piwik no script img

Neuzuschnitt des StrommarktsSchleswig-Holstein zieht es Richtung Dänemark

Das Fraunhofer-Institut schlägt vor, das nördlichste Bundesland aus dem deutschen Strommarkt herauszubrechen. Im restlichen Deutschland würden dadurch die Energiepreise steigen.

Schleswig-Holstein mischt mit der Idee eines radikalen Neuzuschnitts des deutschen Strommarkts die Energiewirtschaft auf: Das Bundesland könnte sich aus dem einheitlichen deutschen Strommarkt herauslösen und eine gemeinsame Strompreiszone mit dem westlichen Dänemark bilden. Eine entsprechende Studie hat jetzt das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE im Auftrag der landeseigenen Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein erstellt. „NordicTwinSeaZone“ soll das neue Konstrukt heißen.

Bislang gibt es an der Strombörse nur eine einheitliche deutsche Gebotszone. Es spielt also für die Preisbildung keine Rolle, wo Erzeuger und Verbraucher ansässig sind. In den Teilen Deutschlands mit Stromknappheit gilt somit der gleiche Großhandelspreis wie in Regionen mit Überschuss. In der Praxis führt das immer wieder zu Fehlanreizen, zum Beispiel beim Einsatz von Stromspeichern.

Bereits im vergangenen Frühjahr hatten daher die europäischen Übertragungsnetzbetreiber Analysen zur Aufspaltung Deutschlands in bis zu fünf Preiszonen vorgelegt. In jeder Zone würde sich dann ein eigener Strompreis gemäß Angebot und Nachfrage bilden. Neu ist nun der Gedanke, eine gemeinsame Preiszone mit einem Nachbarland zu schaffen.

Bislang gibt es an der Strombörse nur eine einheitliche deutsche Gebotszone. Es spielt also für die Preisbildung keine Rolle, wo Erzeuger und Verbraucher ansässig sind

Würde man Schleswig-Holstein (und in einem zweiten Schritt auch Hamburg) aus dem deutschen Strommarkt herausbrechen, könnten in der neuen Zone die Preise im Mittel um rund vier Prozent sinken, so das Fraunhofer-Institut. Im restlichen Deutschland würde der Strompreis im Gegenzug tendenziell steigen, weshalb es in den industriestarken Bundesländern Widerstände gegen regionale Preise gibt. Besonders Bayern hatte sich in der Vergangenheit dazu deutlich positioniert.

Der Vorteil für das Stromsystem liegt jedoch auf der Hand, weil der Redispatch-Aufwand sinkt. Als Redispatch bezeichnet man den regulatorischen Eingriff der Netzbetreiber in Erzeugung und Verbrauch abseits der Marktmechanismen – sie können zum Beispiel Windkraftanlagen abregeln. Redispatch wird notwendig, weil das Stromnetz nicht ausreichend ausgebaut ist, um den produzierten Strom dorthin zu transportieren, wo er gebraucht wird.

Vorschlag käme der Netzrealität entgegen

Eine Abtrennung Schleswig-Holsteins aus der deutschen Stromgebotszone käme der Netzrealität ein Stück entgegen und würde das Volumen der jährlichen Eingriffe um eine Terawattstunde (Milliarde Kilowattstunden) reduzieren, errechneten die Wissenschaftler. Das Gesamtvolumen des Netzengpassmanagements in Deutschland belief sich 2025 auf 30 Terawattstunden.

Nun würden tendenziell fallende Strompreise im Norden zugleich die Ertragssituation der Windkraft verschlechtern. Um das wiederum zu vermeiden, sollen parallel Anlagen mit mindestens drei Gigawatt zur Wasserstofferzeugung aufgebaut werden. Sie sollen den überschüssigen Windstrom aufnehmen. Damit soll sich in der neuen Preiszone die Zahl der Stunden mit negativen Strompreisen gegenüber der heutigen Einheitszone um 35 Prozent reduzieren. Das käme der Windkraft zugute, weil es in Zeiten negativer Preise für die Windkraft keine Marktprämie gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gibt, die der Staat zahlt. Zugleich könnte man den erzeugten Wasserstoff mühelos grün färben. Denn wenn der Strom in einer Gebotszone zu mindestens 90 Prozent erneuerbar ist, darf man den Wasserstoff ohne weitere regulatorische Auflagen als grün verkaufen. Bis das in Gesamtdeutschland so weit ist, wird es noch dauern.

So soll mit diesem ausgeklügelten Konzept der Spagat gelingen, einerseits die Strompreise zwischen Nord- und Ostsee zu senken, andererseits aber den Windkraftanlagen Mehrerlöse zu verschaffen. Der mittlere Marktwert des Stroms aus Windkraft an Land werde durch das Konzept nämlich um sechs Euro pro Megawattstunde steigen, so die Wissenschaftler.

Bisher nur Szenarien

Aber es sind eben nur Szenarien. Auch eine vorübergehende Ertragsminderung für die Stromerzeuger ist denkbar, wenn es dauert, bis neue Verbraucher wie Elektrolyseure und Rechenzentren zur Stabilisierung der Preise angeschlossen sind. Die Wissenschaftler halten zudem eine Anpassung der Marktprämie im EEG für nötig. Was sie genau vorschlagen, war auf Rückfrage jedoch nicht zu erfahren. Somit bleibt offen, ob durch das Konzept auch zusätzliche Kosten für das EEG-Konto und damit für den Bundeshaushalt entstehen würden.

Damit die Idee aus dem Norden Wirklichkeit werden kann, müsste nun ein langwieriger politischer Prozess folgen. Zum einen ist für solche Marktumbauten eine EU-Genehmigung nötig, auf nationaler Ebene ist zudem eine Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes erforderlich. Damit steht die Debatte noch ganz am Anfang.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare