Nil-Staudamm geht in Betrieb: Äthiopien feiert „neue Ära“

Äthiopiens Premierminister wirft die erste Turbine seines gigantischen Staudamms am Blauen Nil an. Es soll Afrikas größtes Wasserkraftwerk werden.

Menschen auf dem Gelände eines Wasserkraftwerks

Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed (vorn) begeht das Wasserkraftwerk GERD Foto: Office of the Prime Minister

BERLIN taz | Ein kleiner Schritt für Afrika, ein großer für Äthiopien: Am Sonntag hat das Land offiziell den „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ (GERD) am Blauen Nil in Betrieb genommen, um dessen Bau die beiden regionalen Großmächte Äthiopien und Ägypten an den Rand eines Krieges geraten sind.

Die „Geburt einer neuen Ära“ pries Premierminister Abiy Ahmed auf Twitter, nachdem er die erste der zehn Turbinen des größten Staudamms in Afrika angeworfen hatte. „Dies ist eine gute Nachricht für unseren Land und die Länder flussabwärts, mit denen wir zusammenarbeiten wollen“, fügte er hinzu.

Der 145 Meter hohe Staudamm GERD mit einer Stauseekapazität von 74 Milliarden Kubikmetern Wasser soll bei vollem Betrieb eine Stromkapazität von 5000 Megawatt (5 Gigawatt) entfalten und wäre damit das größte Kraftwerk Afrikas.

Äthiopien mit seiner schnell wachsenden Bevölkerung von derzeit rund 120 Millionen Menschen, von denen nur eine Minderheit elektrischen Strom hat, würde damit seine bisherige Stromkapazität verdreifachen. Das soll nicht nur den äthiopischen Strombedarf decken, sondern auch Ostafrikas rasch wachsenden Energiehunger stillen.

Ägypten lehnt das Bauwerk ab

Doch Sudan und insbesondere Ägypten, die beiden Länder flussabwärts von Äthiopien, fürchten Nachteile für ihre eigene Wasserversorgung, wenn die Strömung des Blauen Nils – aus dem 80 Prozent des Nilwassers kommen – zukünftig vom GERD-Staudamm reguliert wird. Sie sind beide größtenteils von Wüste bedeckt, der Nil ist ihre Lebensader und sie berufen sich für die Kontrolle über seine Nutzung auf alte Kolonialverträge, die Äthiopien allerdings nicht anerkennt, weil es kein Vertragspartner war.

Nationalistische Kreise in Ägypten haben Äthiopien für den Fall der Inbetriebnahme des Damms ohne vorherige Einigung über die Wassernutzung mit Krieg gedroht.

Nun ist die erste GERD-Turbine ohne vorherige Einigung in Betrieb gegangen. Die Auswirkungen davon dürften zunächst bescheiden sein: es bleibt vorerst bei einer Turbine, mit einer Kapazität von 375 MW. Eine zweite soll demnächst in Betrieb gesehen, weitere Planungen sind noch nicht bekannt.

Das dürfte für Sudan und Ägypten nicht viel ändern – sichtbarere Wirkungen hatte die Befüllung des Stausees ab 2020, die von massiven Überschwemmungen in Sudan begleitet wurde.

Vermittlung ist bisher gescheitert

Alle Bemühungen um neue Verträge zwischen den Anrainerstaaten des Nils sind bisher gescheitert. Nachdem der einstige US-Präsident Donald Trump nichts erreicht hatte, weil Äthiopien seine Vorschläge als zu pro-ägyptisch ablehnte, rief Ägypten den UN-Sicherheitsrat an, der das heikle Thema prompt an die Afrikanische Union weitergab.

Vergangenes Jahr schlug sich Felix Tshisekedi, Präsident der Demokratischen Republik Kongo, in seiner Funktion als amtierender AU-Präsident erfolglos mit dem Nil herum – Ägypten lehnte die AU als Vermittler ab, weil sie ihren Sitz in Äthiopien hat. Derweil lief der Stausee unweigerlich voll, es entstanden Fakten.

Für Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed ist die Inbetriebnahme von GERD ein Triumph, nachdem er im Rahmen seines seit November 2020 tobenden brutalen Krieges gegen die in der Nordregion Tigray herrschende TPLF (Tigray-Volksbefreiungsfront) sein positives Image weitgehend verloren hat.

Immer wieder wurde von äthiopischer Seite der Verdacht geäußert, Ägypten unterstütze die TPLF – viele geflohene Tigrayer haben sich in Sudan niedergelassen. Nun zeigt aus Regierungssicht der Staudamm, dass der Tigray-Krieg Äthiopiens Entwicklungsagenda nicht blockieren kann.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de