Neues Konzept für Schulbauten: Ein Schulklo für alle Geschlechter?

Hamburg baut in neue Klassenhäuser standardmäßig Unisex-Toiletten. Es gibt keine Pissoirs mehr. Geschlechtertrennung organisiert jede Schule selbst.

Geöffnete blaue Türen geben einen Blick auf weiße Toiletten vor gelber Wand frei.

Hinsetzen kann sich hier jede/r: die neuen Schulklos mit deckenhohen Kabinenwänden Foto: Martin Kunze

HAMBURG taz | Hamburgs Schülerzahl wächst, die Stadt braucht mehr Klassenräume. Schulsenator Ties Rabe und Finanzsenator ­Andreas Dressel (beide SPD) stellten am Montag das Modul-Konzept „Hamburger Klassenhaus“ vor, mit dem in nur 21 Wochen aus Stahlrahmen-Modulen mehrstöckige Schulhäuser entstehen. Die Fassade kann variieren, bei der Innen-Aufteilung dürfen die Schulen viel mitbestimmen. Was aber auffällt beim Blick auf den Grundriss, den die „Schulbau Hamburg“ ins Netz stellte: Es gibt pro Etage einen großen Toilettenraum.

Auf taz-Nachfrage erklärt Claas Ricker, Sprecher der Finanzbehörde, dass es Unisex-Toiletten sind. Die werde nicht als „dritte Option“ angeboten, sondern als „Toilettenanlage für alle Kinder“. Die Entscheidung darüber treffe jeweils die Schulleitung mit dem Architekturbüro. Laut Ricker entschieden sich aber alle elf Schulen, die bisher so ein Klassenhaus bekamen, für die Unisex-Variante. Deshalb böten die Architekten diese jetzt als Standard an. Und seit diesem Jahr sind sie explizit Bestandteil der „Leistungsbeschreibung Bau“ für staatliche Schulen der Stadt. „Alle Anlagen haben getrennte Kabinen, auf Pissoirs wird dabei verzichtet.“

Mit der Idee von Unisex-­Toiletten soll unter anderem verhindert werden, dass Trans- und Interpersonen diskriminiert werden. Die rot-grüne Regierung schrieb in ihren Koalitions­vertrag, sie wolle bei Toiletten das Ziel der „Gendergerechtigkeit“ verfolgen. Andererseits mahnen manche Feministinnen, dass separate Mädchentoiletten als Schutz- und Rückzugsräume weiter wichtig sind.

Nach Schutzräumen gefragt, erklärt Schulbehördensprecherin Luisa Wellhausen, es sei möglich, dass eine Schule im laufenden Betrieb auf eine „gendergetrennte Variante“ umschwenkt und die als Unisex-Toiletten gebauten Räume pro Stockwerk dann einem Geschlecht zuordnet. „Bezogen auf die Frage von Übergriffen ist es gut, wenn es immer mindestens drei Kategorien gibt: unisex, für Mädchen beziehungsweise Frauen und für Jungen beziehungsweise Männer.“ Da die Klassenhäuser als Ergänzung zu Schulgebäuden gebaut würden, würden diese zusätzlich zu den bestehenden Jungs- und Mädchentoiletten genutzt werden. „Es geht hier also nicht um die Abschaffung geschlechtsspezifischer Räume“, so Wellhausen.

Kinder sollen Details entscheiden

Laut Ricker sind 14 weitere Klassenhäuser im Bau und sechs in Planung. Im Januar bezogen wird das dreistöckige Haus der Grundschule Fabriciusstraße in Bramfeld, das auf 1.350 Quadratmetern vier Fachräumen und acht Klassen Platz bietet. Auch diese Schule entschied sich für die Unisex-Toiletten mit den deckenhohen Wänden. „Wir glauben, dass es gut ist, weil es keine Urinale gibt. Kinder, auch die Jungen, mögen lieber Sitztoiletten“, sagt Schulleiterin Birgit Möller.

Es gebe ja auch die Option, nach Etagen zu trennen oder auch einzelne Kabinen mit Symbolen Jungen oder Mädchen zuzuordnen. „Wie wir das machen, werden wir auf einer Jahrgangsversammlung mit den Kindern besprechen“, sagt Möller. „Bei älteren Schülern würde ich die Toilettenräume getrennt lassen. Da muss man anders sensibel mit umgehen.“

Bereits seit diesem Sommer genutzt wird das Klassenhaus des Marion-Dönhoff-Gymnasiums in Blankenese. Dort sind die Toiletten nach Stockwerk getrennt: Oben ist die Jungs­toilette, im mittleren Stockwerk die Unisex-Toilette und im Erdgeschoss die für Mädchen. „Wir haben das lange diskutiert“, sagt Schulleiter Christian Gefert. Mit der Lösung hoffe man, allen gerecht zu werden.

„Ehrlich gesagt kommen diese neuen Kabinen sehr gut an, weil sie rundum abgeschlossen sind.“ Das Thema sei durchaus ambivalent, so Gefert. „Sollte sich herausstellen, dass zum Beispiel Mädchen diese mittlere Toilette meiden, müssten wir das Konzept noch mal prüfen.“ Auch könnte der Verzicht auf Urinale zu hygienischen Problemen führen.

Mädchen machen eher einen Bogen ums Unisex-Klo

Nicholas Tümmers ist Schülervertreter am Dönhoff-Gymnasium und hat sich umgehört. „Zurzeit wissen wir hier zwar vom keinem, der sich nicht im binären Gendersystem sieht. Es gab aber mal einen Jungen, der mal eine Sie war.“ Ihm fällt auf, dass bei Jungen die Schamgrenze niedriger sei und sie weniger Hemmungen hätten, sich eine Toilette mit Mädchen zu teilen als umgekehrt. „Die Mädchen machen eher einen Bogen darum und sagen, sie würden sie nur im Notfall benutzen.“ Es könnte auch daran liegen, dass es keine Pissoirs gibt und der eine oder andere „nicht ganz zielsicher“ sei.

Tümmers plädiert dennoch dafür, die Unisex-Toilette zu belassen und auf „Toiletten-Etikette“ zu achten. „Es sollten sich auch alle Jungs hinsetzen, auch aus Rücksicht auf die anderen Jungen“, sagt der 18-Jährige. „Und vielleicht braucht diese Veränderung Zeit und wir finden das in vier Jahren alle ganz normal.“

Die Linken-Politikerin Sabine Boeddinghaus sagt, sie habe noch nichts von den Unisex-Toiletten gehört und würde das gern diskutieren. Sie könne sich nicht vorstellen, dass Mädchen es toll finden, den Raum vor den Waschbecken mit Jungs zu teilen. „Es muss diesen Rückzugsraum weiter geben.“ Auch die Elternkammer-Vorsitzende Alexandra Fragopuolos sagt, sie wisse noch nichts von dieser Neuerung. Die Kammer werde sich aber damit befassen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de