Neues Album der Jazz-Allstar-Band KUU!: Brain in Pain

Auf „Artificial Sheep“ setzt das Berliner Quartett KUU! dem Wahnsinn der Gegenwart einen friemeligen und ausfransenden Sound entgegen.

Nahaufnahme der vier Bandmitglieder der Band KUU! vor einem dunklen Hintergrund, drei Bandmitglieder schauen nach links, der zweite Mann von links schaut in die Kamera

Haben gerade ihr drittes Album veröffentlicht: die Berliner Band KUU! Foto: © ACT_Gregor Hohenberg

Der Wahnsinn der Welt ist dieser Tage manchmal schwer zu fassen – will man es aber versuchen, so sollte man es so machen wie die Band KUU!. Das Berliner Quartett, musikalisch zwischen Jazz, Indie, Prog-, Math- und Noiserock zuhause, widmet sich in seinem Song „Shepherd“ jenen Mitmenschen, die sich in einer irrationalen Parallelwelt eingerichtet haben. Sängerin Jelena Kuljić singt über „Qanon, pizzagate, illuminati turned into fate / a strain of madness arises out of thin air, easy answer has a firm flair“, sie singt vom „lonely brain in pain“, das Stück klingt wie ein an die Verschwörungs­gläubigen gerichteter Bewusstseinsstrom.

„Shepherd“ ist so etwas wie der Titeltrack des neuen KUU!-Albums „Artificial Sheep“. Der Name des Albums referiert auf „Blade Runner“ und Phi­lipp K. Dicks Romanvorlage „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ (1968), Kuljić spielt in ihren Texten auf die Macht von Algorithmen und KI, auf Filterblasen und Echokammern an.

„Artificial Sheep“ ist das dritte Album von KUU! (finnisch „Mond“), die Band hat sich auch auf ihrem 2018er-Album „Lampedusa Lullaby“ schon mit großen politischen Themen auseinandergesetzt. Neben Schauspielerin und Musikerin Kuljić wirken noch die Berliner Szenegrößen Kalle Kalima (Gitarre und Bass), Frank Möbus (Gitarre) und Christian Lillinger (Schlagzeug) mit.

KUU!: „Artificial Sheep“ (ACT Records)

KUU! spielen einen sperrigen Sound, der live zu ganz großer Form aufläuft, hier aber auch auf Tonträger gut funktioniert. Für Einsteiger empfiehlt sich das Beastie-Boys-Coverstück „Sabotage“ (1994), das KUU! in ein Progrock- und Jazzstück überführen. Wie in vielen anderen Stücken macht es auch hier Spaß, den Wendemanövern der Rhythmussektion und den friemeligen Gitarrenklängen zuzuhören. Das zweite Coverstück, Arcade Fires „My Body Is A Cage“ (2007) ist etwas originalgetreuer, passt aber sehr gut in die pandemische Zeit.

„Artificial Sheep“ ist definitiv nicht nur für Jazzfans, am ehesten ist es als sehr gelungenes Postrock-Album zu bezeichnen, das angenehm abschweift und ausfranst in alle Richtungen.

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ist freier Journalist und Autor. Er schreibt vor allem über Musik, Literatur, Sport, Gesellschaftsthemen. Arbeitet seit 2011 für die taz, derzeit auch als Redakteur im Wochenend-Ressort.

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