Neues Album vietnamesischer Band: Thrill-Ride durch die Apokalypse

Das Experimentalmusikkollektiv Rắn Cạp Đuôi veröffentlicht ein neues Album. Es klingt nach Aliens, Sperrfeuer und springenden Schrauben.

Die drei Musiker sitzen vor einer Garage, daneben ein Motorroller

Interes­sieren sich mehr für Sounds als für Melodien: die Jungs von Rắn Cạp Đuôi Foto: Jane Pujols

Es gibt im Englischen das schöne Wort „glitch“, das so was wie „Störimpuls“ oder „kleiner Defekt“ bedeutet. Gleichzeitig klingen zumindest für Deutschsprechende auch Wörter wie „Glibber“ mit, etwas Nasses, Zähflüssiges also. Genau nach dieser Mischung klingt auch das neue Album von Rắn Cạp Đuôi, einem Experimentalmusik-Kollektiv aus Saigon, Vietnam. Die Band besteht seit etwa neun Jahren, damals waren ihre drei Mitglieder noch Teenager.

„Ngủ Ngày Ngay Ngày Tận Thế“, das neue Album, das übersetzt etwa die Apokalypse durch- beziehungsweise verschlafen bedeutet, zeichnet vor allem die Mischung aus organischem und technischem Sound aus. Gleich im Eingangstrack „Images“ etwa lässt man sich von dumpfen Herzschlag-Geräuschen einlullen, die nur mit Kopfhörern wirklich wahrnehmbar sind, um dann von einer arg zersplitterten Kick-Drum wieder in die dissonante Wirklichkeit gerissen zu werden.

Wobei diese Wirklichkeit irgendwo im Weltraum angesiedelt sein muss, irgendwo, wo Zeit und Raum ein bisschen anders funktionieren als auf der Erde. Dunkel fühlt man sich auch an Filme wie „Das fünfte Element“ erinnert: futuristisch schon, aber trotzdem ein bisschen kaputt, angerostet. Hier und da springt mal überraschend eine Schraube heraus, woanders steigt Rauch auf.

Dieses Mechanische im Sound, man könnte es auch mit Motorrädern in Verbindung bringen, die in Ho-Chi-Minh-Stadt, wie Saigon heute heißt, omnipräsent sind. Die Verbindung zur Heimatstadt ist von Rắn Cạp Đuôi durchaus beabsichtigt, die ihr Album als einen „surrealen und psychedelischen Thrill-Ride“ durch vietnamesische Traditionen und Kultur verstehen.

Klänge der südostasiatischen Großstadt

Immer wieder sind die südostasia­tischen Einschläge auch zu hören, etwa in „Eri Eri Eri Eri Eri Rema Rema Rema Rema Rema“, wo hinter akustisches Sperrfeuer – Schwertklirren, Fast-Forward-Geräusche – Marktgesänge und asiatische Zupfinstrumente geschnitten werden. Oder auch in „Distant People“, wo möglicherweise Reis auf ein Snare-Drum-Fell geschüttet wird; so ganz genau lässt sich das bei Rắn Cạp Đuôi nicht sagen, zu verfremdet sind die zerstückelten Soundeffekte.

Die Musik erinnert dunkel an den Film „Das fünfte Element“: futuristisch schon, aber trotzdem ein bisschen kaputt, angerostet

Die Band setzt die verschiedenen Klänge als Störgeräusche ein, die aus dem eigentlichen Stück herausreißen, das wiederum fast nur aus Störgeräuschen besteht – „glitch“ eben.

Wenn „Ngủ Ngày Ngay Ngày Tận Thế“ als Vertonung Saigons gehört werden will, dann findet sich auch das Widersprüchliche der Stadt darin wieder, die bis 1975 als Hauptstadt des von den USA unterstützten Südvietnams fungierte. Unleugbar eine asiatische Großstadt, säumen die Straßen Ho-Chi-Minh-Stadts US-amerikanisch aussehende Cafés, zudem zeugt die große Basilika, die Notre-Dame von Saigon, vom Leben unter den französischen Kolonialherren.

Die Titel auf dem Album von Rắn Cạp Đuôi, die auf Deutsch übrigens Skorpionschwänze heißen, sind so auch abwechselnd englisch und vietnamesisch. Auch das Kollektiv selbst ist multinational: Neben Bassist und Produzent jung buffalo (Đỗ Tấn Sĩ) hat Phạm Thế Vũ die Lyrics für „Ngủ Ngày Ngay Ngày Tận Thế“ verfasst. Die Musik stammt hingegen fast ausschließlich von Zach Schreier, der sich nur Zach Sch nennt und auf dem Album den Tod seines Vaters verarbeitet.

Melodiöses als Kontrapunkt

Als Schlüsselstück lässt sich so womöglich „Denial and Caves“ verstehen, das trotz seines Titels das fröhlichste, melodischste Lied des Albums ist. Vogelgezwitscher und das Summen und Surren von Insekten breiten sich hier ungestört aus, ohne wie sonst von Alien-Sounds durchstoßen zu werden. Lediglich die langsamen Orgelklänge darunter lassen die Zu­hö­re­r:in­nen an eine Beerdigung denken.

Auch der letzte Song des Albums „Đme giựt mồng“ stimmt hoffnungsvoll, doch der Text, den die Band für die taz aus dem Viet­namesischen ins Englische übersetzt hat, spricht von dunklen Zeiten: von falschen Seelen, falschen Geliebten, die aus Kokons entschwinden, und dem Tod.

Rắn Cạp Đuôi: „Ngủ Ngày Ngay Ngày Tận Thế“ (Subtext Recordings)

„Ngủ Ngày Ngay Ngày Tận Thế“ klingt anders als die Vorgängeralben des Kollektivs aus Saigon. „In a Grass House“ von 2014 ist wohltönend, sogar durchgängige Schlagzeugrhythmen gibt es. Auch das 2018er Album „Đẹp Trai Chết Hết“ ist noch unverkennbar melodisch, sanfter, mit Gesangspassagen. „Ngủ Ngày Ngay Ngày Tận Thế“ ist dunkler, weniger zum Träumen als zum Aufwachen geeignet, disruptiv.

Womöglich hängt das mit der Co-Produzentin des Albums zusammen: Verantwortlich zeichnet Ziúr, die in Berlin lebende DJ und Experimentalmusikerin. Hört man sich ihr neuestes Album „Antifate“ an, fällt auf, dass hier ähnlich klingende Kick-Drum-Punches verbaut wurden wie bei Rắn Cạp Đuôi. Nur der „glitch“ ist vielleicht nicht ganz so dominant.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de