden, an manchen ­Renntagen werden auch Führungen über das Gelände, Probefahrten im Sulky und Ponyreiten für Kinder angeboten.

Dass die wirtschaftliche Situation der Mariendorfer Rennbahn im bundesweiten Vergleich einigermaßen stabil ist, verdankt sich wesentlich ihrem Besitzer, dem Geschäftsmann Ulrich Mommert. Im Jahr 2004 kaufte er das damals wirtschaftlich am Boden liegende Gelände. Mommert, der mit seinem österreichischen Autozulieferunternehmen ein Vermögen verdiente, ist dem Trabrennsport seit Langem verbunden, als Vizepräsident des Hauptverbands für Traberzucht, als Besitzer zahlreicher Pferde und einst aktiver Fahrer auf Amateurniveau.

Der Rennbahn in Mariendorf kommt außerdem zugute, dass es seit 1952 Austragungsort des prestigeträchtigen Deutschen Traber-Derbys ist, das auch in diesem Jahr wieder am ersten Augustwochenende startet und sich auf fünf Tage verteilt. Dann platzen nicht nur die Tribünen aus allen Nähten, sondern es werden auch höhere Wettumsätze und Preisgelder in Höhe von mehreren 100.000 Euro erreicht.

Doch die einschneidendste Veränderung für den Pferderennsport ist der Aufstieg des Online-Wettmarkts, der sich in den frühen Nullerjahren etablierte. Anders als Fußball, Tennis oder Eishockey lebt der Pferderennsport vom Wettgeschäft. Doch was bedeutet das, wenn sich das Wettgeschäft von der Rennbahn ins Internet verlagert?

„Es stimmt, dass die Wettumsätze weniger geworden sind, vor allem auf der Bahn haben wir über die letzten Jahrzehnte einen deutlichen Rückgang erlebt. Trotzdem bleiben sie für uns essenziell“, sagt Saalfrank. Von den Erlösen werden in Mariendorf Preisgelder und Gewinnausschüttungen finanziert.

„Wenn wir im Schnitt pro Rennen auf 10.000 bis 15.000 Euro Wettumsatz kommen, liegt das im normalen Bereich“, sagt Saalfrank. An jenem Samstagabend in Mariendorf liegt der Gesamtumsatz bei gut 81.000 Euro. Rund ein Drittel davon wird auf der Bahn umgesetzt, zwei Drittel entfallen auf On­line­wet­ten. Viel bleibt von den Wetteinnahmen für die Trabrennvereine nicht übrig: Rund 70 bis 80 Prozent gehen als Gewinnausschüttungen an die Wettenden, der Rest entfällt auf Wettsteuern, Wettanbieter und Rennvereine.

Klickt man sich durch Trotto, das Wettportal des Berliner Trabrennvereins, oder Wettstar, wo sich Pferderennen nicht nur aus Mariendorf und Karlshorst, sondern auch aus Paris, York, Kilbeggan, Delaware Park, Charlottetown, Aarhus und vielen anderen Orten weltweit im Stream verfolgen lassen, bekommt man ein Gefühl dafür, warum für viele der Weg zur Rennbahn überflüssig geworden ist. Es braucht nur ein paar Mausklicks, die Wette ist schnell mit der Karte oder PayPal bezahlt. Kein Anstehen am Kassenschalter, kein Wettschein, den man ausfüllen und kein Bargeld, an das man denken muss.

Wer trotzdem noch nach Mariendorf kommt, sucht etwas, das der Bildschirm nicht liefern kann: das Erlebnis vor Ort. Auch die Gaschs schauen manchmal auf diesen Portalen vorbei, „nur so zum Spaß“, wie Liane Gasch sagt. Am Renn­abend in Mariendorf, kurz bevor das erste Rennen losgeht, scrollt sie über den Bildschirm ihres Handys. „Guck, ich hab in Schweden gewonnen“, sagt sie und hält es ihrem Mann hin, dann packt sie es wieder weg und blickt nach vorne auf die Rennbahn.

Wie klein der Pferdewettmarkt im Vergleich zu den Sportwetten ist, zeigen die Zahlen der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL). Der gesamte deutsche Glücksspielmarkt erreichte im Jahr 2025 Bruttospielerträge von rund 14,4 Milliarden Euro. Etwa 1,9 Milliarden Euro entfielen auf Sportwetten, die überwiegend online abgeschlossen wurden. Pferdewetten kamen dagegen lediglich auf rund 40 Millionen Euro, die Hälfte davon im Internet.

Summen in schwindelerregender Höhe dürften in den offiziellen Statistiken erst gar nicht auftauchen, weil sie bei illegalen Wettanbietern umgesetzt werden. Die GGL schätzt, dass rund ein Viertel des Glücksspielmarktes illegal ist, der Deutsche Sportwettenverband (DSWV) spricht hingegen von rund der Hälfte. Besonders deutlich dürfte das beim Fußball werden, der den Sportwettenmarkt weltweit dominiert. Allein für die gerade zu Ende gegangene Fußball-Weltmeisterschaft rechnete der DSWV mit Wetteinsätzen von rund einer Milliarde Euro in Deutschland, von denen rund 300 bis 400 Millionen Euro bei illegalen Anbietern landen könnten. Würde man den Blick global weiten, bewegt sich das Geschäft mit Sportwetten längst im Milliardenbereich. Um den Sport geht es dabei gar nicht mehr, sondern nur noch um Geschäft.

In Mariendorf scheint an jenem Samstagabend die Welt noch in Ordnung. Pünktlich um 18 Uhr traben die sieben Pferde mit ihren Sulkys und Fahrern los, der Start ist leise, ohne viel Getöse, dann schallt die Stimme des Rennmoderators durch die Lautsprecher. Hubertus Gasch zückt sein Fernglas, um zu sehen, ob Victus tatsächlich vorne liegt. Dann nähern sie sich dem Ziel. Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Victus, Pedrus und Very Hot Pants.

Nach zwei Minuten und 20 Sekunden ist das Rennen vorbei: Victus hat gewonnen. Hubertus Gasch hatte recht.

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