Neues Stück von Philippe Quesne: Ob das Leben eine Sichtweise hat
Die Kunst, sie raucht und schäumt. Erstmals in Deutschland präsentierte Philippe Quesne „Le Paradoxe de John“ am Freitag im Berliner Hebbel am Ufer.
Ein Klappstuhl aus Holz hängt an einem Haken von der Bühnendecke. So ein ganz schlichter ist es, wie man ihn für ein Event beim Ausstattungsbetrieb leihen könnte. Baumelt da auf Augenhöhe. Einfach so. Oder auch nicht, denn es handelt sich um ein Kunstwerk. Wir befinden und in den Räumen einer Galerie.
„Die emanzipierte Zuschauerin“ heißt die Arbeit, erklärt die Performerin (Isabelle Angotti), die in Philippe Quesnes Stück „Le Paradoxe de John“, das am Freitag im Berliner HAU erstmals in Deutschland gezeigt wurde, die Rolle einer Galeristin oder auch nur Verwalterin der Galerieräme von „Serge“ einnimmt. Ein Leitungswechsel scheint anzustehen, drei neue sind da (Céleste Brunnquell, Marc Susini, Veronika Vasilyeva-Rije). Und so läuft es auch mit jener Installation: Sofort wird Hand angelegt.
Eine Plastikplane drum, ein Paar Cowboystiefel drunter – „So ist es besser, oder?“. Rauch wird hineingeblasen „Il fumo, il fumo“. Fehlt noch ein neuer Titel. Man einigt sich auf „Die Zyste meiner Muster“.
Einer wirklichen Handlung folgt das Geschehen auf der Bühne nicht, eher ist es ein Reigen aus Szenen. Slapstickartigen Einlagen, komischen Situationen auch. Die Pseudernsthaftigkeit der Kunst wird da aufs Korn genommen. Quesne tut das aber ganz sanft. Er lässt ihr ihren Raum, plädiert vielmehr unterschwellig für ihre Eigenheiten.
Ahs und Ohs
Trotz all dem Irrwitzigen, was da passiert, etwa wenn der „norwegischen Künstler Jasper“ (Marc Chevillon), Seife ins Wasserstoffperoxid kippt, sich der Schaum türmt und Ahs und Ohs auslöst. „Incredibile“, „Fantastico“.
Acht Stücke hat der französische Regisseur Philippe Quesne im HAU bereits gezeigt. „Le Paradoxe de John“ feierte im November in Paris Premiere, wandert nun weiter ins Hamburger Kampnagel.
Ausgangspunkt, so erzählt es Quesne beim anschließenden Q&A mit der Künstlerin Leila Hekmat, seien die Gedichte der 2023 mit dem Prix Goncourt für Poesie ausgezeichneten Laura Vazquez gewesen. Sie sind es denn auch, die dafür sorgen, dass der Abend nicht in Leichtigkeit versickert, Vazquez Zeilen, die über drei Leuchtkästen laufen oder von den Performer:innen ausgesprochen werden. Warum sich Menschen Dingen unterordnen, die sie nicht verstehen, wird da etwa gefragt. Oder ob das Leben eine Sichtweise hat. Sie legen sich darüber, hüllen ein, wie der holzfarbene PVC-Belag, in den sich zwei Performerinnen zwischenzeitlich betten.
Gespensterhafte Wesen
Das bleibt freilich alles vage und assoziativ. Mit Erklärungen, klaren Aussagen hat es Quesne eh nicht so. Während des Q&As will ein Mann aus der ersten Reihe von ihm wissen, was sich unter den grauen Decken der gespensterhaften Wesen befindet, die eine Ecke der Bühne bewachen.
Er verweigert die Antwort, nur dass sich darunter keine Personen befänden, verrät Quesne. Was man tatsächlich hätte denken können. Einmal, erzählt er, sei er sogar nach den Namen der Statist:innen gefragt worden, um diese im Programmheft erwähnen zu können.
Man müsste die Menschen in Toulouse anrufen, sagt er dann noch, da habe es einen Vorfall mit einer der „Maschinen“ gegeben, deshalb wüssten sie Bescheid. Vielleicht besser nicht, die Kunst von Quesne braucht ihre Rätsel. Überhaupt: Wer ist eigentlich John?
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