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Album „The Mountain“ von GorillazWiedergeburt mit gefälschtem Pass

Das britische Kunstpop-Projekt Gorillaz ist für sein neues Album „The Mountain“ nach Indien gereist, um Trauer zu bewältigen. Ist die Musik nur gut fürs Karma?

Ein Filmstill aus dem Animé „The Mountain“ von Jamie Hewlett, in dem die Gorillaz nach Indien reisen Foto: Gorillaz

Tod und Sterben cool machen. Trauer ist cool? Richtig gelesen, das ist die Idee hinter dem neuen Album „The Mountain“ der britischen Graphic-Novel-Popband Gorillaz. Wobei „cool machen“ salopp bedeutet, europäische Trauerrituale zu hinterfragen und hinduistische Zeremonien als trostspendende Alternative in Erwägung zu ziehen.

Musikalisches Vagabundentum haben Damon Albarn und seinen Gorillaz-Mitstreiter, den Illustrator Jamie Hewlett, zur Erbauung für längere Zeit nach Indien geführt und dort vor allem in die Region Jaipur pilgern lassen – auf der Suche nach Antworten zu existenziellen Fragen wie den Sinn des Daseins und den Umgang mit der eigenen Sterblichkeit. Der Verlust ihrer eigenen Eltern belastete die beiden Künstlerkollegen zuvor immens.

Also fanden die Gorillaz Trost bei den farbenfrohen und lebendigen Trauerritualen, auf die sie in Indien stießen. Es geht auf „The Mountain“ also um Tod und Wiedergeburt, die ganz großen Themen und dieser musikalisch exzellent vertonten Universalität hört man gern zu. Indien als Sehnsuchtsort ist seit den Ausschweifungen und Meditationsreisen der Hippies ab Ende der 1960er hinlänglich bekannt. Aber dieses Album fügt der Suche nach Spiritualität eine interessante neue Facette hinzu.

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„The Mountain“ von Gorillaz

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Aufnahmen vor Ort

Ein Teil der Musik wurde auch vor Ort aufgenommen und dementsprechend vielfältig und weltumarmend klingen die 14 Songs. Die fiktive Geschichte der von Jamie Hewlett gezeichneten Cartoon-Band dazu: „The Mountain“ erzählt, was passiert, als die animierte Band bestehend aus Murdoc Niccals, Russel Hobbs, 2D und Noodle mithilfe von vier gefälschten Pässen nach Mumbai umzieht.

Gorillaz: „The Mountain“ (Kong Records/Membran)

Good Vibrations hört man dem Intro von „The Mountain“ immer an. Kein Verzagen angesichts der Trauerarbeit hört man aus vielen Songs zwischen Rap, Pop und Dancefloor, sondern Aufbruch und aufrichtige Fröhlichkeit. Signifikant dabei natürlich immer Albarns stark verfremdete Stimme, über die lustigerweise geschrieben wurde, sie klänge wie „ein Notruf aus den Trümmern eines Barackenviertels“.

Globalpop-Einflüsse mischt die Musik auf „The Mountain“ raffiniert mit straightem melodischen Pop, also zumindest was Albarn seit Blur-Tagen darunter versteht und so unterscheidet sich der Sound frappierend von traditioneller indischer Musik. Für das Album hat die Band sogar das Label Kong gegründet.

Die eingängige Single-Ausskoppelung „The Happy Dictator“ mit Ron und Russell Mael von den Sparks ist zwar nicht mehr so prägnant wie frühere Singles wie „Feel Good Inc“ und „Melancholy Hill“, aber dennoch mit hohem Wiederkennungsfaktor. Wie stets darf man sich nicht vom Gorillaz-Wohlfülsound blenden lassen, denn die hintersinnigen und gesellschaftskritischen Kommentare der Texte bleiben scharf: „In a world of fiction/I am a velvet glove (oh, what a happy land we live in)/I am your soul, your resurrection, I am the love/ So look out to the west now/See where the devil lies/ Its pharmakon is with you and your empire it is paralysed/I'll propagate eternity and seal it with my kiss.“

Klugerweise hat Albarn sein Song-Archiv durchforstet, um ungenutzte Gesangsschnipsel von inzwischen verstorbenen Gastsängern der Gorillaz herauszusuchen. Bobby Womacks Soulstimme wird etwa für „The Moon Cave“ reanimiert. Albarn promotet wie so oft in seiner musikalischen Arbeit (Africa Express) kaum bekannte Musiker wie etwa das Sarod-spielende Brüderpaar Amaan Ali Bangash und Ayaan Ali Bangash, Sitar-Virtuosin Anoushka Shankar, Bansuri-Flötist Ajay Prasanna und Tabla-Spieler Viraj Acharya. Alles klassische Hindustani-Musiker. Auch der syrischen Sänger Omar Souleyman steuert auf mehreren Songs Gesang bei und so amalgamieren sich für „The Mountain“ auf interessante Weise westliche, arabische und indische Musikstile.

Der Umgang ist dabei nie patronisierend, er macht neugierig und ist offen gestaltet. „The Mountain“ ist ein großartiges Album geworden, das zwar nicht an die Magie des Gorillaz-Albums „Plastic Beach“ heranreicht, für das Albarn Bandmitglieder von The Clash wieder zusammenbrachte, aber fast. Und wenn uns nur ein Gruß aus dem Jenseits von The-Fall-Sänger Mark E. Smith im elektrisierenden „Delirium“ erreicht.

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